Nadja Schiller: Hohe Nachfrage nach nachhaltigen Investments

Nadja Schiller ist Geschäftsführerin Finanzideen Berlin GmbH. Mit ihr sprechen wir über ESG-Fonds, Anlagefonds sowie Investition in Nachhaltigkeit.

ESG-Fonds als sogenannte „Nachhaltige Anlagefonds“ halten nicht, was sie versprechen? Forscher zweifeln am Nutzen von ESG-Fonds, z.B. fürs Klima. Sind ESG-Fonds nur Placebo- Fonds?

Nadja Schiller: Ich wünsche mir eine breite, öffentliche Diskussion und vor allem mehr Transparenz hinsichtlich Verpackung und Inhalt von Investmentfonds, die sich selbst als nachhaltig klassifizieren. Laut einer Umfrage der Universität Kassel wünschen sich knapp 3/4 der Befragten, dass nur solche Finanzanlagen als „nachhaltig“ bezeichnet werden, die einen messbaren Beitrag zur Erreichung von Nachhaltigkeitszielen leisten. In der Praxis sieht es so aus, dass ich für Anlageempfehlungen auf eine Fondsdatenbank zurückgreife, die mehr als 24.000 aktiv gemanagte Fonds und ETF umfasst. Davon sind nahezu die Hälfte als „nachhaltig (ESG)“ klassifiziert, knapp 4.000 als „ESG Art. 8“ und 663 Fonds als „ESG Art. 9“ im Sinne der europäischen Offenlegungsverordnung. Die Herausforderung für Berater*innen und Anleger*innen besteht darin, die Fonds mit einem glaubwürdigen Nachhaltigkeitsansatz zu finden und die konventionellen mit grünem Anstrich zu erkennen und zu meiden.

Vom Greenwashing klar zu unterscheiden ist das sogenannte Impact-Investing. Bei diesem Investmentansatz geht es um die Investition in Unternehmen, Organisationen oder Fonds mit dem Ziel, neben finanziellen Erträgen auch Einfluss auf soziale und ökologische Faktoren zu nehmen. Eine direkte Wirkung dieser Anlagestrategie ist nicht messbar. Daraus sollte keinesfalls der Schluss gezogen werden, nachhaltige Fonds seien grundsätzlich wirkungslos. Es gibt definitiv Fonds, die mit ihren Investitionen und Erträgen die konkrete Lebenssituation von Menschen verbessern. ESG-Fonds würde ich deshalb keinesfalls als Placebo, als ein Verbraucher*innen täuschendes Finanzprodukt bezeichnen.

Können Sie kurz erklären, was ESG-Fonds sind und welche Kriterien sie berücksichtigen?

Nadja Schiller: Das Kürzel „ESG“ steht für „Environment“, „Social“ und „Governance“ und meint die drei Kriterien Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Die Europäische Union hat in der oben erwähnten Verordnung klargestellt: „Nachhaltig“ bedeutet ESG und nachhaltige Tätigkeiten streben Umweltziele und/oder soziale Ziele unter Beachtung der Regeln der guten Unternehmensführung an.

Warum zweifeln Forscher an dem Nutzen von ESG-Fonds für das Klima? Sind die Fonds so ökologisch, ethisch und sozial, wie sie vorgeben?

Nadja Schiller: Ich kenne die konkreten Aussagen nicht und kann mich deshalb nicht dazu äußern. Da es nicht „die“ ESG-Fonds gibt, kann man auch nicht von „der“ Wirkung auf das Klima sprechen. Zweifellos gibt es überzeugende und glaubwürdige Investmentansätze, die weniger klimaschädlich sind, indem sie beispielsweise Kohle-, Öl- und Gas-Unternehmen aus ihrem Portfolio ausschließen.Ob Investmentfonds ihre Leistungsversprechen einhalten, kann ich nicht beurteilen. Verschiedene ESG-Fonds legen ihren Investmententscheidungen jeweils andere Kriterien zugrunde. Diese sind unterschiedlich klar formuliert und lassen nicht immer einen konsequenten Nachhaltigkeitsansatz erkennen. Ich bin Beraterin und sehe die Kernaufgabe meiner Tätigkeit darin, die individuellen Nachhaltigkeitskriterien und persönlichen Werte meiner Mandant*innen herauszuarbeiten und daraus passende Anlagestrategien zu entwickeln.

Existieren die ESG-Fonds nur, um Anlegern ein „reines Gewissen“ zu schaffen?

Nadja Schiller: Jeder Mensch ist anders und manch Anleger*in mag das ESG-Kürzel in der Fondsbeschreibung ausreichen, um sich mit seiner Anlageentscheidung wohlzufühlen.

