Dipl.-Bw. Werner Schersach: Trend zum Online-Konsum

Dipl.-Bw. Werner Schersach ist Geschäftsführer CCG Cologne Consulting Group. Mit ihm sprechen wir über Folgen der Pandemie, Veränderung des Krankenstandes sowie verändertes Konsumverhalten.

Laut Experten beschleunigt die Pandemie Veränderungen in der mittelständischen Wirtschaft und agiert somit als Katalysator. Welche wirtschaftlichen Veränderungen im mittelständischen Segment sind derzeit besonders prägnant?

Dipl.-Bw. Werner Schersach: Zum einen ist es notwendig zwischen den Folgen der Pandemie und zum anderen den Folgen der Maßnahmen der Bundes- und Landespolitik zur Bekämpfung der Pandemie zu unterscheiden. Die Veränderung des Krankenstandes durch die Pandemie war nur marginal. Die meisten Infizierten haben die Infektion nicht bemerkt oder für eine Art Grippe gehalten. Insofern sind die Auswirkungen der Pandemie auf die mittelständische Wirtschaft hier nicht wesentlich anders zu bewerten als die bekannten Grippewellen. Ganz anders sind die Auswirkungen der Maßnahmen der Bundes- und Landespolitik zu bewerten. Die teilweise erratische Vorgehensweise des Bundes und der unterschiedlichen Bundesländer sowie die Trägheit der Bundes- und Landesbürokratie haben hier zu zahlreichen Problemen gerade auch in der mittelständischen Wirtschaft geführt. Zur Erlangung von Unterstützungsleistungen mussten zum Teil umfangreiche Antragsformulare mit unklaren oder sehr speziellen rechtlichen und fachfremden Fragestellungen von den Unternehmen bearbeitet werden. Dies führte nicht selten zu Fehlern, Verzögerungen und viel Ärger. Die landesspezifisch unterschiedlichen und häufig ohne erkennbaren Sinn und Anlass geänderten Regelungen haben zu Verunsicherung, Ratlosigkeit und auch Zorn bei den Betroffenen geführt. Verstärkt verändert hat sich insbesondere das Verhalten der Konsumenten. Hier ist einerseits im Einzelhandel zu beobachten, dass deutliche Abwanderungsbewegungen in Richtung Online-Kauf stattgefunden haben und sich dort verfestigen. Die Unternehmen reagieren zum Teil mit der Verstärkung ihrer Internetpräsenz, um Umsatzverluste aufzufangen. Andererseits ist im Bereich Hotellerie / Gastronomie ein deutlicher Rückgang der Belegungszahlen bzw. Gästezahlen zu verzeichnen. Die Gastronomie versucht dies durch Online-Lieferangebote zu kompensieren.

Welche Unternehmen und Branchen sind am stärksten von der Transformation betroffen?

Dipl.-Bw. Werner Schersach: Die Hotellerie, die Gastronomie, die Reiseveranstalter, die Veranstaltungsbranche inklusive der dazugehörigen Zulieferer- und Dienstleistungsbranche, der Einzelhandel.

Viele Unternehmen befürchten ein verändertes Konsumverhalten auch nach der Pandemie. Ist die Angst um einen Nachfragerückgang und Veränderungen im Konsumverhalten berechtigt?

Dipl.-Bw. Werner Schersach: Ja, denn der Trend zum Online-Konsum war bereits vor der Pandemie deutlich ausgeprägt. Die Pandemie hat dies nur beschleunigt. Die Vorteile des Onlinehandels – große Auswahl, niedrige Preise, schnelle Marktübersicht, kurze Lieferfristen- werden sich durch den rasanten technischen Fortschritt (z.B. 3-D-Drucker) noch verstärken. Die Nachfrage insgesamt wird eher noch steigen, da durch die Pandemie und den damit verbundenen Konsumverzicht (Reisen, Veranstaltungen, Gastronomie, etc.) Liquidität bei den Konsumenten vorhanden ist. Entscheidend wird sein, ob die Unternehmen rasch und effizient in der Lage sind ihr jeweiliges Geschäftsmodell an die veränderte Marktsituation anzupassen.

Könnte die Pandemie der Anfang vom Ende für zahlreiche mittelständische Unternehmen sein?

Dipl.-Bw. Werner Schersach: Könnte, muss aber nicht. Voraussetzung für eine erfolgreiche Zukunft wird, übrigens wie zu allen Zeiten, die Fähigkeit sein sich rasch und effizient an die neuen Bedingungen der Märkte anzupassen. Gerade die mittelständische Wirtschaft hat dies in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder erfolgreich geschafft. Insofern wird sich die Landschaft ändern aber weiterhin lebendig bleiben.

Der deutsche Mittelstand gilt als Rückgrat unserer Wirtschaft? Wird die Bedeutung zu Gunsten von Konzernen sinken?

Dipl.-Bw. Werner Schersach: Die deutsche Wirtschaftspolitik begünstigt die Großunternehmen und Konzerne dank finanzstarker und einflussreicher Lobbys schon seit vielen Jahrzehnten. Das hat die mittelständische Wirtschaft erfreulicherweise nicht daran gehindert sehr erfolgreich auf den Märkten zu operieren. Biontech ist hier nur das prägnanteste Beispiel, für einen Mittelständler, der gemeinsam mit einem Multi extrem erfolgreich ist. Das mittelständische Unternehmen hat die kreative und innovative Leistung erbracht, der Multi hat dann das Kapital, die Produktionskapazitäten und die Logistik beigesteuert zum gemeinsamen Erfolg. Beide sind dabei gewachsen. Es wäre schön, wenn die Politik diesen Zusammenhang deutlich erkennen würde und dann auch entsprechend zielgerichtet handelte statt sich in Sonntags- oder Wahlkampfreden vor Vertretern des Mittelstandes über das „Rückgrat der Wirtschaft“ zu verbreiten. Die jetzt notwendigen Anpassungen an die veränderten Märkte durch gezielte Förderung von entsprechenden Beratungen Coachings zu begleiten und erfolgreich zu gestalten, könnte dabei ein ganz wesentliches Element der Förderung des Mittelstandes in dieser schwierigen wirtschaftlichen Phase sein.

Herr Schersach, vielen Dank für das Gespräch!

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