Gerd Staudinger: Mit No-Code-Softwarelösungen sind Unternehmen schnell und unabhängig

Dr. Gerd Staudinger ist Geschäftsführer der Software-Firma Stella Systemhaus GmbH Dresden. Im Interview erklärt er, warum immer mehr Unternehmen weltweit auf No-Code- und Low-Code-Softwarelösungen setzen und wie sich die Anwender damit unabhängig von überlasteten IT-Abteilungen machen.

Seit drei, vier Jahren setzen Unternehmen verstärkt auf No-Code- und Low-Code-Anwendungen. Was verbirgt sich dahinter?

Dr. Gerd Staudinger: No Code bedeutet: Die Mitarbeiter in den Unternehmen entwickeln ihre Software-Lösungen unter Anleitung in kleinen Schritten selbst – ganz ohne Programmierkenntnisse. Low-Code-Lösungen hingegen erfordern zumindest Basiskenntnisse beim Programmieren. Fest steht: Beide Technologien sind nicht nur schnell einsetzbar, die Anwender machen sich auch unabhängig von überlasteten IT-Abteilungen. Wir verfolgen einen No-Code-Ansatz bereits seit 15 Jahren – und können mit der Software „G2“ eine inzwischen ausgereifte Technologie vorlegen. Sie garantiert eine Zeiteinsparung von 90 Prozent gegenüber herkömmlicher Software.

No-Code- bzw. Low-Code-Anwendungen gehören zu den stärksten Trends in der Software-Entwicklung. Wie lässt sich das mit Zahlen untermauern?

Dr. Gerd Staudinger: Der US-amerikanische Marktforscher Gartner zum Beispiel prognostiziert für das laufende Jahr, dass der Umsatz mit diesen Technologien weltweit um 23 Prozent auf 13,8 Milliarden Dollar anwachsen wird. Bis 2025 sollen nach Schätzung dieser Analysten 70 Prozent aller neuen Anwendungen Now-Code- oder Low-Code-Lösungen sein. Dass der Trend in diese Richtung geht, hängt auch mit dem chronischen Mangel an Software-Spezialisten zusammen. 86000 offene Stellen hat der IT-Branchenverband Bitcom im vergangenen Jahr registriert.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine No-Code-Technologie zu entwickeln?

Dr. Gerd Staudinger: Bis 2006 haben wir mit herkömmlicher Technologie IT-Branchenlösungen für Unternehmen entwickelt. Wie der Name schon sagt, vereinen solche Lösungen stets die Anforderungen an eine ganze Branche. Sie müssen also an die speziellen Gegebenheiten im Unternehmen angepasst werden. Das Problem für uns als Software-Firma bestand immer wieder darin, dass die Anwender in den Betrieben unseren Entwicklern ihre Anforderungen nicht lückenlos benennen konnten. Hatten sie jedoch Angaben vergessen oder noch gar nicht bedacht, mussten unsere IT-Fachleute die Software später anpassen. Wenn man aber immer wieder etwas nachträglich ändert oder hinzufügt, wird die Software instabiler und letzten Endes auch immer schwieriger zu warten. Das bewog uns dazu, eine neue Software-Technologie zu entwickeln, die es den Anwendern ermöglicht, ihre Daten unabhängig von uns zu verwalten und weiterzuentwickeln – Schritt für Schritt und ohne aufeinander Rücksicht nehmen zu müssen.

Aber ist es für Laien auf diesem Gebiet nicht äußerst schwierig, Daten eigenständig zu verwalten und neue Lösungen zu entwickeln?

Dr. Gerd Staudinger: Nein. Dass die Anwender in den Unternehmen dazu durchaus in der Lage sind, haben wir an den komplizierten Excel-Lösungen gesehen, die viele Mitarbeiter nach und nach für sich entwickelt haben, weil die Branchenlösung in ihrem Unternehmen nicht alles abgedeckt hat. Wir als IT-Firma lassen die Anwender ja auch nicht allein. Sollten sie einmal nicht weiterkommen, bieten wir eine Beratung an. Taucht ein größeres Problem auf, geben unsere Software-Fachleute Anregungen in einem Workshop oder lösen das Problem selbst. Das kommt aber selten vor.

Anbieter von Low-Code-Technologien versprechen, dass sich die Anwender Apps für die unterschiedlichsten Einsatzzwecke nach dem Baukastenprinzip schnell selbst zusammensetzen könnten. Funktioniert Ihre Technologie ähnlich?

Dr. Gerd Staudinger: Bei Low-Code-Lösungen handelt es sich meist um kompakte, fest programmierte kleine Module. Anders als bei einer Branchenlösung holt man sich nur die Module, die man tatsächlich benötigt, und kann sie auch sofort testen. An den Modulen ändern lässt sich aber in der Regel nichts. Auch mit unserer Technologie „G2“ bekommt der Anbieter genau die IT-Lösung, die er braucht – nicht mehr und nicht weniger. Er kann die Kennziffern in den Modulen aber nach Bedarf selbst verändern oder neue einführen. Und unsere No-Code-Technologie kommt auch nicht an ihre Grenzen, wenn es kompliziert wird.

Wie muss ich mir „G2“ denn in der Praxis vorstellen?

