Ivan Jovic: Der Markt kann unvorhersehbar sein

Ivan Jovic ist Inhaber und Gründer IDEA & INNOVATION CONSULTING in Stuttgart. Mit ihm sprechen wir über wirtschaftliche Veränderungen, besonders betroffene Unternehmen sowie Nachfragerückgang.

Ivan Jovic

Laut Experten beschleunigt die Pandemie Veränderungen in der mittelständischen Wirtschaft und agiert somit als Katalysator. Welche wirtschaftlichen Veränderungen im mittelständischen Segment sind derzeit besonders prägnant?

Ivan Jovic: Die Vorteile (oder die Chancen) der Digitalisierung waren schon viel früher bekannt und wurden von bestimmten Unternehmen berücksichtigt und umgesetzt.

Wenn Unternehmen eine proaktive Unternehmensführung gelebt haben, so hätten sie sicherlich Strategien entwickeln können, um so der Corona-Pandemie effektiver und effizienter begegnen zu können, wie z.B. Homeoffice-Möglichkeiten, Online-Geschäftsmodelle, schlanke Prozesse & agile Strukturen etc. Unternehmen, die diese Themen vorher nicht proaktiv angegangen sind, wurden aufgrund der Corona-Pandemie nahezu gezwungen, sich darüber (reaktiv) Gedanken zu machen bzw. diese umzusetzen.

Die wirtschaftlichen Veränderungen sehen wir vor allem in einer noch breiteren Nutzung unterschiedlicher IT-Software, agilen und digitalen Prozessen, innovativen Strategien, modernen Formen der Arbeitsorganisation, Anpassung der Unternehmenskultur und vor allem in einer immer mehr steigenden und verbreiteten Homeoffice-Möglichkeit für die MitarbeiterInnen. Gerade der letzte Punkt könnte zu sehr vielen Veränderungen führen, vor allem wenn es um Mitarbeiterführung, Teamarbeit und Weiterbildungsmöglichkeiten der MitarbeiterInnen geht.

Welche Unternehmen und Branchen sind am stärksten von der Transformation betroffen?

Ivan Jovic: Unserer Meinung nach haben nahezu alle Unternehmen und Branchen den (negativen) Einfluss (direkt oder indirekt) gespürt. Wobei man hier sagen muss, dass es durchaus auch Branchen und Firmen gibt, bei welchen die Nachfrage sowie auch die Umsätze aufgrund der Pandemie gestiegen sind (z.B. der Onlinehandel).

Am stärksten betroffen und zuerst spürten es die Unternehmen deren Hauptgeschäft vor Ort abgewickelt wurde, wo noch die Face to Face – Kommunikation notwendig war und welche zusätzlich noch nicht für den online/digitalen Business „bereit“ waren (z.B. bestimmte Unternehmen aus der Gastronomie und dem Hotelgewerbe).

Zu erwähnen ist aber auch, dass unterschiedliche Branchen und Unternehmen in einer Lieferkette verbunden sein können und so die Auswirkungen der Pandemie ebenfalls direkt und indirekt (z.B. durch den Mangel an benötigten Ressourcen) spüren können bzw. gespürt haben. Ebenso ist es möglich, dass die nicht direkt von der Pandemie betroffenen Unternehmen trotzdem Auswirkungen spüren, da ihnen wichtige Auftraggeber ausbleiben, welche selber direkt von der Pandemie betroffen sind (z.B. Dienstleister für Gastronomie und Hotelgewerbe).

Viele Unternehmen befürchten ein verändertes Konsumverhalten auch nach der Pandemie. Ist die Angst um einen Nachfragerückgang und Veränderungen im Konsumverhalten berechtigt?

Ivan Jovic: Ja und Nein. Also erstmal sollte man nicht von „Angst“ reden. Es sind vielmehr Herausforderungen, welche den Unternehmen aus unterschiedlichen Gründen bevorstehen können. Aufgabe der Unternehmen ist es nun, sich über die Zukunft des Unternehmens Gedanken zu machen und hierzu „innovative“ und „passende“ Strategien zu entwickeln (dies wird manchmal gerne vergessen). Das Konsumverhalten hat sich in den letzten Jahren (abhängig von der Branche) ja immer mehr geändert. Spätestens seit der Corona Pandemie merken viele Unternehmen und Branchen, dass sie sich bzgl. ihrer Produkte und/oder Services neu aufstellen müssen. Bei Produkten oder Services, bei denen ein (dauerhafter) Nachfragerückgang zu beobachten ist, sollten sich die Unternehmen Gedanken machen wo neue Potentiale zu finden sind und diese dann auch nutzen.

