Welche Rolle spielt Resilienz im beruflichen Kontext und wie beeinflusst sie die Unternehmenskultur?
Stellen Sie sich ein Cockpit vor. Resilienz ist hier nicht nur die Fähigkeit des Piloten, bei Turbulenzen ruhig zu bleiben. Resilienz ist das gesamte System: klare Kommunikationsprotokolle, eingespielte Zusammenarbeit und eine Kultur, in der Fehler sofort und ohne Schuldzuweisung angesprochen werden.
In meiner Arbeit als Psychologin in der Pilotenausbildung habe ich erlebt, wie kraftvoll diese systemische Resilienz ist. Und ich sehe täglich in meinem Coaching, wie sehr sie in vielen Unternehmen fehlt.
Übertragen auf Organisationen bedeutet das: Eine resiliente Unternehmenskultur basiert auf psychologischer Sicherheit. Es ist eine Kultur, in der Druck offen thematisiert, Unterstützung aktiv eingefordert und Fehler als wertvolle Daten für zukünftige Erfolge gesehen werden. Sie ist das stabile Flugzeug – nicht nur der wetterfeste Pilot.
Welche Herausforderungen begegnen Menschen beim Erlernen von Resilienz und wie können Widerstände überwunden werden?
Die größte Herausforderung ist ein tief verankertes Missverständnis: Viele Führungskräfte glauben, resilient zu sein bedeute, alles allein auszuhalten und niemals Schwäche zu zeigen. Dieser innere Widerstand, Belastungsgrenzen zuzugeben, ist enorm – und gefährlich.
In der Luftfahrt ist das undenkbar. Ein Pilot, der aus falschem Stolz seine Übermüdung verschweigt, gefährdet alle an Bord. Deshalb habe ich in der Pilotenausbildung jahrelang „Human Performance and Limitations“ trainiert: das Wissen um die eigenen menschlichen Grenzen – und den Mut, sie zu kommunizieren.
Wahrer Widerstand löst sich, wenn wir Stärke neu definieren. Nicht wer alles allein schafft, ist stark, sondern wer Ressourcen wahrnimmt und klug einsetzt.
Haben Sie ein konkretes Beispiel, in dem Resilienz entscheidend zur Bewältigung einer beruflichen Krise beigetragen hat?
Eine Führungskraft stand kurz davor aufzugeben – nicht wegen der Aufgaben, sondern wegen innerer Konflikte und enormen Drucks. Im Coaching ging es nicht um Zeitmanagement, sondern um Haltung.
Ein Wendepunkt war das bewusste Erleben zweier gegensätzlicher Zustände: der Schwere des Belastenden und der Kraft des Stärkenden. Diese Erfahrung setzte etwas in Bewegung. Am Ende traf sie eine bewusste Entscheidung für sich selbst – und arbeitet heute mit neuer Klarheit und Motivation weiter.
Wie wird Resilienz im Arbeitsalltag wahrgenommen und welche Auswirkungen hat dies auf die Zusammenarbeit im Team?
Resilienz wird oft als eine Art Teflon-Schicht missverstanden, an der Stress einfach abperlt. Das führt zu Fassaden und verdeckter Überlastung.
Im Cockpit gilt das Gegenteil: Wer Unsicherheit oder Erschöpfung benennt, handelt professionell und schützt das System. Übertragen auf Unternehmen heißt das: Resiliente Teams entstehen, wenn Belastung früh angesprochen werden darf und Führungskräfte das vorleben.
Welche Kompetenzen sollten künftig entwickelt werden, um eine resiliente Arbeitskultur zu fördern?
Entscheidend sind drei Fähigkeiten: Selbstwahrnehmung unter Druck, das aktive Schaffen psychologischer Sicherheit und klare Kommunikation in kritischen Momenten.
Das Fundament ist eine klare innere Haltung. Sie gibt Orientierung, wenn außen alles turbulent ist – und sie ist entwickelbar.