Andere Anleger*innen sind kritischer und haben klare Vorstellungen beispielsweise von Unternehmen, in die sie auf gar keinen Fall investieren möchten. Diese sogenannten Ausschlusskriterien gehören neben ESG-Kriterien zu den am häufigsten genannten Erwartungen an nachhaltige Geldanlagen: Viele Anleger möchten keine Rendite, die beispielsweise aus Waffenproduktion, Kinderarbeit oder der Förderung von fossilen Brennstoffen erzielt wird. Sie sehen die globalen Herausforderungen und möchten beispielsweise durch die Investition in Themen wie Erneuerbare Energien, Abwassermanagement und Recycling einen Beitrag für eine bessere Welt leisten und eine ethisch vertretbare Rendite erzielen. Die Berücksichtigung von ESG-Kriterien wirkt sich aber auch positiv auf die Fonds selbst aus: Indem die üblichen wirtschaftlichen Analysekriterien um ökologische, soziale und die der Unternehmensführung ergänzt werden, ergibt sich bei der Beurteilung von Unternehmen und Geschäftsmodellen ein umfassenderes Bild. So können Risiken erkannt werden wie beispielsweise die Verletzung von Arbeits- und Menschenrechten, die bei späterem Bekanntwerden zu deutlichen Kursverlusten führen können. Darüber hinaus sind mit dem Klimawandel und der notwendigen Entwicklung hin zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft nicht nur Chancen, sondern auch finanzielle Risiken für die Unternehmen und deren Kreditgeber verbunden. Das gilt insbesondere für die Unternehmen, die in den Bereichen Kohle, Öl und Gas tätig sind und deren Bewertungen von der Annahme ausgehen, dass sämtliche fossilen Brennstoffreserven auch in Zukunft gefördert werden. Um bis 2050 das 2°C Klima-Ziel zu erreichen, müssten 4/5 der fossilen Energiereserven ungenutzt bleiben und Kohle- und Gaskraftwerke, Pipelines oder Ölfelder stillgelegt werden. Als gestrandete Vermögenswerte („stranded assets“) stellen sie damit ein latentes Risiko in den Bilanzen der Unternehmen selbst und im Finanzsystem dar.

Viele Fonds inszenieren sich nachhaltig und sind es in Wirklichkeit nicht. Wie können Anleger durchschauen, ob es sich tatsächlich um eine nachhaltige Anlage handelt, oder ob sie nur einen grünen Anstrich bekommen hat?

Nadja Schiller: Weil es einerseits keine klare Definition und andererseits zahlreiche Lesarten und Kriterien für nachhaltiges Wirtschaften und Investieren gibt, ist die Beurteilung nachhaltiger Anlagen nicht einfach: Sie setzt die Bewertung von Unternehmen und unternehmerischem Handeln voraus und Anleger*innen stehen damit vor einer enormen Herausforderung. Zunächst sollten sie sich fragen, was Nachhaltigkeit für sie selbst bedeutet und was sie mit ihrer Geldanlage bewirken möchten: Sollen die globalen Herausforderungen, die sich aus dem Klimawandel oder den globalen Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) ergeben, angegangen werden? Soll beispielsweise ein Beitrag zur Wasserversorgung geleistet werden oder sollen Investitionen in unethische und umweltzerstörende Geschäftsfelder vermieden werden etc.? An diesen Werten können Anleger die Anbieter und Fonds messen und bewerten. Eine schnelle erste Orientierung bieten die „Wesentlichen Anlegerinformationen“ und ein Blick ins „Factsheet“ der Fonds. Hier findet man eine Übersicht der größten Positionen und kann prüfen, ob die Investition in Unternehmen wie beispielsweise Amazon, BP, Nestlé und Rio Tinto zur beabsichtigten Nachhaltigkeitswirkung passt. Weitere interessante Quellen für die Beurteilung des Investmentansatzes sind beispielsweise die Nachhaltigkeitsprofile des Forum Nachhaltige Geldanlage (https://www.forum-ng.org/de/fng-nachhaltigkeitsprofile).

Könnte sich eine Investition in Nachhaltigkeit trotzdem lohnen?

Nadja Schiller: Natürlich. In erster Linie trägt die Berücksichtigung von ESG-Kriterien dazu bei, dass die persönlichen Werte der Anleger*innen berücksichtigt werden. Darüber hinaus gibt es keinen Beleg dafür, dass die Investition in nachhaltige Anlagen mit einer geringeren Rendite verbunden ist. Ich bin davon überzeugt, dass die Berücksichtigung von ESG-Kriterien Risiken reduziert, zu einer höheren Anlegerzufriedenheit führt und einen Beitrag zu einer besseren Welt leistet.

Frau Schiller, vielen Dank für das Gespräch!

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