In manchen Branchen, bei denen z.B. ein Kundenerlebnis vor Ort im Vordergrund steht, ist es sicherlich nicht so einfach dieses digital oder online in gleicher Weise umzusetzen. Diese Unternehmen sollten neue Wege erforschen und die für sie passenden Möglichkeiten auswählen und umsetzen.

Der Markt kann, ob man es möchte oder nicht, unvorhersehbar sein und durch externe (auch überraschende) Faktoren beeinflusst werden. Denn wenn der Wind nun in eine andere Richtung weht, sollte man die Segel anders setzen.

Ergänzend sollte man aber auch sagen, dass die Corona-Pandemie bestimmte Branchen und Firmen auch positiv beeinflusst hat, beispielsweise durch die Digitalisierung und den daraus resultierenden optimierten Prozessen sowie ggf. einer gleichzeitig erhöhten Kundenzufriedenheit.

Könnte die Pandemie der Anfang vom Ende für zahlreiche mittelständische Unternehmen sein?

Ivan Jovic: Ja und Nein. Es kommt immer darauf an, wie die Mannschaft die Segel setzt. Sind diese ungünstig zu der Windrichtung wird es nicht wirklich vorwärts gehen. Die Segel müssen der Windrichtung angepasst werden, um diesen auszunutzen, so kann man vielleicht noch weiter kommen als zuvor und ganz neue Landschaften entdecken.

Die Mannschaft ist in diesem Fall nicht nur das Management/die Stakeholder des Unternehmens, sondern die gesamte Belegschaft (vor allem die MitarbeiterInnen).

Die Pandemie sollte (oder könnte) das Ende sein von alten und starren Strukturen, nicht marktgerechten Vorgehensweisen und nicht kundenorientierten/modernen Produkten und Services und dafür der Anfang der Entdeckung von neuen Möglichkeiten und Potentialen.

Idealerweise hätten die Unternehmen schon vor der Krise entsprechende Strategien entwickeln sollen, um bei unvorhersehbaren Ereignissen schnell agieren zu können z.B. in Form einer agilen Unternehmensführung, einer innovativen Organisationsform oder eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses.

Der deutsche Mittelstand gilt als Rückgrat unserer Wirtschaft? Wird die Bedeutung zu Gunsten von Konzernen sinken?

Ivan Jovic: Wir erleben ja in den letzten Jahren große Überraschungen in sehr vielen Branchen. Große und bekannte Konzerne werden von Startups mit innovativen Ideen in bestimmten Feldern einfach überholt. Größe bedeutet eben nicht immer auch Überlegenheit in jedem Feld. Ideen können und entstehen oft auch im kleinen Stil. In einer Garage, beim Experimentieren, per Zufall, ohne Zwang und was ganz spannend ist auch manchmal ohne die relevante Berufserfahrung. Einfach nur weil jemand den Mut und den Willen hatte an einer Vision oder einem Traum festzuhalten und sich nicht davon abbringen ließ. Ob die Bedeutung sinken wird, hängt auch von den einzelnen Mittelständlern ab. Vielmehr sollte es jetzt darum gehen, sich Gedanken über die eigene Struktur zu machen und wie diese kurz-, mittel- und langfristig an die aktuelle Situation angepasst werden kann. Darüber hinaus sollte man die Geschäftsmodelle überdenken, die MitarbeiterInnen noch besser mit ins Boot holen und den Mut haben auch neue Wege zu gehen. Der deutsche Mittelstand sollte diese Veränderung nun als eine Chance sehen und diese auch nutzen. Ebenso sollten auch die Konzerne an zukünftigen Strategien arbeiten – denn nur, weil heute etwas erfolgreich ist, bedeutet dies nicht, dass es in 5, 10 oder 20 Jahren noch so sein wird. Die Konzerne sollten vor allem an den agilen und „lean“-Gedanken arbeiten, was bedeutet, dass sie trotz ihrer Größe und damit ggf. verbundener Komplexität möglichst schnell und rechtzeitig neue „passende“ Potentiale erkennen und umsetzten können.

Herr Jovic, vielen Dank für das Gespräch!

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