Horst Seibold: Notprogramme der Regierung wirkten sich wachstumsfördernd aus

Horst Seibold ist Prokurist Der Finanz Berater. Mit ihm sprechen wir über Klimakrisen, Risiko für das deutsche Finanzsystem sowie Auswirkungen auf die Preisstabilität.

Extremwetterereignisse und Klimakrisen könnten dem Finanzwesen mehr schaden als angenommen. Warum sind Klimakrise und Extremwetterereignisse auch ein Risiko für das deutsche Finanzsystem?

Horst Seibold: Einen direkten Einfluss der Klimakrise auf das deutsche Finanzsystem sehe ich nicht. Zuerst stellt sich die Frage auf die Auswirkungen für die Wirtschaft. Entscheidend dabei wird sein, wie häufig und wie stark solche Ereignisse eintreten werden. Bisher war der gegenteilige Effekt erkennbar. Die Notprogramme der Regierung wirkten sich eher wachstumsfördernd aus. Kreditausfälle für die Banken traten außerdem nur sehr begrenzt auf.

Inwiefern hat der Klimawandel also Auswirkung auf die Preisstabilität?

Horst Seibold: Die Auswirkungen auf die Preisstabilität hängt entscheidend davon ab, wie schnell sich der Klimawandel vollziehen wird. Sollten die Veränderung die Anpassungsfähigkeit der Volkswirtschaften überfordern, wird sie preistreibend wirken durch die Erschwerung der Nahrungsmittelproduktion, die mögliche Beeinträchtigung von Lieferketten und der Rohstoffversorgung.

Können Sie sagen, was die EZB deswegen nun vorhat? Es geht dabei ja auch um die Förderung einer nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung.

Horst Seibold: Die EZB überlegt bei ihren Aufkaufprogrammen, nachhaltige Anleihen zu bevorzugen. Sie unterstützt zusätzlich die Neuemissionen von sogenannten Green Bonds der Euroländer. Diese neue Form von Anleihen sollen bevorzugt für nachhaltige Projekte eingesetzt werden.

Warum ist es unter Ökonomen umstritten, ob Notenbanken mit ihrer Geldpolitik umweltpolitische Ziele unterstützen sollten?

Horst Seibold: Das Grundproblem besteht darin, dass niemand heute mit Sicherheit sagen kann, was wirklich nachhaltig ist und was nicht. Das Thema wird in der Öffentlichkeit eher dogmatisch und schon fast religiös geführt. Es ist wissenschaftlich nicht geklärt, ob ein Elektroauto wirklich CO2 einspart. Auch die Klimabilanz einer Windkraftanlage liegt heute weit entfernt von einer Nullemission. Ganz besonders negativ wirken sich Biogasanlagen auf die Umwelt- und die Klimabilanz aus. Wenn man aber dem freien Markt gefolgt wäre, gäbe es in Deutschland schon Jahrzehnte keine Kohlekraftwerke mehr. Diese Beispiele zeigen die Komplexität der Zusammenhänge des Menschen auf seine Umwelt. Hier sollten unabhängige Wissenschaftler das Wort haben. Für die Finanzstabilität war es bis heute enorm wichtig, dass die Märkte an der Neutralität der Notenbanken nicht zweifeln müssen.

Ist es gesamtwirtschaftlich sinnvoll, dass Zentralbanken bei Anleihekäufen umweltfreundliche Wertpapiere anderen Papieren vorziehen?

Horst Seibold: Diese Frage lässt sich mit Sicherheit aktuell nicht beantworten. Wie unter Punkt 4 ausgeführt, müsste noch viel intensiver nachgedacht und geforscht werden. Möglicherweise führen diese Maßnahmen zu Klumpenrisiken und Fehlallokationen an den Kapitalmärkten und richten großen Schaden an, ohne dass die gewünschten Effekte eintreten werden. Die gesamte Thematik sollte mit großer Offenheit und streng wissenschaftlich angegangen werden. Letztlich geht es um die Steuerung von äußerst komplexen Systemen, die unsere menschliche Intelligenz sehr schnell an seine Grenzen bringen kann. Aus vielen Versuchen aus der Vergangenheit im Umgang mit komplexen Systemen konnte man erkennen, dass die erwünschten Effekte nicht erzielt wurden, und häufig sogar des Gegenteil dabei herauskam. Ein bekanntes Beispiel sind staatliche Eingriffe in des Steuersystem, die sehr häufig nicht die erwünschte Wirkung erzielten. 

Herr Seibold, vielen Dank für das Gespräch!

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