Stefan Kalmund: Belastungsfähigkeit der Lieferketten

Stefan Kalmund ist CEO von Nexxiot. Mit ihm sprechen wir über Belastungsfähigkeit der Lieferketten, globale Materialbeschaffung sowie wirtschaftliche Bedeutung.

Eine Debatte um die Belastungsfähigkeit der Lieferketten läuft nicht erst seit der Corona-Pandemie. Trotz massiver Probleme mit Lieferketten möchten aber nur wenige Unternehmen die Beschaffungen ersetzen. Warum haben trotz der Lieferkettenprobleme die Unternehmen nicht vor, die globale Materialbeschaffung zu ersetzen?

Stefan Kalmund

Stefan Kalmund: Die Probleme der letzten Monate lassen sich nicht mit dem bloßen Verkürzen von Lieferketten – oft auch als Abkehr von der globalen Arbeitsteilung formuliert – beheben. Denn die Vorstellung einer Lieferkette ist dabei etwas veraltet. Vielmehr bewegen wir uns in globalen Wertschöpfungsnetzen, in denen zahlreiche, unterschiedliche Akteure zur Schaffung und zum Austausch von Ressourcen und Dienstleistungen beitragen. Die Ursachen für die aktuelle Situation sind demnach vielschichtig, wurden aber aufgrund der Auswirkungen der Pandemie, den Nachholeffekten, Wetterphänomenen, der Rohstoff- und Bauteilknappheit bei Holz, Halbleitern oder Chips, dem Mangel an Transportkapazitäten, nicht zuletzt bei Containern, sowie durch geopolitische Verwerfungen besonders sichtbar.

Unternehmen jeder Größe setzen daher immer stärker darauf, ihre Netzwerke resilienter zu gestalten. Es lässt sich so zum Beispiel ein Trend hin zur Diversifizierung von Bezugsquellen erkennen. Damit das verlässlich funktionieren kann, braucht es jedoch Transparenz. Diese Transparenz fordern Produktionsunternehmen immer stärker von ihren Transporteuren ein. Sie wollen informiert werden, wo, wann und warum es zu Verzögerungen kommt, um handlungsfähig zu bleiben. Transportunternehmen stehen damit in der Verantwortung und müssen Rechenschaft über jeden Schritt ablegen. IoT-Lösungen, wie wir sie mit Nexxiot anbieten, tragen dazu bei, Transporteuren und Produktherstellern Einblick in Transportprozesse zu geben. Indem wir mithilfe von Sensoren Echtzeitdaten zum Standort und Zustand der Transportobjekte liefern, zahlt das auf die Effizienz und Sicherheit der Prozesse ein, weil Problemen proaktiv begegnet werden kann.

Die Pandemie hatte einen Denkanstoß zur Rückholung der Materialproduktion nach Deutschland gegeben, nachdem Güter wie Mikrochips und medizinische Artikel nicht mehr zu beschaffen waren. Was würde eine europäische Produktion für die Wirtschaft bedeuten und ist diese überhaupt realistisch?

Stefan Kalmund: Eine Produktion auf europäischer Ebene wäre nur unter großem Kosteneinsatz für Unternehmen realisierbar und wird daher aller Wahrscheinlichkeit nicht in absehbarer Zeit umgesetzt. In einzelnen Fällen mag das sogenannte Reshoring der Produktion in den europäischen Raum vielleicht sinnvoll sein, doch das dauert Monate oder sogar Jahre. Unternehmen benötigen jedoch Maßnahmen, die sie schnell und nachhaltig gegen Ausfälle wappnen. Hier kommt der TradeTech-Ansatz ins Spiel, den wir mit Nexxiot unterstützen und der darauf basiert mithilfe von Technologien den weltweiten Handel zuverlässiger zu gestalten. Denn auch in Europa kann es zu Unterbrechungen bei der Versorgung kommen. Als prominentes Beispiel wäre die Sperrung der Rheintalstrecke bei Rastatt im Jahr 2017 zu nennen. Durch den siebenwöchigen Ausfall der Bahninfrastruktur aufgrund einer Absenkung des Gleisbetts entstand der Industrie ein Schaden von rund 300 Millionen Euro. Der volkswirtschaftliche Schaden wurde sogar auf rund zwei Milliarden Euro geschätzt. Solche Situationen, aber auch Streiks, Grenzschließungen, Umweltprobleme oder Naturkatastrophen, wie zuletzt durch den Starkregen im Westen Deutschlands gesehen, können immer wieder eintreten, egal woher Rohstoffe, Halbfertigmaterialen oder Endprodukte bezogen werden. Eine europäische oder selbst eine nationale Fertigung bedeutet nicht automatisch, dass Prozesse stabiler werden und es nicht mehr zu Produktionsausfällen kommen kann. So etwas ist nur beherrschbar, wenn man einen Überblick über seine Transportobjekte und die Waren darin hat, um auf Veränderungen schnell reagieren zu können. Das ist heutzutage dank der Digitalisierung und TradeTech-Ansätze problemlos möglich.

