Stadt unter Stress und was Planung daraus macht

Interview mit Marius Scheffer
Architekt Marius Scheffer leitet den Berliner Standort von SSP AG. Im Gespräch geht es um Smart Cities, Klimaanpassung und die Frage, warum die urbane Transformation im Bestand beginnt.

Welche strategische Relevanz haben Smart Cities für moderne Architekturbüros und wie beeinflussen sie die Planung urbaner Räume?

Für uns haben Smart Cities eine zentrale strategische Bedeutung, weil sie Antworten auf die zunehmenden Belastungen urbaner Räume geben, insbesondere im Hinblick auf Klimaanpassung, Flächenknappheit und Extremwetterereignisse. Für SSP bedeutet Smart City, Stadtentwicklung nicht isoliert, sondern als vernetztes System aus Gebäuden, Freiräumen, Infrastruktur und Technik zu verstehen. Besonders relevant ist dabei das Bauen im Bestand, da hier der größte Hebel für klimaresiliente Stadtentwicklung liegt. Die Erfahrungen aus unserem Beitrag zur Biennale in Venedig 2025 unter dem Motto „Stresstest“ zeigen, dass viele wirksame Anpassungsmaßnahmen, etwa Regenwassermanagement, Begrünung oder Entsiegelung, weniger an fehlendem Wissen, sondern an fragmentierten Zuständigkeiten und sektoraler Planung scheitern. Smart-City-Ansätze können helfen, diese Brüche zu überwinden und integrierte Lösungen auf Quartiersebene umzusetzen.

Inwieweit ändern sich etablierte Prozesse und Modelle in Ihrem Architekturbüro durch die Integration von Smart-City-Konzepten?

Smart-City-Konzepte führen zu einer deutlichen Verschiebung klassischer Planungsprozesse. Lineare Abläufe werden durch frühzeitige, interdisziplinäre und lebenszyklusorientierte Planungen ersetzt, insbesondere im Bestand. Gerade Themen der Klimaanpassung, wie Regenwasserkreisläufe, Begrünung oder energetische Nachrüstungen, zeigen, wie eng Architektur, Konstruktion, Haustechnik, Freiraum- und Tiefbauplanung miteinander verknüpft sind. Diese Abhängigkeiten machen eine sektorale Planung unmöglich. Unser SSP-Nachhaltigkeitslabel GreytoGreen® bietet hierfür einen strukturierten Rahmen, um graue Bestandsstrukturen schrittweise klimaresilient und zukunftsfähig zu transformieren, immer eingebettet in übergeordnete Smart-City-Strategien.

Welche neuen Rollenbilder oder Qualifikationen sind notwendig, um den Anforderungen von Smart Cities gerecht zu werden?

Die Anforderungen von Smart Cities erweitern klassische Berufsprofile deutlich. Neben architektonischer und technischer Kompetenz sind systemisches Denken, Nachhaltigkeitswissen und interdisziplinäre Koordination gefragt. Besonders wichtig sind Qualifikationen, die Zusammenhänge zwischen Gebäude, öffentlichem Raum und Infrastruktur verstehen, etwa bei Themen wie Wassermanagement, Entsiegelung oder Energieversorgung. Die integrale Arbeitsweise von SSP, bei der Architekt:innen und Haustechniker:innen eng zusammenarbeiten, unterstützt genau diese Rollenbilder, weil Lösungen nicht additiv, sondern gemeinsam entwickelt werden. Gleichzeitig bleiben kommunikative Fähigkeiten zentral, um komplexe Inhalte auch für Eigentümer:innen, Kommunen und Nutzende verständlich zu machen.

Wie gestalten sich die Formen der Kooperation mit anderen Akteuren im Kontext von Smart-City-Entwicklungen?

Smart-City-Entwicklungen sind ohne Kooperation nicht realisierbar. An unserem Berliner Standort arbeiten wir beispielsweise eng mit Kommunen, Eigentümer:innen, Versorger:innen und weiteren Fachdisziplinen zusammen. Der Biennale-Beitrag hat noch einmal deutlich gemacht, dass gerade die Trennung zwischen kommunaler Verantwortung für den öffentlichen Raum und privatwirtschaftlichen Entscheidungen im Gebäudebestand eine zentrale Hürde darstellt. Smart-City-Prozesse können hier als verbindende Ebene wirken, um Maßnahmen zu synchronisieren und gemeinsame Ziele zu definieren. SSP versteht sich dabei als integraler Planungspartner, der diese unterschiedlichen Perspektiven zusammenführt, insbesondere bei komplexen Bestands- und Quartiersprojekten.

Was erwarten Sie langfristig von der Entwicklung von Smart Cities und welche strategischen Entscheidungen sind dafür entscheidend?

Langfristig erwarten wir, dass Smart Cities einen entscheidenden Beitrag zur klimaresilienten Transformation unserer Städte leisten, weniger durch einzelne Leuchtturmprojekte als durch flächendeckende, übertragbare Strategien im Bestand. Entscheidend ist dabei ein Paradigmenwechsel: weg von sektoralen Einzelmaßnahmen und numerischen Zielwerten, hin zu ganzheitlichen Bewertungskriterien und integrierten Lösungen. Konzepte wie GreytoGreen® zeigen, wie Klimaanpassung, energetische Sanierung und Aufwertung von Freiräumen zusammengedacht werden können. Strategisch notwendig sind klare Anreizsysteme, vereinfachte Förderstrukturen und eine stärkere Verknüpfung von kommunalen und privaten Akteur:innen, um die Transformation nachhaltig voranzubringen.

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Zum Expertenprofil von Marius Scheffer

Fotograf: Fabien Holzer.
Marius Scheffer

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