Dipl.-Wirt.-Ing. Michael Schulte: Je höher die zu erwartende Rendite, desto größer das Risiko

Dipl.-Wirt.-Ing. Michael Schulte ist Msi – Michael Schulte Investmentberatung – in Köln. Mit ihm sprechen wir über Korrelation zwischen Risiko und Rendite, jährliche Volatilität sowie Tipps für Anleger.

Michael Schulte

Experten raten Anleger/innen immer, sich vor einer Kaufentscheidung Gedanken über Rendite und Risiko zu machen. Inwiefern besteht denn eigentlich eine Korrelation zwischen Risiko und Rendite?

Dipl.-Wirt.-Ing. Michael Schulte: Grundsätzlich gilt die alte Regel: „Je höher die zu erwartende Rendite, desto größer das Risiko“. Verfolgt man als Risikobegriff die Schwankungsbreite, existiert tatsächlich eine starke Korrelation: Das Bankkonto hat anscheinend überhaupt kein Risiko, dafür aber auch gar keine Rendite. Ein Aktienfond dagegen scheint ein hohes Risiko zu haben, da er stark schwankt, dafür darf man aber auch langfristig mit 7-9 % Rendite rechnen.

Richtiger wäre die Formulierung, dass es eine Korrelation zwischen Volatilität und Rendite gibt. Ich behaupte aber, dass Volatilität und Risiko weniger stark korrelieren, als man es gemeinhin annimmt: Es ist einfach so, dass die Schwankung einer Bewertung nicht das Risiko der zugrundeliegenden Anlage wiedergibt. Sie würden sich wundern, wie stark die Bewertung einer Immobilie schwankt, wenn man stündlich Preise dafür einholen würde. Die Stabilität von Immobilienpreisen im Vergleich zu Aktien ist eine Illusion, die lediglich mit der Frequenz der Preisfeststellung zusammenhängt. Trotzdem sind beide Anlagen – Aktien und Immobilien als Sachwerte – langfristig vergleichbar sicher, denn beides sind Sachwerte, und als Aktionär besitzen Sie ja auch die Immobilien des Unternehmens, in das Sie investieren. In Zeiten der Nullzins-Politik müssen wir uns daran gewöhnen, dass es eine risikolose Geldanlage, die mindestens Kaufkrafterhalt bietet, nicht mehr gibt. Wer die Inflation und die zu zahlenden Steuern erwirtschaften will, muss nominal 3 – 4 % Rendite erwirtschaften. Und die gibt es nur unter Inkaufnahme von Schwankungen.

Wie setzt man als potenzieller Anleger Risiko und Rendite ins Verhältnis? Gibt es eine Leitlinie, um eine risikoadjustierte Rendite zu berechnen?

Dipl.-Wirt.-Ing. Michael Schulte: Viel wichtiger ist es meiner Meinung nach, sich Gedanken darüber zu machen, wie man den Begriff Risiko versteht. Ist Risiko wirklich die Schenkungsbreite, die ich kurzfristig zu erwarten habe (Volatilität) oder ist es vielmehr die langfristige Sicherheit meiner Anlage? Gerne wird die so genannte Sharpe-Ratio (Wertentwicklung oberhalb des sicheren Zinses in einem definierten Zeitraums geteilt durch die Volatilität dieses Zeitraumes) herangezogen, um das Rendite-Risiko Verhältnis in eine einzige Zahl zu gießen. Eine Sharpe-Ration von 1 oder darüber wird gemeinhin als sehr gut angesehen. Doch auch dies führt häufig in die Irre, denn es kommt immer auf den Zeitraum an, in dem ich diese Kennziffer ermittle: Derzeit ist es so, dass viele Fonds seit dem Tiefpunkt in der Corona-Krise (März 2020) rine Sharpe-Ratio von 3 oder 4 haben, da das Wachstum stark nach oben geht und seit 18 Monaten kaum Rücksetzer kamen, also zweistellige Renditen bei sehr niedriger Volatilität. Von daher ist es viel wichtiger, sich über die Dauer seiner Anlage klar zu werden: Wer einen Anlage-Horizont von 20-30 Jahren hat – etwa für die Altersvorsorge – hat sicherlich mit breit gestreuten internationalen Aktienfonds die höchste Sicherheit, die er erreichen kann. Wer jedoch kurz- oder mittelfristig auf ein bestimmtes Ziel hin spart, ist gut beraten, wenn er defensive Anlagen mit geringen Schwankungsbreiten auswählt, also z.B. Mischfonds mit vermögensverwaltendem Ansatz und maximal 30 % Aktienquote.

Ist die jährliche Volatilität immer eine ernstzunehmende und zuverlässige Leitziffer, um die Schwankungsbreite um den Mittelwert zu errechnen?

