Welche aktuellen Trends und Entwicklungen sehen Sie im Bereich der Resilienzförderung in der Arbeitswelt, und wie wirken sich diese auf die Coaching-Branche aus?
Mittlerweile ist Resilienz ja zu einem Begriff geworden, der überall zu hören und zu lesen ist. Resilienz wird dabei oft als Zukunftskompetenz gesehen, was sicherlich richtig ist. Gleichzeitig nehme ich aber auch wahr, dass oftmals nicht ganz klar ist, was Resilienz genau bedeutet und vor allem, wie Resilienz entwickelt und gelebt werden kann. Von daher ist es meines Erachtens gut, den Begriff Resilienz wirklich erst einmal klar zu definieren, nämlich als die Fähigkeit, sich auf Stress, Herausforderungen oder Widrigkeiten vorzubereiten, angemessen darauf zu reagieren und sich davon wieder zu erholen.
Wenn wir den Begriff Resilienz dann noch mit Leben füllen, wird das Thema greifbar, handhabbar und ist somit auch nützlich für den Alltag. Ansonsten bleibt es eher eine Theorie, ein Konzept.
Resilienz ist eine Kompetenz, die wir ganz sicher mehr und mehr benötigen in der Welt, wie sie sich aktuell zeigt, nämlich in einer Welt, die eher bewegt und unsicher scheint. Da braucht es diese Kompetenz, die in uns liegt: die innere Stärke. Dann sind wir gut gewappnet für diese Zeitqualität. Resilienz bleibt in meinen Augen ein Lern- und Lebensprozess und ist irgendwie auch nie richtig zu Ende, aber es kann immer eine Schicht tiefer gehen und das Leben zeigt uns sozusagen im Spiegel, wie resilient wir sind. Und das natürlich insbesondere in Situationen, in denen es nicht nach Plan läuft. Ich denke, die Wichtigkeit des Themas wurde auf jeden Fall in der Arbeitswelt erkannt. Nur geht der Trend nach meiner Beobachtung noch etwas zu sehr in Richtung: schnelle Lösung.
Veränderung und Transformation braucht eben Zeit und wenn es ein ganzes System, z. B. ein Team betrifft, ebenso und umso mehr.
In meinem Coaching ist in Bezug auf das Thema Resilienz auf jeden Fall ein großes Interesse zu erkennen. Menschen wollen resilienter werden und zeigen eine große Offenheit diesbezüglich. Allein diese Offenheit schafft die Bereitschaft, Neues zu lernen, bekanntes Verhalten zu hinterfragen, Neues auszuprobieren und auch die eigenen Einstellungen zu überprüfen und vielleicht sogar die ein oder andere über Bord zu werfen.
Inwiefern stellt die Förderung von Resilienz in Unternehmen eine besondere Herausforderung dar, und welche Risiken können dabei auftreten?
Resilienz-Entwicklung ist ein Weg, ein Prozess, der wie eine Stufenleiter immer ein Stück weiter entwickelt werden kann. Und das braucht Zeit und das Dranbleiben. Idealerweise sollten Führungskräfte zunächst selbst ihre Resilienz entwickeln. Denn dann dienen sie als Vorbild und sie leben das, was sie von ihren Mitarbeitenden erwarten. Es betrifft ja die überfachliche Ebene. Oft fokussieren wir uns sehr auf das Fachliche. Und das andere läuft so nebenher. Das müsste sich, so denke ich, ändern: dass die menschlichen und auch die zwischenmenschlichen Fähigkeiten einen noch größeren Stellenwert im Arbeitsleben einnehmen und auch die Entwicklung dieser Fähigkeiten.
Resilienz sollte also kein theoretisches Konstrukt sein, sondern geübt und somit gelebt werden. Die acht Resilienzfaktoren, die ich im Coaching und in Workshops erarbeite, bieten sich wunderbar an, um diese ganz konkret auf das eigene Leben zu übertragen. Genau das braucht jedoch den Raum, immer wieder auch auf die Metaebene zu gehen, d. h. wie aus der Vogelperspektive auf das eigene Leben oder auf das Team zu schauen. Diese Zeit nehmen wir uns oft nicht. Das Risiko ist dann, dass der Begriff Resilienz eher ein unfassbarer, unkonkreter Begriff bleibt und somit auch nicht attraktiv ist zu erreichen, weil wir nicht wissen, wie das genau gelingen kann.
