Digitalisierung verändert das Recht – Verantwortung bleibt menschlich

Interview mit Sabine Kempe
Sabine Kempe leitet das Notariat der Kanzlei Dr. Ahlborn. Sie spricht über Digitalisierung, KI und die Frage, warum Rechtssicherheit auch im digitalen Raum Verantwortung voraussetzt.

Welche neuen Möglichkeiten eröffnet die Digitalisierung für die Rechtsprechung und wie beeinflusst sie die Arbeit von Rechtsanwälten?

Die Digitalisierung hat vor allem die Art verändert, wie Informationen verarbeitet und bewertet werden. Der Zugriff auf umfangreiche Daten, Rechtsprechung und Fachwissen ist heute deutlich schneller möglich. Das erleichtert Recherche und Vorbereitung erheblich und schafft zeitliche Freiräume.

Gleichzeitig verschiebt sich der Schwerpunkt juristischer Arbeit. Weniger entscheidend ist das bloße Auffinden von Informationen, wichtiger werden Einordnung, Bewertung und Entscheidung. Im Kern stellt sich daher weniger eine technische als eine verantwortungsbezogene Frage: Was bedeutet das für Menschen, die Verantwortung tragen?

Digitale Werkzeuge können unterstützen und Prozesse beschleunigen. Sie ersetzen jedoch kein juristisches Urteilsvermögen. Digitalisierung ersetzt keine Verantwortung – sie verschiebt sie.

Inwieweit birgt die zunehmende Digitalisierung Risiken für die Rechtssicherheit und welche Unsicherheiten treten dabei auf?

Die größten Risiken entstehen nicht durch die Technik selbst, sondern durch ihren unkritischen Einsatz. Insbesondere bei KI-basierten Anwendungen besteht die Gefahr, Ergebnisse ungeprüft zu übernehmen. Digitale Systeme liefern Vorschläge und Wahrscheinlichkeiten, keine rechtlich verbindlichen Entscheidungen.

Wer sich blind auf KI-Ergebnisse verlässt und später enttäuscht ist, verkennt, dass Technik keine Verantwortung trägt – Menschen schon.

Was sind Ihrer Meinung nach die entscheidenden Kriterien, um Rechtssicherheit im digitalen Raum zu gewährleisten?

Zentral ist ein bewusster, kontrollierter Umgang mit digitalen Werkzeugen. Ergebnisse müssen überprüfbar, nachvollziehbar und erklärbar bleiben. Technik kann Entscheidungen vorbereiten, sie darf sie jedoch nicht ersetzen.

KI ist immer nur so gut wie der menschliche Input – und der Output entbindet niemanden von Verantwortung.

Gibt es bereits Erfahrungswerte oder Beobachtungen, die zeigen, wie sich die Digitalisierung auf die juristische Praxis ausgewirkt hat?

In der Praxis zeigt sich, dass digitale Arbeitsweisen den juristischen Alltag deutlich beschleunigt haben. Gleichzeitig sind die Anforderungen an Fachkräfte gestiegen. Neben juristischem Wissen werden heute digitale Kompetenz und ein kritischer Umgang mit technischen Ergebnissen erwartet.

Auffällig ist zudem, dass sich Fehlerquellen verschoben haben. Klassische formale Fehler nehmen ab, dafür entstehen neue Risiken durch falsche Interpretationen digitaler Ergebnisse.

Wie sollten sich Rechtsanwälte strategisch auf die zukünftigen Herausforderungen der Digitalisierung vorbereiten?

Strategische Vorbereitung bedeutet vor allem Kompetenzaufbau – fachlich wie technisch. Digitale Systeme und KI sollten bewusst eingesetzt, klar geregelt und regelmäßig überprüft werden.

Der entscheidende Punkt ist weniger, was technisch möglich ist, sondern wie verantwortungsvoll damit umgegangen wird. Digitalisierung entfaltet ihren Nutzen nur dort, wo Verantwortung aktiv wahrgenommen wird.

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Sabine Kempe

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