Zwischen Fachkräftemangel und Dauerkrise

Interview mit Professor Dr. Arnd Schaff
Professor Dr. Arnd Schaff beobachtet, wie Resilienz vom individuellen Schlagwort zur strukturellen Führungsaufgabe wird – und warum Unternehmen Belastungen heute systemischer denken müssen.

Welche neuen Möglichkeiten sehen Sie durch den Einsatz von Resilienzstrategien im beruflichen Umfeld, um Mitarbeiter zu stärken?
Resilienzstrategien bieten Unternehmen die Chance, Gesundheit, Motivation und Leistungsfähigkeit als zusammenhängendes System zu betrachten. Ähnlich wie im Betrieblichen Gesundheitsmanagement greifen dabei individuelle und organisationale Faktoren ineinander: Führung, Kultur, Arbeitsorganisation und persönliche Gesundheitskompetenzen verstärken sich gegenseitig. Wird Resilienz strukturell verankert – durch klare Rollen, transparente Kommunikation und ein stabiles Wertefundament –, entstehen Bedingungen, unter denen Mitarbeitende Belastungen früh erkennen, besser bewältigen und gleichzeitig leistungsbereit bleiben. Viele Unternehmen beschreiben dies als deutlichen Kulturgewinn: „Wir sprechen heute früher und konstruktiver über Belastungen, statt sie einfach als selbstverständlich hinzunehmen.“

Inwiefern bestehen Risiken oder Unsicherheiten bei der Implementierung von Resilienzprogrammen in Unternehmen?
Ein wesentliches Risiko entsteht, wenn Resilienz ausschließlich als individuelles Thema behandelt wird. Ohne gleichzeitige Verbesserung der Arbeitsbedingungen, der Führungsqualität und der organisationalen Strukturen besteht die Gefahr einer verdeckten Verantwortungsverlagerung. Die Datenlage, etwa aus Krankenkassenberichten, zeigt deutlich steigende psychische Belastungen – bedingt durch Digitalisierung, Entgrenzung, Fachkräftemangel und Leistungsdruck. Eine solide Analyse, beispielsweise über psychische Gefährdungsbeurteilungen und Kulturdiagnostik, ist daher unverzichtbar, um tatsächliche Belastungstreiber zu erkennen und nicht lediglich Symptome zu behandeln.

Was sind aus Ihrer Sicht entscheidende Kriterien, um die Weichen für eine erfolgreiche Resilienzförderung zu stellen?
Erfolgreiche Resilienzförderung beruht auf vier systemischen Bausteinen: einer gesundheitsförderlichen Unternehmenskultur, reflektierter und kompetenter Führung, vorausschauender Personalpolitik sowie individuellen Gesundheits- und Präventionsangeboten. Ausgangspunkt ist stets eine ehrliche Analyse des Status quo, etwa durch Befragungen, Gefährdungsbeurteilungen oder Führungsfeedbacks. Erst wenn die strukturellen Voraussetzungen stimmen, entfalten individuelle Maßnahmen ihre Wirkung. Resilienz ist damit kein isoliertes Format, sondern ein zentrales Steuerungselement der Organisationsentwicklung.

Gibt es besondere Beobachtungen oder Erfahrungen, die zeigen, wie Resilienz die Arbeitskultur positiv beeinflusst hat?
In Unternehmen, die Resilienz strategisch angehen, beobachten wir stabilere Teams, klarere Kommunikation und eine höhere emotionale Bindung der Mitarbeitenden. Besonders in hybriden und digitalisierten Arbeitsumgebungen wirkt resilienzorientierte Führung als Schutzfaktor: Sie schafft Orientierung, reduziert Unsicherheit und stärkt die Selbstwirksamkeit. Die Wirkung zeigt sich nicht nur in Fehlzeiten oder Produktivität, sondern vor allem im täglichen Miteinander. Eine Unternehmerin brachte es so auf den Punkt: „Wir haben heute ein deutlich reiferes Verständnis dafür, was gute Zusammenarbeit unter hoher Belastung bedeutet.“

Wie bereiten sich Unternehmen strategisch auf die Zukunft vor, um Resilienz als festen Bestandteil ihrer Unternehmensphilosophie zu integrieren?
Zukunftsorientierte Unternehmen entwickeln Resilienz entlang ihrer Führungsgrundsätze, ihrer Personalpolitik und ihres Betrieblichen Gesundheitsmanagements. Sie definieren klare Standards für gesundheitsorientierte Führung, schaffen Strukturen für kontinuierliche Dialoge über Belastungen und stärken Kompetenzen im Umgang mit psychischen Anforderungen. Gleichzeitig werden BGM, HR und Organisationsentwicklung enger miteinander verzahnt. Um blinde Flecken zu vermeiden, greifen viele Unternehmen auf externe Expertise zurück. Spezialisierte Beratung stellt sicher, dass Resilienz nicht nur projekthaft eingeführt, sondern nachhaltig in Kultur, Führung und Arbeitsgestaltung verankert wird.

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