Mike Schramm: Die Not ist nie ein guter Ratgeber

Mike Schramm ist Berater für nachhaltige Finanzen bei FUTURE VALUES. Mit ihm sprechen wir über Spareinlagen der Deutschen, Altersvorsorge sowie Kündigen von Altverträgen.

Mike Schramm

Corona hat für Kurzarbeit, eine schlechte Auftragslage und teils komplett geschlossene Branchenzweige gesorgt, zudem zahlt der Staat die Hilfen häufig zu spät. Glauben Sie diese Faktoren werden Auswirkungen auf die Spareinlagen der Deutschen haben?

Mike Schramm: Ja, das glaube ich. Nicht jede:r hatte genug liquide Reserven um über die Krise zu kommen. Besonders Solo-Selbstständige oder Gastronom:innen, die über längere Zeit gar kein Einkommen generieren konnten, mussten Sparpläne einstellen und Kapital verzehren. Auch wer ausreichende Liquiditätsreserven zur Verfügung hatte, muss diese nach der Krise wieder aufbauen – wahrscheinlich mit dem Geld, das sonst in mittel- und langfristige Anlagen geflossen wäre. Allerdings sprechen wir hier immer über Kleinanleger:innen. Eine spürbare Auswirkung auf die Kapitalmärkte wird das wahrscheinlich nicht haben.

Können Sie in Ihrem Beratungsalltag feststellen, dass Menschen häufiger Altersvorsorge- bzw. Investmentprodukte kündigen, weil sie möglicherweise Liquidität benötigen?

Mike Schramm: Ja. Es waren aber nicht so viele, wie ich erst gedacht hatte. Die meisten haben es dann doch irgendwie geschafft.

Gehen wir davon aus, dass es ein Fehler ist, Altverträge aufgrund zu kündigen?

Mike Schramm: Die Not ist nie ein guter Ratgeber. Wer Kapital verzehrt, dass eigentlich für die Altersvorsorge oder Immobilienfinanzierung gebraucht wird, verschiebt das Problem nur auf später. Dass alte Verträge besonders gut sind und deshalb nicht gekündigt werden sollten, ist aber ein sehr teurer Irrtum.

Welche Alternativen gibt es, um an Barmittel zu gelangen, z.B. die Verpfändung von Verträgen?

Mike Schramm: Um die monatlichen Kosten zu senken, kann man Sparpläne kurzfristig stoppen und die Beitragszahlungen auch bei Versicherungen ein paar Monate einstellen. Reicht das nicht, kommt es stark auf den Vertrag oder die Anlage an. Basis-/Rürup-Renten und Betriebsrenten können nicht gekündigt werden und es ist auch keine Auszahlung möglich. Bei einem Riester-Vertrag müsste man bei Kündigung alle erhaltenen Förderungen und Steuervorteile zurückzahlen und auch recht lange auf die Auszahlung warten. Es gibt bei den staatlich geförderten Produkten also kaum Spielraum – auch nicht für eine Verpfändung. Bei einer privaten Rentenversicherung oder Investmentfonds ist man flexibler. Steht der Kurs der jeweiligen Anlage grade gut, kann man einen Teil für eine Auszahlung verkaufen. Bei einer Verpfändung müsste man eine dritte Partei einschalten, die sich die Dienstleistung dann wieder bezahlen lässt. Daher sollte das nicht die erste Wahl sein. Bei Kurseinbrüchen wie wir sie im März 2020 hatten, würde ich eher einen Kredit aufnehmen, um die Verluste nicht für eine Auszahlung realisieren zu müssen. Die pauschal beste Lösung gibt es leider nicht. Ich kann jeder und jedem empfehlen sich vor einer Entscheidung eingehend mit dem Thema zu beschäftigen oder sich gut beraten zu lassen, ansonsten ist schnell viel Geld verloren.

Verträge von Bank- und Versicherungsprodukten sind kompliziert. Was können Versicherungsnehmer und Investoren tun, um einen Überblick zu erhalten und wo erhalten Sie den richtigen Ansprechpartner?

Mike Schramm: Da wir alle zumindest für unsere Altersvorsorge Geld langfristig anlegen müssen, sollte sich jede Leserin und jeder Leser zumindest mit den Basics beschäftigen. Ein richtig teurer Fehler ist zum Beispiel, dass das Risiko von Investmentfonds viel zu hoch eingeschätzt wird und die Menschen dann aus Angst jede Menge Geld in schlechten und teuren Garantieprodukten von Versicherungen verbrennen. Auch wenn man nicht genug Zeit und Lust hat, um alles in die eigene Hand zu nehmen, sollte man sich auch vor einer Beratung ein wenig Grundwissen aneignen. „Wie Frauen ihre Finanzen selbst in die Hand nehmen können“ von Natascha Wegelin ist zum Beispiel ein gutes Buch für den Einstieg, schnell gelesen und natürlich auch für Männer geeignet. „Soundtrack für Vermögenswerte“ wäre dann die Alternative für echte Kerle. Eine gute Beraterin oder einen guten Berater zu finden kann schwer sein. Man sollte auf jeden Fall auf Unabhängigkeit, gute Bewertungen und eine glaubhafte Internetpräsenz achten. Wenn in der Beratung die Hochrechnungen für den möglichen Gewinn bodenständig bleiben und klar über Vertrags- und Anlagekosten gesprochen wird, ist das auch ein gutes Zeichen.

Lebensversicherungen, Aktien oder fondsgebundene Rentenversicherungen: die Liste an Angeboten ist lang. Wie schätzen Sie Lage nach Corona für den privaten Altersvorsorge Markt ein? Werden weniger Menschen oder mehr Menschen privat vorsorgen und vor allem wie?

Mike Schramm: Ich denke, dass mehr Menschen sich mit der Geldanlage beschäftigen werden. In meinen Kreisen erlebt das Thema im Moment einen regelrechten Boom und ich werde viel öfter darauf angesprochen als vor einem Jahr. Allerdings wollen junge Menschen eher keine Altersvorsorge im Wortsinn mehr. Investmentfonds und auch mal eine fondsgebundene Versicherung treffen den Zeitgeist wohl am besten, da beide sehr flexibel sind. Wer heute Mitte zwanzig ist, will keinen Vertrag abschließen, der erst mit 67 zur Auszahlung kommt. Etwas zu sparen, dafür eine Rendite zu bekommen und es dann für die Altersvorsorge, den Hauskauf, ein Sabbatical oder etwas ganz anderes verwenden zu können, spricht die meisten weit mehr an. Gleichzeitig sind Fondsprodukte langfristig betrachtet sehr sicher und man braucht sich nicht ständig damit zu beschäftigen. Aktien und Cryptowährungen sind im Moment zwar auch recht beliebt, ich denke jedoch, dass es für die meisten mit zu viel Aufwand und zu hohem Risiko behaftet ist, um eine Dauerlösung zu sein. Wovon ich absolut überzeugt bin, ist dass die Menschen immer mehr Wert auf soziale und ökologische Nachhaltigkeit legen werden – auch bei ihren Finanzen und das finde ich wirklich gut.

Herr Schramm, vielen Dank für das Gespräch!

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