Wie haben sich die Rollen und Erwartungen an Führungskräfte in den letzten Jahren verändert, insbesondere im Kontext von Führungskräfte-Coaching?
Die Rolle von Führungskräften hat sich deutlich vom klassischen „Anweisen und Kontrollieren“ hin zu „Begleiten, Befähigen und Inspirieren“ verschoben. Neben fachlicher Kompetenz werden heute vor allem Selbstreflexion, emotionale Intelligenz, Kommunikationsfähigkeit und ein authentischer Führungsstil erwartet.
Es geht weniger um reine Performance-Optimierung und stärker um Persönlichkeitsentwicklung, innere Haltung und den bewussten Umgang mit Komplexität, Unsicherheit und permanentem Wandel.
Welche Widerstände oder Herausforderungen beobachten Sie häufig bei Führungskräften, wenn es um deren persönliche Weiterentwicklung geht?
Häufige Widerstände sind der Anspruch, „funktionieren zu müssen“, sowie die Angst, Schwäche oder Unsicherheit zu zeigen. Viele Führungskräfte sind stark leistungsorientiert sozialisiert und haben es selten gelernt, sich selbst zu hinterfragen.
Zeitmangel, Perfektionismus und das Gefühl, keine Kontrolle abgeben zu dürfen, sind weitere Hürden. Zudem begegne ich oft der Überzeugung: „Ich weiß eigentlich schon, wie es geht – mir fehlt nur die Zeit.“ Genau hier setzt Coaching an und öffnet neue Perspektiven. Führung bedeutet meiner Meinung nach, jedes Teammitglied entsprechend seiner Fähigkeiten, Kenntnisse, Werte und Bedürfnisse einzusetzen, um ein Team optimal zu begleiten.
Gibt es ein konkretes Beispiel aus Ihrer Praxis, das zeigt, wie Coaching einen signifikanten Unterschied in der Führungskompetenz gemacht hat?
In meiner Praxis als Beraterin habe ich immer wieder festgestellt, dass auch Führungskräfte vor allem eines sind: Menschen – mit Ängsten, inneren Konflikten und persönlichen Themen, so wie wir sie alle haben. Der Unterschied ist oft, dass sie sich seltener erlauben, diese Themen anzuschauen. Persönlichkeitsentwicklung oder sogenannte „esoterische“ Themen werden häufig gemieden, obwohl genau dort großes Potenzial liegt.
Ein konkretes Beispiel ist eine Führungskraft, die fachlich sehr anerkannt war, jedoch als distanziert und schwer erreichbar galt. Im Coaching zeigte sich, dass hinter dieser Distanz Unsicherheiten und die Angst vor Kontrollverlust standen. Durch einen geschützten Raum für Selbstreflexion, das bewusste Arbeiten mit inneren Überzeugungen und das behutsame Annähern an persönliche Themen entwickelte sich ein deutlich authentischerer Führungsstil. Das Ergebnis war eine spürbar bessere Verbindung zum Team, mehr Vertrauen und eine nachhaltige Verbesserung der Zusammenarbeit – bei gleichzeitig wachsender innerer Stabilität der Führungskraft.
Inwiefern beeinflusst das tägliche Arbeitsumfeld die Wahrnehmung und Akzeptanz von Coaching-Maßnahmen bei Führungskräften?
Das Arbeitsumfeld spielt eine zentrale Rolle. In Organisationen mit einer offenen Lern- und Feedbackkultur wird Coaching als Chance zur Weiterentwicklung wahrgenommen. In stark hierarchischen oder leistungsgetriebenen Systemen hingegen wird Coaching teilweise noch als Reparaturmaßnahme oder als unnötige Zeitverschwendung verstanden.
Entscheidend ist, wie Coaching kommuniziert und vorgelebt wird. Wenn Entwicklung als kontinuierlicher Prozess gilt und auch obere Führungsebenen Coaching nutzen, steigt die Akzeptanz deutlich.
Welche Kompetenzen und kulturellen Entwicklungen halten Sie für entscheidend, um Führungskräfte fit für die Zukunft zu machen?
Zukunftsfähige Führung erfordert vor allem eine starke Selbstführung. Dazu gehören Klarheit über die eigenen Werte, Stärken und Bedürfnisse ebenso wie die Fähigkeit zur Selbstreflexion und emotionalen Regulation.
Gleichzeitig wird es immer wichtiger, nicht nur sich selbst gut zu kennen, sondern auch die Bedürfnisse, Stärken und Potenziale der jeweiligen Teammitglieder wahrzunehmen. Führungskräfte, die Mitarbeitende entsprechend ihrer individuellen Fähigkeiten und Ressourcen einsetzen, schaffen Motivation, Vertrauen und echte Wirksamkeit. Kulturell braucht es dafür mehr Offenheit, psychologische Sicherheit und eine Abkehr von reiner Kontrolle hin zu Vertrauen und Verantwortung. Eine klare Werteorientierung bildet dabei das Fundament für nachhaltigen Erfolg und gesunde Führung.