Große Unternehmen setzen auf eine Maximierung der Zulieferer. Wie ist die Situation bei kleinen und mittelständischen Unternehmen?

Stefan Kalmund: KMU haben oft Probleme bei der Diversifizierung ihrer Bezugsquellen. Eine Möglichkeit, um auch in Krisenzeiten handlungsfähig zu bleiben besteht darin, mehr Material in Lagern vorzuhalten und so ein wenig mit den Trends der vergangenen Jahre und Jahrzehnte, wie etwa mit Blick auf die Just-in-Time- und Just-in-Sequence-Produktion, ein Stück weit zu brechen. Aber auch die Digitalisierung spielt eine sehr wichtige Rolle. Viele Kunden, die wir mit entsprechender IoT-Technologie ausrüsten, kommen aus dem mittelständischen Umfeld. Für diese ist der Einsatz innovativer Sensortechnik eine einfache Möglichkeit ihre Prozesse resilienter zu gestalten. Durch den Einsatz digitaler Zwillinge, also dem digitalen Abbild realer Transportobjekte, haben Logistikverantwortliche die Möglichkeit in Echtzeit zu sehen, was während des laufenden Betriebs passiert. Zudem lassen sich auch Simulationen von „Was-wäre-wenn“-Szenarien erstellen, um zukünftige Geschäftsentwicklungen zu analysieren. Die Echtzeitdaten helfen ebenso, die Verantwortlichkeit gegenüber Partnern und Kunden eindeutig zu klären. Wenn heute beim Transport zu einem Zwischenfall kommt, führt die begrenzte Verfügbarkeit von Daten zu einem Marathon an Untersuchungen, Diskussionen und oft auch Schuldzuweisungen. Durch den Einsatz von Sensoren und Konnektivität sowie der Verarbeitung von Big Data durch intelligente Algorithmen entfallen diese zeitraubenden Vorgänge weitestgehend. Der Technologieeinsatz verschafft kleinen und mittelständischen Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil, der auch die Entstehung neuer Geschäftsmodelle befeuern kann.

Inwiefern könnte die Abhängigkeit und Handelsbeziehung zwischen China, USA und EU durch Inlandproduktionen gestört werden?

Stefan Kalmund: Eine reine Inlandsproduktion würde die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und der EU erheblich schwächen. Wertschöpfungsketten innerhalb der EU und der grenzüberschreitende Austausch von Waren, Dienstleistungen und Arbeitskräften spielen für alle Mitgliedsstaaten, nicht zuletzt für Deutschland, eine wichtige Rolle. Das können wir auch anhand unserer Echtzeitdaten erkennen. Eine Vielzahl der Transporte deutscher Firmen geschehen innerhalb des europäischen Binnenmarktes. Die EU ist zugleich ein wichtiger Handelspartner für China und auch die USA, das gilt ebenso für Deutschland als einzelnes Mitgliedsland und Exportweltmeister. Ein Rückzug auf die Inlandsproduktion, den ich als kaum stemmbare Alternative sehe, würde sicher einen härteren Kampf um die ohnehin knappen Ressourcen bedeuten. Da würden die beiden Weltmächte ihre Interessen sicher noch vehementer durchsetzen, was nicht im globalen Interesse liegen kann. Heute sind alle drei Wirtschaftsräume durch wechselseitige Handelsbeziehungen voneinander abhängig und haben in einem Handelskonflikt viel zu verlieren. Ich hoffe, dass wir die derzeitigen Herausforderungen viel mehr durch Kooperation als durch Konfrontation zu lösen wissen.

Herr Kalmund, vielen Dank für das Gespräch!

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