Rebecca Tauer: Ressourcenhunger unserer linearen Wirtschaft ist riesig

Rebecca Tauer ist Programmleiterin für Circular Economy beim WWF Deutschland. Mit ihr sprechen wir über lineare Logistik des Produzierens, Schutz von Ökosystemen sowie wirtschaftliche Resilienz.

Rebecca Tauer

Das Konzept der Kreislaufwirtschaft (Circular Economy) gilt als Wirtschaftsmodell der Zukunft. Können Sie uns dieses Modell genauer erklären?

Rebecca Tauer: In der Circular Economy geht es darum, die lineare Logik des Produzierens, Nutzen und Wegwerfens zu durchbrechen. Die Circular Economy nimmt den minimalen Einsatz und Erhalt von Ressourcen in den Fokus, um Ökosysteme zu schützen, weniger Treibhausgase zu produzieren und gleichzeitig unsere Abhängigkeit von Primärrohstoffen zu reduzieren. Materialien und Produkte werden im Wirtschaftssystem so lange wie möglich durch Teilen, Reparieren, Wieder- und Weiterverwenden und zum Schluss durch hochwertiges Recycling erhalten, bestenfalls so, dass niemals Abfall und Müll am Ende der Wertschöpfung entsteht.  Die Circular Economy verspricht damit mehr wirtschaftliche Resilienz und zukunftsgerechte Arbeitslätze. Wir nutzen den englischen Begriff „Circular Economy“, um die Erweiterung des bisher abfallwirtschaftlich geprägten Begriffs der „Kreislaufwirtschaft“ in Deutschland hervorzuheben.

Immer wieder bekommt man zu hören, dass die lineare Wirtschaft ausgedient hat. Wie schätzen Sie das ein?

Rebecca Tauer: Der Ressourcenhunger unserer linearen Wirtschaft ist riesig. Zu riesig für unseren einen Planeten, den wir nur haben. Die Übernutzung der Rohstoffe der Erde ist ein erschreckender Dauerzustand. Den Word-Overshootday „feiern“ wir bereits im Juli, er rückt Jahr für Jahr nach vorne. Das heißt die in einem Jahr nachwachsenden Ressourcen sind weltweit nach sieben Monaten verbraucht. Unser Ressourcenverbrauch treibt die Klimakrise und den Verlust von Biodiversität an – denn 50 % der globalen Treibhausgase und 90 % des Biodiversitäts- und Wasserstresses sind auf Ressourcenförderung und -produktion zurückzuführen. Das lineare Wirtschaftssystem des „Produzieren-Nutzen-Wegwerfen“ hat uns in die Sackgasse geführt. Unser Wirtschaftsleben braucht einen Neustart, eine Wende hin zu einem schonenden Umgang mit den wertvollen Ressourcen und Reserven unseres Planeten.

Das Wirtschaftsmodell Circular Economy wird immer als nachhaltig betitelt. Auf welche Weise fördert die Circular Economy die Ressourcenschonung und wie erhöht sie die Wertschöpfung?

Rebecca Tauer: Die Circular Economy hat aus unserer Sicht keinen Selbstzweck. Nur Lösungen, die gesellschaftliche Vorteile produzieren, sind nachhaltig. Wir heben daher immer wieder hervor, dass die höchste Priorität das Vermeiden von Ressourcenverbrauch und das Erhalten von Materialien und Produkten hat. Wenn Materialien, Produkte und Komponenten in ihrem höchstmöglichen Wert erhalten werden, müssen wir nicht ständig in die Ökosysteme unseres Planeten eingreifen. Gleichzeitig entstehen neue Geschäftsmodelle wie Pay per Use oder Sharing und Produkte können durch Langlebigkeit oder Remanufacturing ganz neu gedacht werden. Dafür braucht es digitale Produktpässe für verbessertes Recycling, Werkstätten zur Reparatur, neue Wirtschaftszweige und Fachkräfte, die Materialen zu Sekundärrohstoffen aufbereiten. Das schafft eine neue Form an wirtschaftlichem Wachstum.

Die Liste von den Einsatzmöglichkeiten des Modells ist lang. Wie können Unternehmen die Circular Economy im eigenen Unternehmen integrieren?

Rebecca Tauer: Es ist richtig, dass es ganz vielfältige Einsatzmöglichkeiten für Circular Economy in Unternehmen gibt. Im Bausektor gibt es andere Möglichkeiten und Anforderungen als etwa im Automobilsektor. Gleich sind aber die Prämissen, die jedes Unternehmen bei sich integrieren kann. Schonender Rohstoffgewinn, effizienter Materialeinsatz, lange Lebensdauer. Für den Gebäudesektor, eines von Deutschlands Klima-Sorgenkindern, hieße das: Nachwachsende Rohstoffe wie zum Beispiel Holz haben ein hohes Potenzial, um Materialien mit schlechter Klimabilanz abzulösen. Dabei sollten so wenig Rohstoffe und Materialen wie möglich eingesetzt werden, was für Leichtbau und modulare Bauweise spricht. Ganze neue Nutzungskonzepte für Wohn- und Bürogebäude verlängern die Lebensdauer von Gebäuden.  Verständliche Informationsangaben zu Lebensdauer, Reparierbarkeit oder Recyclingfähigkeit fördern einen zirkulären Baustoffhandel und die Verbreitung von Geschäftsmodellen zur Wiederverwendung von Baustoffen und Komponenten.

Know-How, Fördermöglichkeiten und Praxisanwendung unterstützen die Umsetzung von zirkulären Wirtschaften in kleinen und mittelständischen Unternehmen. Welche Chancen bietet das vor allem für KMU und wie können diese von dem Wirtschaftsmodell profitieren?

Rebecca Tauer: Kreislaufwirtschaft minimiert den Einsatz von Ressourcen, auf den Fortschritt setzende Unternehmen sparen enorme Materialkosten ein. Der effiziente Umgang verschafft ihnen einen Wettbewerbsvorteil, ihre Geschäftsfelder sind widerstandsfähiger gegen Wirtschafts- und Beschaffungskrisen, ihr unternehmerisches Risiko sinkt – auch für die Gefahren durch Umweltkatastrophen und die zunehmende Klimakrise. Kurz: Mit der Einführung von Kreislaufwirtschaft werden auch KMU fit für die Zukunft. Dies kann nur in ihrem eigenen Interesse liegen. Der WWF unterstützt mit Bildungsangeboten wie zum Beispiel unseren Lernvideos zur Circular Economy auf der WWF Akademie und Ende dieses Jahres mit der Veröffentlichung von Materialien für die Erarbeitung von Geschäftsmodellen im Unternehmen.

Viele denken, dass Nachhaltigkeit immer an einen hohen Preis geknüpft ist. Wie wird die Circular Economy finanziert und ist das Stigma, dass Nachhaltigkeit hohe Kosten mit sich bringt, wirklich wahr?

Rebecca Tauer: Das Stigma der hohen Nachhaltigkeitskosten funktioniert immer nur so lange, wie der Planet als Selbstbedienungsladen verstanden wird. Sobald es zu Krisen, Schocks und Knappheiten kommt, schießen die Kosten in die Höhe. Und wir stecken mit in der Klima- und Biodiversitätskrise. Wer sein Geschäftsmodell frühzeitig resilient, nachhaltig und Ressourcen-unabhängiger aufstellt, senkt die Risiken von gestrandeten Investitionen. Jede Investition in Circular Economy zahlt auf ein zukunftsfähiges Wirtschaftssystem ein, welches innerhalb der planetaren Grenzen funktioniert.

Frau Tauer, vielen Dank für das Gespräch!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.