Carina Hermandi: Fehlende Nachhaltigkeit wird langfristig teuer

Carina Hermandi ist wirtschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule Ruhr West. Mit ihr sprechen wir über Circular Economy, Wirtschaftssysteme sowie ökologische Grenzen.

Das Konzept der Kreislaufwirtschaft (Circular Economy) gilt als Wirtschaftsmodell der Zukunft. Können Sie uns dieses Modell genauer erklären?

Carina Hermandi: Das Konzept der Circular Economy beschreibt ein nachhaltiges Wirtschaftssystem, in dem in möglichst geschlossenen Kreisläufen gedacht und gehandelt wird, um den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Nutzen von Produkten, Komponenten und Materialien unter Beachtung der ökologischen Grenzen unseres Planeten langfristig zu sichern. Damit steht zirkuläre Wertschöpfung im Gegensatz zum aktuell dominierenden „linearen“ Wirtschaftssystem, in dem die Wertschöpfung nach einer kurzen Kette aus Rohstoffgewinnung, Verarbeitung und Verbrauch mit einer oftmals unzureichenden Entsorgung, Deponierung oder rein energetischen Verwertung abrupt endet.

Immer wieder bekommt man zu hören, dass die lineare Wirtschaft ausgedient hat. Wie schätzen Sie das ein?

Carina Hermandi: Es gibt eine Reihe von Vorteilen und Chancen, sich dem Thema Circular Economy zu widmen. Zirkuläre Ansätze reduzieren die Abhängigkeit von Rohstoffpreisschwankungen und Lieferengpässen. Und sie bieten Chancen für innovative klima- und umweltfreundliche Geschäftsmodelle. Zudem wird fehlende Nachhaltigkeit langfristig teuer (CO₂-Bepreisung, Abfallbepreisung und weitere Regularien) und für unsere Umwelt auch schwer tragbar sein.

Das Wirtschaftsmodell Circular Economy wird immer als nachhaltig betitelt. Auf welche Weise fördert die Circular Economy die Ressourcenschonung und wie erhöht sie die Wertschöpfung?

Carina Hermandi: Durch die klügere oder längere Nutzung und Kreislaufführung von Materialien, Komponenten und Produkten müssen weniger Rohstoffe neu gewonnen werden. Zusammen mit Ansätzen zur Steigerung der Rohstoffeffizienz und -suffizienz werden Ressourcen umfassend geschont, ohne dass der mit ihnen bereitgestellte Nutzen verringert wird. Wenn Ressourcen, die in Deutschland nur begrenzt zur Verfügung stehen, wie z. B. Öl, seltene Erden oder andere Rohstoffe, weniger importiert werden müssen und stattdessen inländische Kompetenzen und Kapazitäten für eine „echte“ Kreislaufwirtschaft genutzt werden, wird die inländische Wertschöpfung gestärkt.

Die Liste von den Einsatzmöglichkeiten des Modells ist lang. Wie können Unternehmen die Circular Economy im eigenen Unternehmen integrieren?

Carina Hermandi: In den letzten Jahren wurden einige Instrumente und Hilfsmittel entwickelt, um in die Initiierung, Einführung und Umsetzung von Circular Economy-Ansätzen in der mittelständischen Wirtschaft zu unterstützen. Das vom Wirtschaftsministerium des Landes Nordrhein-Westfalen (NRW) geförderte Projekt „Prosperkolleg“ bietet Unternehmen in NRW ein vierschrittiges Vorgehen an, um gemeinsam mit ihnen Handlungsmöglichkeiten zu identifizieren und Umsetzungsschritte abzuleiten: Ein Erstgespräch dient zum Kennenlernen und Abstimmen gegenseitiger Erwartungen. Mit Hilfe einer „Circularity Matrix“, einem Excel-Werkzeug, erfolgt ein SOLL-/IST-Abgleich in den wesentlichen Handlungsfeldern der zirkulären Wertschöpfung, nämlich der zirkulären Produktentwicklung, dem Einkauf kreislauffähiger Materialien und weiterer Veränderungen in den Lieferketten, der ressourceneffiziente Produktion und der Rückholung und Wiederaufbereitung inklusive dem Aufbau entsprechender Produkt-Service-Systeme. In einem „Circularity Workshops“ werden zuvor identifizierte und priorisierte zirkuläre Potenziale näher betrachtet und konkrete Lösungsschritte abgeleitet. Anschließend werden weitere Schritte der Zusammenarbeit für die operative Umsetzung geplant (vgl. den Potenzialcheck Circular Economy des Prosperkolleg-Projekts). Know-How, Fördermöglichkeiten und Praxisanwendung unterstützen die Umsetzung von zirkulären Wirtschaften in kleinen und mittelständischen Unternehmen.

Welche Chancen bietet das vor allem für KMU und wie können diese von dem Wirtschaftsmodell profitieren?

Carina Hermandi: Circular Economy rückt das gesamte Wertschöpfungsnetzwerk in den Fokus und bringt ökonomische Vorteile mit sich, wie zum Beispiel ein zukunftsfähiges und krisensicheres Geschäftsmodell, neue Geschäftsfelder durch steigende Reparierbarkeit und Rückführung der Produkte, Kostensenkung durch Einsparung von Rohstoffen und (toxischen) Abfällen, Materialverfügbarkeit und Zuverlässigkeit in Lieferketten, Gewinnung von  nachhaltigkeitsbewussten Kund:innen, Vorbereitung auf (zukünftige) Anforderungen von OEMs, Politik & Gesellschaft, Imagegewinn, Erholung der Umwelt durch geringere CO₂-Emissionen und der Erreichung der Nachhaltigkeitsziele.

Viele denken, dass Nachhaltigkeit immer an einen hohen Preis geknüpft ist. Wie wird die Circular Economy finanziert und ist das Stigma, dass Nachhaltigkeit hohe Kosten mit sich bringt, wirklich wahr?

Carina Hermandi: Das Verändern von Geschäftsmodellen und Produktionsprozessen erfordert mal mehr, mal weniger Zeit, Know-how und Investitionen. Dies ist im Einzelfall zu untersuchen und hängt nicht zuletzt von Marktentwicklungen und Rahmenbedingungen ab. Die notwendige Investition kann ein Unternehmen selbst tätigen oder fallweise auch auf Fördermöglichkeiten zurückgreifen.

Frau Hermandi, vielen Dank für das Gespräch!

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