30 Jahre IT-Unternehmen Stella: Vom elektronischen Posteingangsbuch zur No-Code-Software

Dr. Gerd Staudinger ist Geschäftsführer der Firma Stella Systemhaus Dresden GmbH. Im Interview blickt er auf die Geschichte des ostdeutschen Software-Unternehmens zurück, die vor 30 Jahren begann. Und er erklärt, warum Stella heute eine No-Code-Technologie anbietet, mit denen die Anwender komplexe Lösungen in kurzer Zeit und ohne Programmierkenntnisse selbst aufbauen und weiterentwickeln können.

Die Anfänge Ihrer Firma reichen zurück bis in die Zeit kurz nach der Wende. Wie kam es zur Gründung von Stella?

Dr. Gerd Staudinger: Wir haben unsere Wurzeln ja im Forschungszentrum der Dresdner Flugzeugwerft. Wir waren Entwicklungsingenieure. Als das Forschungszentrum nach 1990 abgewickelt wurde, mussten wir uns umorientieren. Der Anfang war alles andere als leicht: Bis dahin haben wir zum Beispiel den Leitstand für eine automatische Fabrik gebaut – auf Top-Weltniveau. All dieses Wissen hat plötzlich niemanden mehr interessiert. In den Westen gehen wie so viele wollten wir jedoch nicht. Also taten wir sieben Entwicklungsingenieure uns zusammen und gründeten die Firma Stella. Wir begannen zunächst damit, Microsoft-Programme an öffentliche Verwaltungen zu verkaufen. Bei dieser Gelegenheit haben wir Kontakte zu IT-Verantwortlichen in den Ministerien geknüpft und ihnen angeboten, für sie zu programmieren. Mit Erfolg.

Erinnern Sie sich noch an den ersten Auftrag?

Dr. Gerd Staudinger: Ja, das war ein elektronisches Posteingangsbuch. Die Landesbehörden hatten damals sämtliche Stellen neu ausgeschrieben. Die Bewerbungen sind waschkörbeweise im Finanzministerium eingegangen und auf die einzelnen Ministerien verteilt worden. Der Gau war, als Bewerberin X zu ihrem Bewerbungsschreiben einen zweiten Brief mit ihrem Passbild schickte. Denn niemand wusste, in welchem Ministerium der erste Brief gelandet war. Auf ein gelöstes Problem folgte ein neues und so kam es, dass wir nach dem Posteingangsbuch eine Aktenverwaltung entwickelten und danach eine Dokumentenverwaltung (DMS).

Für wen haben Sie programmiert?

Dr. Gerd Staudinger: Wir haben für das sächsische Sozial- und das Landwirtschaftsministerium eine Software für die Fördermittelverwaltung programmiert. Danach kamen das Wirtschafts- und das Finanzministerium, für die wir eine Dokumentenverwaltung entwickelt haben. Durch Mund-zu-Mund-Propaganda wurden Ministerien in anderen Bundesländern auf uns aufmerksam. Wir haben uns quasi vom Osten in den Westen vorgearbeitet. Es folgten u.a. ERP-Lösungen für Thüringen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg, das erste DOMEA-zertifizierte DMS-System überhaupt und eine elektronische Verschlusssachen-Registratur für das Bundeskriminalamt in Wiesbaden. Eines haben wir immer gemacht: den Leuten im Unternehmen genau zugehört und die neue Software solange angepasst, bis sie wirklich zufrieden waren. Dennoch bargen unsere Software-Lösungen ein Problem, das allen herkömmlichen IT-Lösungen eigen ist.

Was für Schwierigkeiten waren das?

Dr. Gerd Staudinger: Wir mussten die Systeme immer wieder an die individuellen Gegebenheiten der Anwender anpassen. Die unterschiedlichen Versionen der verschiedenen Nutzer zu verwalten, war jedoch nur mit hohem organisatorischen Aufwand händelbar. Zweite Schwierigkeit war, dass wir auch unsere Kompetenz über die Firmenprozesse, also z.B. die Verwaltungsvorschriften, immer auf dem neuesten Stand halten mussten. Unsere Erfahrung war damals zudem, dass die Anwender in den Unternehmen und Verwaltungen naturgemäß eine andere Fachsprache sprechen als IT-Experten. Sie müssen uns aber bis ins Detail erklären können, was sie benötigen und auch an Selbstverständlichkeiten denken – schwierig angesichts der komplexen Prozesse in einer Firma.

Wie haben Sie das Problem gelöst?

Dr. Gerd Staudinger: Die IT-Sorgen der Anwender und unsere eigenen Probleme mit den Branchenlösungen brachten uns damals auf eine Idee. Wir haben uns gesagt: Gib den Mitarbeitern eine IT-Technologie in die Hand, bei der die Daten zentral auf einem Server liegen und die sie selbst ohne Programmierkenntnisse betreiben und weiterentwickeln können. Die No-Code-Technologie G2 war geboren. Bei G2 befinden sich die Firmendaten vollständig und revisionssicher auf einem zentralen Datenbankserver. Um damit arbeiten zu können, reichen Excel-Kenntnisse aus. Der große Vorteil ist, dass die Mitarbeiter ihre gewohnten Office-Lösungen weiter nutzen könnten. Denn das wollen viele. Die Software G2 ist in der Lage, alle vorhandenen Office-Lösungen „anzuzapfen“, die entsprechende Schnittstellen haben.

Mittlerweile gibt es ja einen chronischen Mangel an IT-Fachleuten, so dass sich immer mehr Unternehmen selbst helfen wollen. Da kommt Ihre Lösung ja wie gerufen, oder?

Dr. Gerd Staudinger: Ja, in der Tat. Der Trend geht hin zu No-Code-Software – Lösungen, die die Unternehmen auf Dauer unabhängig machen von externen Spezialisten. Software zum Selbermachen gewissermaßen. Wir haben unsere Technologie inzwischen so weiterentwickelt, dass die Anwender beliebig komplexe Prozesse in ihrer Firma einheitlich und übersichtlich abbilden können – schnell und ohne Programmierkenntnisse. Die Mitarbeiter in den klein- und mittelständischen Unternehmen dabei zu unterstützen, ihre MS Office-Lösungen auf einen sicheren Datenbankserver zu heben und damit selbstständig weiterzuarbeiten – diesen Weg wollen wir weitergehen. Denn das wird die Zukunft sein.

Vielen Dank, für das Gespräch.