Dr. Gerd Staudinger: „G2“ ist eine generische, branchenunabhängig einsetzbare Software. Sie funktioniert ähnlich wie das Tabellenkalkulationsprogramm Excel. Doch anders als bei Excel werden die Firmendaten vollständig und revisionssicher auf einem zentralen Datenbankserver erfasst und verwaltet. In elektronischen Formularen legen die Mitarbeiter selbst fest, welche Daten erfasst werden und welche Eigenschaften diese Daten haben sollen. Die Beziehungen zwischen diesen Daten werden wie bei Excel in Formeln hinterlegt. Das alles tun die Anwender, ohne programmieren zu müssen. Indem sie ihre Daten selbst verwalten, machen sie sich unabhängig von raren Software-Spezialisten. Mit „G2“ lassen sich überaus komplexe Lösungen „bauen“. Um mit der Software arbeiten zu können, reichen Excel-Kenntnisse aus.

Wer arbeitet mit Ihrer Technologie?

Dr. Gerd Staudinger: Sie wird zum Beispiel im Saarland eingesetzt. Die Ministerien dort nutzen die Technologie seit vielen Jahren mit Erfolg für die EU-Fördermittelverwaltung – und zwar landeseinheitlich. Dabei handelt es sich um eine äußerst komplizierte Angelegenheit mit einem Volumen von insgesamt mehr als 150 Millionen Euro pro Förderperiode. Was die Behördenmitarbeiter besonders schätzen, ist der geringe Aufwand, den sie betreiben müssen, wenn sich rechtliche Vorgaben der EU-Kommission ändern. Während andere Verwaltungen immer wieder externe Programmierer bemühen müssen, um die Software an die aktuellen Veränderungen der Rechtslage anzupassen, können die Mitarbeiter das mit einfachen Bordmitteln selbst tun und sind damit fix und flexibel. Mit „G2“ können Sie zum Beispiel aber auch ein Dokumenten-Management-System verwalten oder eine Projektverwaltung betreiben. Unsere Lösung ist für Unternehmen und öffentliche Verwaltungen aller Größen geeignet.

Worin besteht dann eigentlich die Aufgabe der Entwickler von Stella?

Dr. Gerd Staudinger: Wenn ein Unternehmen unsere Software einsetzen will, läuft das Prozedere folgendermaßen ab: Wir stellen den Mitarbeitern immer eine Einstiegslösung in mehreren Varianten zur Verfügung. Diese Formulare dienen als Mustervorlage. Daran können sich die Anwender orientieren und – das ist das Entscheidende – selbst weitere Formulare entwickeln, verändern und prüfen. Das dauert dann je nach Umfang nur wenige Tage. Entscheidend ist, dass die Nutzer mit „G2“ in der Lage sind, ihre Lösung binnen Minuten ohne Programmierkenntnisse an die aktuellen Erfordernisse anzupassen, zu verändern und zu erweitern – und zwar exakt so, wie sie sie brauchen. Die Anwender können klein mit einem Formular beginnen und ihre Lösung Schritt für Schritt erweitern. Sie müssen also nicht schon zu Beginn alle Anforderungen im Kopf haben. Dennoch entsteht am Ende eine ganzheitliche Lösung. „G2“ ermöglicht eine Zeiteinsparung von 90 Prozent gegenüber herkömmlicher Software.

Die selbstständige Erfassung und Verwaltung der Daten ist das eine. Können die Mitarbeiter auch in den Daten beliebig recherchieren und selbst festlegen, welche Angaben sie sehen wollen?

Dr. Gerd Staudinger: Ja, dieser Vorteil von G2 dürfte vor allem die Geschäftsführung interessieren. Sie erfährt häufig erst im Meeting von einem Problem im Unternehmen – und nicht schon vorher. Der Effekt ist, dass kein gedanklicher Vorlauf besteht und der Fall meist ad hoc gelöst werden muss. Noch schlimmer wird es, wenn die Leitung nur durch einen Zufall oder gar nichts von dem Problem mitbekommt. Damit das nicht passieren kann, benötigt die Geschäftsführung zu jeder Zeit Zugriff auf alle relevanten Firmenkennzahlen – und zwar schnell und einfach. Viele Unternehmen verwalten ihre Daten jedoch noch immer in diversen Insellösungen. Der Nachteil: Zwischen ihnen können weder Daten ausgetauscht werden noch lassen sich daraus komprimierte Informationen ziehen, die Aufschluss über die Entwicklung wichtiger Kennziffern geben. Genau hier setzt unsere Software „G2“ an. Sie verfügt über einen Datenkonverter und ist damit in der Lage, beliebige Daten aus den Insellösungen in kurzer Zeit zusammenzuführen, zu ergänzen und für die Leitung aufzubereiten.

Könnte das nicht auch mit einer Branchenlösung bewerkstelligt werden?

Dr. Gerd Staudinger: Nein. Die Schwierigkeit für die Geschäftsführung besteht darin, dass sie es mit immer wieder anderen Problemen zu tun hat. Deshalb muss sie auch ständig neue Indikatoren beobachten können. Branchenlösungen sind dafür nicht gemacht. Immer wenn sich die Kennzahlen ändern, müssten neue Algorithmen gefunden werden, die sie auswerten. Dafür sind Software-Spezialisten nötig. Das kostet Zeit und Geld. Mit „G2“ können die Mitarbeiter entsprechend ihrer Berechtigung beliebige Prüfkriterien selbst entwickeln und binnen Minuten an die aktuellen Gegebenheiten anpassen – exakt so, wie sie es benötigen. Alle Mitarbeiter nutzen die gleichen Formulare, in die sich nicht nur Texte, sondern vor allem auch getypte Daten wie Zahlen oder Ja-/Nein-Angaben eintragen lassen. Das ermöglicht, Soll- und Ist-Werte automatisch zu vergleichen, Abweichungen herauszufiltern, Tendenzen zu erkennen.

Herr Staudinger, vielen Dank für das Gespräch!

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