Können Sie ein Beispiel aus Ihrer Praxis geben, in dem durch gezielte Resilienzmaßnahmen signifikante Verbesserungen im Berufsalltag erzielt wurden?
Ja, gerne. Als Beispiel aus meiner Praxis fällt mir eine Dame ein, die ein Resilienz-Coaching gebucht hat als Weiterbildungsmaßnahme über ihren Arbeitgeber. Sie hatte Schwierigkeiten, in Stress-Situationen handlungsfähig zu bleiben und trotz Stress souverän und wirksam zu bleiben. In diesem Fall ging es um Kundengespräche.
Wir haben zunächst gemeinsam die acht Resilienzfaktoren beleuchtet und auch ihre persönlichen Stärken. Anschließend haben wir daran gearbeitet, wie sie handlungsfähig und lösungsorientiert bleiben kann, trotz Stress. So wurde ihr bewusst, dass sie viele Stärken hat, die ihr gar nicht bewusst waren, wie z. B. eine ruhige angenehme Stimme, ihre innere Haltung, wirklich helfen zu wollen und wertschätzend, empathisch und auf Augenhöhe zu kommunizieren.
Das zu wissen stärkt sie nun von innen heraus und sie geht mittlerweile mit einer neuen inneren Haltung in Kundengespräche. Es ist immer wieder schön zu sehen, wie durch scheinbar kleine Maßnahmen signifikante Verbesserungen im Berufsalltag erzielt werden können.
Wie könnte Ihrer Meinung nach die Rolle des Resilienz-Coachings in den nächsten fünf bis zehn Jahren aussehen?
Das Thema Resilienz hat bereits in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen und wird sicherlich auch weiterhin ein wichtiges Thema bleiben. Denn wenn im Außen nichts mehr bleibt, wie es mal war, sind wir alle auf uns selbst zurückgeworfen. Die Arbeitswelt wird sich in den nächsten Jahren weiterhin sehr verändern, allein schon durch den zunehmenden Einfluss von KI. Dadurch werden viele bisherige Tätigkeiten ersetzt.
Das führt zu mehr Eigenverantwortung jedes Einzelnen. Selbstverantwortung ist ein Resilienzfaktor, den wir gezielt stärken können. Indem wir unsere innere Stärke und Widerstandskraft bewusster wahrnehmen, können wir besser mit Unsicherheiten und Stress umgehen.
Es ist wie ein Meer, das tobt, während es darunter ruhig bleibt. Die Frage ist, womit wir uns identifizieren. Wenn wir aus innerer Ruhe heraus denken, fühlen und handeln, ergeben sich Lösungen leichter. Coaching – insbesondere Resilienz-Coaching – bietet dafür einen sehr guten Rahmen. Immer mehr Menschen nutzen dieses Format, sei es punktuell oder über längere Prozesse. Das hat nichts mit Schwäche, sondern mit Stärke zu tun.
Angesichts der zunehmenden Bedeutung mentaler Gesundheit im Beruf: Wie integrieren Sie Resilienzstrategien in bestehende Coaching-Konzepte?
Mentale Gesundheit ist ein zentrales Thema im Coaching. In meiner Arbeit geht es vor allem darum, Menschen wieder bewusst zu machen, welche Ressourcen, innere Stärke und Lösungen sie bereits in sich tragen. Oft sind diese durch Stress und Belastung überdeckt.
Ich arbeite sehr individuell, höre genau zu und stelle gezielte, häufig systemische Fragen, um Perspektivwechsel zu ermöglichen. Methoden aus dem systemischen Coaching kombiniere ich je nach Thema mit Resilienzarbeit.
Am Ende stehen meist konkrete Maßnahmen für den Alltag, etwa bewusste Mikropausen oder achtsameres Atmen in Stresssituationen. Entscheidend ist jedoch der Prozess. Ein ressourcen- und lösungsorientierter Blick schafft Klarheit, Ruhe und neue Handlungsfähigkeit. Ich verstehe mich dabei als Impulsgeberin – und wenn dieser Impuls innerlich berührt, wirkt er nachhaltig weiter.