Warum wirksames Coaching selten spektakulär ist

Interview mit Inga de Vries
Inga de Vries begleitet Führungskräfte, wenn Verantwortung steigt und Entscheidungen unter Druck getroffen werden müssen. Im Gespräch geht es um Führungskräfte-Coaching als Transferarbeit – nah am Alltag und jenseits von Methodenhypes.

Welche aktuellen Trends im Bereich Führungskräfte-Coaching sind besonders prägend und welche technischen Voraussetzungen sind dafür nötig?
Drei Trends prägen den Markt aktuell besonders stark.

Erstens: Coaching wird deutlich alltagsnäher und kürzer getaktet. Neben klassischen 60–90-Minuten-Sessions setzen sich kurze Interventionen durch, etwa 10–15-Minuten-Check-ins, Sprachnachrichten oder Reflexionsimpulse zwischen den Terminen. Der Grund ist simpel: Führung findet unter hoher Taktung statt. Wirksames Coaching muss dort ansetzen, wo Entscheidungen tatsächlich getroffen werden.

Zweitens: Hybrid ist der Normalfall. Viele Führungskräfte führen verteilt, arbeiten verteilt und lernen verteilt. Coaching folgt dieser Realität. Präsenztermine bleiben wertvoll, aber die Kontinuität entsteht oft über Video und kurze Zwischenformate.

Drittens: KI hält als Assistenz Einzug, nicht als Ersatz. In seriösen Setups wird KI vor allem für Struktur genutzt: Zusammenfassungen, Nachbereitung, Lernpläne, Reflexionsfragen, Transfer-Tracking. Entscheidend ist dabei die Governance: Was darf die KI sehen, wo werden Daten gespeichert, wer hat Zugriff, wie lange bleibt etwas erhalten?

Technische Mindestvoraussetzungen sind heute weniger „Hightech“ als „sauber“: stabile Video- und Audioqualität, sichere Termin- und Dokumentenprozesse, DSGVO-konforme Kommunikation sowie klare Regeln für die KI-Nutzung mit Transparenz und Einwilligung.

Welche typischen Fehler oder Risiken begegnen Ihnen häufig in der Praxis des Führungskräfte-Coachings?
Der häufigste Fehler ist ein unklarer Auftrag. Wenn nicht präzise geklärt ist, woran Erfolg erkennbar ist, wird Coaching schnell zum „guten Gespräch“ ohne Konsequenz. Unternehmen wünschen Wirkung, Führungskräfte wünschen Entlastung – beides ist legitim, muss aber sauber in beobachtbares Verhalten übersetzt werden.

Ein weiteres Risiko ist Reparatur-Coaching: Führungskräfte werden ins Coaching geschickt, während systemische Bedingungen unverändert bleiben. Dann bleibt es Symptombehandlung. Nachhaltig wird Coaching erst, wenn auch Rahmenbedingungen wie Prioritäten, Rollen oder Entscheidungswege betrachtet werden.

Hinzu kommt Einsicht ohne Training. Viele verstehen schnell, was sie tun sollten. Entscheidend ist, ob sie es unter Druck auch tun. Dafür braucht es Transfer-Design mit konkreten Experimenten, Wiederholung und Feedbackschleifen. Schließlich ist Vertraulichkeit zentral: Unklare Datenschutz- oder Rückmeldeprozesse zerstören Vertrauen – und damit die Wirkung.

Wie gestaltet sich die praktische Umsetzung von Führungskräfte-Coaching im Arbeitsalltag und welche Methoden sind besonders effektiv?
Coaching funktioniert dann, wenn es in den Kalender passt und trotzdem konsequent bleibt. Bewährt haben sich zweiwöchentliche tiefe Sessions, ergänzt durch kurze Check-ins und klar definierte Transfer-Experimente für den Alltag.

Wirksam sind Methoden, die Verhalten in kritischen Situationen verändern. Nicht abstrakte Ziele, sondern konkrete Handlungen: innehalten, priorisieren, klar kommunizieren. Ergänzend arbeite ich mit Zielbildern als Verhaltensmarker, Stressmuster-Analysen, Mikrointerventionen zur Selbstregulation sowie gezieltem Training für schwierige Gespräche.

Das wirkt manchmal unspektakulär – ist aber genau deshalb nachhaltig. Führung scheitert selten an fehlender Intelligenz, sondern an Überlast, Druck und fehlenden inneren Leitplanken.

Auf welche Weise gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen Coach, Führungskraft und Unternehmen, um nachhaltige Veränderungen zu erzielen?
Nachhaltige Wirkung entsteht über ein klares Dreiecks-Setting. Zu Beginn werden Ziel, Erfolgskriterien, Rollen und Vertraulichkeit geklärt. Inhalte bleiben vertraulich, Rückmeldungen erfolgen auf Zielebene.

Regelmäßige Reviews helfen, Blockaden zu erkennen und Rahmenbedingungen anzupassen. Kurze, klare Feedbackschleifen verhindern, dass Coaching isoliert bleibt und das System Verantwortung auslagert.

In welchem Maße werden technologische Entwicklungen die Struktur und Methodik des Führungskräfte-Coachings verändern?
Technologie verändert vor allem den Prozess, nicht den Kern. Coaching bleibt menschlich. Zunehmen werden asynchrone Begleitung, bessere Strukturierung und das Thema Führung unter KI-Bedingungen.

Das größte Risiko sehe ich in der Vermischung von Entwicklung und Kontrolle. Sobald Coachingdaten zur Leistungsüberwachung genutzt werden, ist Vertrauen zerstört. Deshalb steigen die Anforderungen an Ethik, Datenschutz und klare Grenzen.

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