Dipl.-Wirt.-Ing. Michael Schulte: Die jährliche Volatilität ist nichts anderes, als die zu erwartende statistische Schwankungs- breite um einen Mittelwert – das ist gewissermaßen die Definition von Volatilität. Die Volatilität ist aber keine zuverlässige Risikokennziffer, da sie in keinster Weise das Ausfallrisiko eine Anlage widerspiegelt. So kann ich zum Beispiel mit einem festverzinslichen Sparbuch bei einer dubiosen Bank, deren Namen ich nicht aussprechen kann, Totalverlust erleiden, obwohl die Volatilität gleich Null ist. Umgekehrt ist die Wahrscheinlichkeit, mit einem gut gemanagten internationalen Aktienfonds langfristig Totalverlust zu erleiden, faktisch gleich null. Es gibt ein Risiko, über das viel zu wenig gesprochen wird: Das Risiko, durch zu vorsichtige Kapitalanlagen Geld zu verlieren, da ich nicht einmal die Inflation erwirtschafte. Dieses Risiko ist langfristig viel größer und wahrscheinlicher als ein Totalverlust mit Aktien.

Wie kann man also Risiken meiden, da wo sie vermeidbar sind und woher weiß man, ob ein Risiko kontrollierbar ist?

Dipl.-Wirt.-Ing. Michael Schulte: Wie schon eben ausgeführt, ist der wichtigste Punkt, sich über die Dauer der Anlage im Klaren zu sein. Wer langfristig spart, kommt um gut verwalte Aktienfonds nicht herum. Der nächste Schritt ist die Auswahl des Vermögensverwalters: Hat der Vermögensverwalter/Fondsmanager genügend Erfahrung in seinem Anlage-Segment? Arbeitet er für eine seriöse Vermögensverwaltung bzw. Fondsgesellschaft? Beruhen seine Erfolge eher auf Glück und „Rückenwind“ oder konnte er auch in schwierigen Phasen die Verluste gering halten? Letztendlich ist es also eine Frage von Informationen, wie hoch das Risiko meiner Kapitalanlage letztendlich ist – wer gut informiert ist, hat das geringste Risiko.

Gute Vermögensverwalter sprechen auch darüber, wie sie Risikokontrolle betreiben. Dies sollte man sich als Anleger erläutern lassen: Setzt der Fondsmanager Derivate ein, hat er eine flexible Aktienquote oder ist er „long only“?

Darüber hinaus kann ich nur jedem empfehlen, nicht zu stark auf bestimmte Branchen oder Themen oder Regionen zu wetten: Gerade als unerfahrene Anleger sollte man sich hier auf die Expertise des Vermögensverwalters verlassen. Er weiß viel besser, ob Aktien aus den USA, Australien oder Indonesien die besseren sind. Kleiner Tipp: Aktien aus dem DAX sind nicht immer die erste Wahl! Und noch ein Tipp: Finger weg von geschlossenen Fonds – die gehören nur in die Hände von erfahrenen und sehr vermögenden Anlegern. Hier besteht – im Gegensatz zu offenen Investmentfonds – in der Tat ein faktisches Risiko des Totalverlusts, die Finanzskandale der letzten Jahre zeigen dies eindrücklich.

Haben Sie in diesem Zusammenhang vielleicht noch Tipps für Anleger, die Sie uns mit- teilen wollen oder mit denen Sie gute Erfahrungen gemacht haben?

Dipl.-Wirt.-Ing. Michael Schulte: • Wer selbst nicht weiß, wie er sein Geld anlegen soll, sollte sich einen unabhängigen Berater zur Hilfe nehmen. Ganz wichtig ist hier, dass ein Vertrauensverhältnis zum Berater besteht.

• Meiden Sie Themen-, Branchen- und Regionen-Fonds; setzen Sie viel mehr auf vermögensverwaltende Fonds, die mit einer flexiblen Aktienquote gemanagt werden.

• Keine Angst vor Aktien! Aktien sind sicher – nicht der einzelne Titel, aber in einem Investmentfonds, in dem in aller Regel 30-200 Einzeltitel versammelt sind, sind Aktien sicher. Und Aktien sind die einzige anlageklasse, die bei langfristiger Sicherheit Renditen oberhalb von 6 % überhaupt möglich machen.

• Besonders beim Vermögensaufbau sollten Sie auf Sparpläne setzen und jeden Monat den gleichen Betrag einsetzen. Keine Angst vor Kurskorrekturen nach unten – die sind sogar gut, wenn sie auf der Sparer-Seite sind, denn niedrige Kurse bedeuten für Sie niedrige Anschaffungspreise. 

• Wer nicht viel von aktiv gemangten Fonds hält oder aus sonstigen Gründen meint, mit niedrigen Kosten besser zu fahren, sollte sich einen breit gestreuten ETF-Sparplan ein- richten. Hier ist z. B. der MSCI World oder noch besser der MSCI All Countries World ein geeigneter Basis-Wert. Aber Vorsicht – solche Index-Fonds haben keinerlei Risikomanagement – wenn die Börse crasht, crasht der ETF genauso kräftig mit. ETF, die Aktienindices abbilden, sind daher nichts für schwache Nerven.

• Und zuletzt: Wenn Sie es selbst in die Hand nehmen wollen, lesen Sie ein paar gute Bücher. Die alten Klassiker – André Kostolany, Warren Buffett, Benjamin Graham – sind immer eine gute Idee; lassen Sie dagegen die Finger von modernen Crash-Propheten oder selbsternannten Börsen-Experten, die Ihnen meistens etwas verkaufen wollen. Wer dieses Grundverständnis hat, wird kaum noch in der Lage sein, gravierende Fehler zu machen.

Herr Schulte, vielen Dank für das Gespräch!

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