Prof. Dr. Tobias Stucki: Effiziente Nutzung von bestehenden Ressourcen

Prof. Dr. Tobias Stucki ist Co-Institutsleiter der Berner Fachhochschule. Mit ihm sprechen wir über Abfallmengen, Wiederverwendung von Materialien sowie politischen und gesellschaftlichen Druck auf Unternehmen.

Das Konzept der Kreislaufwirtschaft (Circular Economy) gilt als Wirtschaftsmodell der Zukunft. Können Sie uns dieses Modell genauer erklären?

Prof. Dr. Tobias Stucki: Ziel der Kreislaufwirtschaft ist es, bestehende Ressourcen so effizient und lange wie möglich zu nutzen, und so Abfall zu vermeiden. Dazu sind im Wesentlichen drei Strategien relevant: a) eine Steigerung der Effizienz, wie beispielsweise eine Reduktion des Energieverbrauchs bei Elektrogeräten; b) eine Verlängerung der Lebensdauer von Produkten indem die Qualität von Produkten erhöht, und nach dem Verkauf auch entsprechende Reparaturdienstleistungen angeboten werden ; und c) eine Schliessung der Stoffflüsse, indem Produkte nach deren Nutzung wiederverwendet, wiederaufbereitet oder recycelt werden.

Immer wieder bekommt man zu hören, dass die lineare Wirtschaft ausgedient hat. Wie schätzen Sie das ein?

Prof. Dr. Tobias Stucki: In einer vollständigen Kreislaufwirtschaft würde letztendlich kein Abfall mehr produziert. In Deutschland wurden 2019 543 kg Siedlungsabfälle pro Einwohner erzeugt. Wir sind entsprechend noch weit entfernt von diesem Ziel. Wo wir bezüglich dieser Transformation effektiv stehen, ist aber schwierig zu sagen. Wir haben im letzten Jahr für die Schweiz die wohl weltweit erste Studie erstellt, welche die Verbreitung von zirkulären Aktivitäten auf Unternehmensebene basierend auf einem repräsentativen Datensatz untersucht hat. Wir haben herausgefunden, dass in der Schweiz aktuell rund 10% der Unternehmen substanziell in Kreislaufaktivitäten investieren. Es gibt entsprechend noch viel Luft. Es ist für mich aber klar, dass wir zukünftig nicht an der Kreislaufwirtschaft vorbei kommen werden, wenn wir unsere Umweltziele erreichen wollen. Eine effizientere Nutzung der bestehenden Ressourcen ist eine zentrale Voraussetzung für dessen Erreichung.

Das Wirtschaftsmodell Circular Economy wird immer als nachhaltig betitelt. Auf welche Weise fördert die Circular Economy die Ressourcenschonung?

Prof. Dr. Tobias Stucki: Eine effiziente Nutzung von bestehenden Ressourcen ist wie gesagt das zentrale Ziel einer Kreislaufwirtschaft. Dies bedeutet aber nicht zwingend, dass umgesetzte Massnahmen sich auch wirklich positiv auf die ökologische Nachhaltigkeit auswirken. Die Wiederverwendung von Materialien kann zwar zur Schliessung von gewissen Stoffflüssen beitragen, wenn für deren Rückführung aber Leute individuell mit ihrem Auto anreisen, macht es aus ökologischer Sicht womöglich trotzdem keinen Sinn. Es ist deshalb wichtig, dass die Aktivitäten immer auch bezüglich deren ökologischen Auswirkungen beurteilt werden.

Die Liste von den Einsatzmöglichkeiten des Modells ist lang. Wie können Unternehmen die Circular Economy im eigenen Unternehmen integrieren?

Prof. Dr. Tobias Stucki: Die Kreislaufwirtschaft ist ein sehr umfangreiches Konzept der ökologischen Nachhaltigkeit. Entsprechend gibt es für jedes Unternehmen Möglichkeiten sich in Richtung einer Kreislaufwirtschaft zu entwickeln. Welcher Schritt für welches Unternehmen der richtige ist, kann nicht allgemein gesagt werden. Wir haben in unserer Studie gesehen, dass die meisten Unternehmen über Effizienzmassnahmen in die Kreislaufwirtschaft einsteigen und sich dann Schritt für Schritt in andere Bereiche der Kreislaufwirtschaft vorwagen.

Know-How, Fördermöglichkeiten und Praxisanwendung unterstützen die Umsetzung von zirkulären Wirtschaften in kleinen und mittelständischen Unternehmen. Welche Chancen bietet das vor allem für KMU und wie können diese von dem Wirtschaftsmodell profitieren?

Prof. Dr. Tobias Stucki: Der politische und gesellschaftliche Druck auf Unternehmen sich nachhaltig zu verhalten wird zunehmend steigen. Bei grossen Unternehmen ist der Druck heute schon relativ gross. Entsprechend sehen wir in unserer Studie denn auch, dass grosse Unternehmen heute schon deutlich häufiger in der Kreislaufwirtschaft aktiv sind. Der Druck wird sich zukünftig auch auf KMUs ausweiten. Entsprechend bin ich überzeugt, dass sich Unternehmen, welche zukünftig ökonomisch erfolgreich sein wollen, sich zwingend auch mit der Kreislaufwirtschaft beschäftigen müssen.

Viele denken, dass Nachhaltigkeit immer an einen hohen Preis geknüpft ist. Wie wird die Circular Economy finanziert und ist das Stigma, dass Nachhaltigkeit hohe Kosten mit sich bringt, wirklich wahr?

Prof. Dr. Tobias Stucki: Grundsätzlich haben Ressourcen einen Wert. Wenn Ressourcen jetzt effizienter genutzt werden, wird entsprechend auch Wert erhalten, was zu tieferen Kosten und Preisen führen sollte.  Es ist aber klar, dass die Umstellung auch gewisse Investitionen benötigt, welche sich zumindest kurzfristig auch auf höhere Preise auswirken können. Viele Beispiele zeigen aber, dass es durchaus möglich ist, die Kreislaufwirtschaft in Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich umzusetzen. Anpassungen der politischen Rahmenbedingungen werden dafür sorgen, dass dies zukünftig noch einfacher umsetzbar sein wird.

Herr Prof. Dr. Stucki, vielen Dank für das Gespräch!