Warum innere Festigkeit zur Schlüsselressource wird

Interview mit Florian Mehring
Florian Mehring, Psychologe und Coach, ordnet Persönlichkeitsentwicklung neu ein und zeigt, wie Überoptimierung, Erschöpfung und gesellschaftlicher Druck den Blick auf Entwicklung verzerren.

Haben Sie Veränderungen darin beobachtet, wie Persönlichkeitsentwicklung heute verstanden oder eingefordert wird?
Ich bin nicht sicher, ob ich die Frage richtig verstanden habe. Grundlegend ist Persönlichkeitsentwicklung eine sich stets und immer in uns vollziehende Prozesshaftigkeit. Wir gehen davon aus, dass der Mensch gleichzeitig über die Lebensspanne stabil bleibende Persönlichkeitsmerkmale und eine lebenslange Fluidität bestimmter Persönlichkeitsmerkmale durch Weiterentwicklung, Lernprozesse etc. in sich vereinigt. „Man ist, wie man ist“, und gleichzeitig kann man sich bis zum letzten Atemzug weiterentwickeln. Spannend, oder. Damit ist noch nicht ausgedrückt, ob die Entwicklung zum Positiven oder zum Negativen oder mal so und mal so pegelt. Zielgerichteter ist der Prozess der Persönlichkeitsentwicklung in dem Maß, in dem man sich dessen bewusst ist bzw. gezielt Lernwege adressiert oder integriert. Die Faktoren, die für die lebenslange Entwicklung eine Rolle spielen, sind unter anderem die genetische Anlage, die unablässig bewusst oder unbewusst stattfindenden gesammelten Lernerfahrungen sowie der Faktor Motivation.
Nun zu Ihrer Frage: Habe ich eine Veränderung beobachtet? Es gibt immer mehr Unsicherheit in Bezug darauf, was mit Persönlichkeit, die zu entwickeln ist, nun gemeint ist. Die allfällige Multioptionsdynamik unserer Welt und damit auch unseres Lebens führt nicht selten zur Verunsicherung des Menschen, wer oder was er ist, sein kann und sein will. Ferner erlebe ich eine zunehmend stärker werdende Grundannahme, die Umstände – Firma, „die Anderen“, die Politik, eine höhere Macht – seien für den Fortschritt innerhalb der eigenen Entwicklung zuständig. Diese Grundannahme mutiert häufig ungünstigerweise zu einer Selbstverständlichkeit. Die stärkste Veränderung allerdings erlebe ich im Bereich der Überoptimierung: „Sei stets und immer die allerbeste Version deiner selbst.“ In der Konsequenz sind viele Menschen sehr unzufrieden mit sich selbst, strapaziert, müde, gehetzt und leisten damit einem Erleben von Insuffizienz Vorschub. Teufelskreislauf.

Wie frei ist Persönlichkeitsentwicklung unter den Bedingungen moderner Arbeits- und Lebenswelten tatsächlich?
Die freie Entfaltung ist selbstredend selten wirklich frei. Unsere moderne Lebenswirklichkeit ist zwar höchst individualistisch genordet, dabei jedoch voller Gezwungenheiten. Ständig und stets, so mindestens der Eindruck, muss man irgendetwas müssen. Und zwar meist mehr, als man bereits konnte oder wollte. Im Job, in der Partnerschaft, als Teil der Gesellschaft, als verantwortungsbewusster Mensch etc. Vom Haben zum Sein ist wohl ein langer Weg – mindestens dann, wenn man kein Kind mehr ist.
Außerdem: Genau genommen sind natürlich gerade die Widerstände der Goldstaub für die Persönlichkeitsentwicklung. Herausforderungen, Überforderungen, Krisen – das sind die Orte und Momente, an denen wir, wenn wir nicht vollends scheitern, wachsen. So gesehen ist der Widerstand gegen den Widerstand oftmals das Hindernis auf dem Weg der Weiterentwicklung. Radikale Akzeptanz ist ein wichtiger Teilaspekt für die Bewältigung und Integration der Lebensherausforderungen und zahlt massiv auf das Konto Persönlichkeitsentwicklung ein.

Können Sie ein Beispiel aus Ihrer Praxis schildern, in dem Persönlichkeitsentwicklung messbar wirksam wurde?
Geschäftsführer eines mittelständischen Betriebs, circa 500 Mitarbeitende, kommt ins Coaching. Gut ausgebildet, smart, erfahren, klagt über Insuffizienzerleben und zeigt massive Erschöpfungssymptome. Es folgt eine diagnostische Phase mittels Anamnese und Persönlichkeitsdiagnostik. Dabei zeigt sich als vorrangiges Coachingziel die Steigerung der internalen Kontrollüberzeugung, also mehr Selbst- und weniger Fremdbestimmung. Dazu entwickeln wir gemeinsam einen Förderplan zur gezielten Stärkung derselben. Es folgen Übungen und Vertiefungen, Ende des Coachings. Etwa zwei Jahre später erfolgt eine Testwiederholung mit dem Ergebnis, dass die internale Kontrollüberzeugung signifikant gestiegen ist. Das war ein sehr schöner Erfolg für den Coachee.

Wie unterschiedlich wird Veränderung in Organisationen und im privaten Umfeld bewertet?
Sehr unterschiedlich. Veränderung und Weiterentwicklung kann gewollt, erwartet und als Normalität der beruflichen und privaten Fähigkeiten und Fertigkeiten verstanden und damit als Selbstverständlichkeit erlebt werden. Oder als Verunsicherung und als zu viel an Fluidität. „Es wäre schön, wenn alles so bleibt, wie es ist – auch du.“ Es kommt immer auf die Kontexte, die dahinterliegende Ethik, die soziokulturelle Prägung und Einstellungswerte an. Aber eines ist klar: Alles Leben ist Veränderung. Ich empfehle das Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse.

Welche Bedeutung hat Persönlichkeitsentwicklung vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Krisen?
Gegenwärtig brauchen wir Krisenfestigkeit und Zukunftsperspektive. Ferner müssen wir einen enorm schnellen und drastischen Wandel auf vielen verschiedenen Ebenen verkraften, besser noch mitgestalten. BANI ist diesbezüglich ein Schlagwort unserer Zeit. Will sagen, wir müssen tagtäglich extrem beweglich und agil im Leben stehen. Und damit das gelingt, benötigt jede und jeder eine innere Festigkeit und ein Gegründetsein – Persönlichkeitsentwicklung eben. Auf diese wichtigen Herausforderungen hin gilt es im Coaching tragfähige Lösungen zu erarbeiten. Dabei ist es allerdings auch ein Teil der Wahrheit, dass Coaching konzeptuell für einige dieser Herausforderungen zu kurz greift. Persönlichkeitsentwicklung benötigt Zeit und Millimeterarbeit. Coaching hat jedoch leider bisweilen den unguten Beigeschmack von Instantisierung und Hetze. Gründliche Veränderung braucht mehr Geduld. Dazu ist ein therapeutisches Setting gegebenenfalls besser geeignet.

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Florian Mehring

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