Nicolas M. Stelter: Leveraged ETFs

Nicolas M. Stelter ist Geschäftsführer Alinea GmbH in Berlin. Mit ihm sprechen wir über neue Finanzprodukte, Leveraged ETFs sowie Wertentwicklung.

Immer neue Finanzprodukte kommen auf den Markt, die viele Menschen gar nicht kennen. Was sind denn Leveraged ETFs und wie funktionieren sie?

Nicolas M. Stelter: Leveraged ETFs sind eine ganz spannendes Finanzinstrument. Es klingt natürlich großartig, wenn man seine Rendite einfach verdoppeln kann. Allerdings ist so ein risikoreiches und komplexes Investment nur für ganz bestimmte Anleger von Bedeutung. Aber es gibt ja auch andere Möglichkeiten. Leveraged ETFs sind zu Deutsch gehebelte ETFs. Er hebelt die zugrundeliegende Anlage bzw. den zugrundeliegenden Index. In der Regel wird die Wertentwicklung mittels eines täglichen Swaps nach oben oder unten gehebelt.

Hier beginnt es auch schon, interessant zu werden. Die Wertentwicklung wird nämlich in der Regel auf täglicher Basis abgebildet. Das bedeutet, dass das Geld jeden Morgen neu investiert wird. Dadurch kann die Wertentwicklung erheblich von dem eigentlichen Index abweichen.

Warum sind Leveraged ETFs keine 1:1 Abbildung des Index?

Nicolas M. Stelter: Es geht gerade darum, nicht den Index 1:1 abzubilden, sondern vielleicht ein Verhältnis von 2:1, 3:1 oder -2:1 zu haben. Das wird dann mit 2x, 3x bzw. -2x bezeichnet. Wenn ein normaler ETF um 100 € steigt, dann soll ein einfach gehebelter ETF 2x um 200 € steigen. Ganz so einfach ist es aber nicht. Das trifft nur zu, wenn ich den ETF am selben Tag wieder verkaufen würde.

Lassen wir zunächst einmal den Hebel außen vor: Wenn der Index am ersten Tag um 10 % steigt und am zweiten Tag wieder um 10%, dann sind wir nicht bei 0 % Rendite, sondern haben -1 % Rendite erzielt. Dazu die folgende Rechnung:

1.         Tag: 100 € x (100 % + 10 %) = 110 €

2.         Tag: 110 € x (100 % – 10 %) = 99 €

Das Bauchgefühl von den meisten Menschen zieht auch am zweiten Tag wieder 10 % von 100 € ab, also 10 €. Am zweiten Tag liegt der Wert aber schon bei 110 €. Davon 10 % sind 11 €. Ziehen wird von den 110 € die 11 € ab, dann verbleiben nur 99 €.

Damit wir am zweiten Tag unterm Strich bei 0 % Rendite landen, darf der Kurs am zweiten Tag nur um 9,09 % fallen.

1.         Tag: 100 € x (100 % + 10 %) = 110 €

2.         Tag: 110 € x (100 % – 9,09 %) = 100 €

Aber ist das auch bei einer täglich gehebelten Anlage so? Nicht ganz! Auch wenn der Index wieder auf dem Anfangsniveau liegt, fährt in diesem Beispiel der gehebelte ETF einen Verlust ein. Auch hier macht das Bauchgefühl wieder einen Strich durch die Rechnung. Die meisten Menschen fassen im Kopf den gesamten Zeitraum zusammen und möchten dann einfach die Rendite verdoppeln. Allerdings wird der Swap nach jedem Tag abgerechnet. Die Rendite wird jeden Tag verdoppelt, also nicht die Rendite des gesamten Zeitraums. Das hat zur Folge, dass die Entwicklung sich erheblich von der Entwicklung des Index unterscheiden kann, wie man an diesem Beispiel sehen kann.

1.         Tag: 100 € x (100 % + (10 % x 2)) = 120 €

2.         Tag: 120 € x (100 % – (9,09 % x 2)) = 98,18 €

Während der Index wieder bei 100 € ist, liegt der gehebelte ETF bei nur 98,18 €.

Warum wirken Leveraged ETFs in Märkten mit hoher Volatilität negativ auf den Zinseffekt?

Nicolas M. Stelter: Die Frage müsste eigentlich andersherum lauten. Warum wirkt sich in Märkten mit einer hohen Volatilität der Zinseszinseffekt negativ auf den Leveraged ETF aus?

Nur wenn es negative Renditen gibt, kommt es auch zu diesem negativen Effekt. Wenn der Index kontinuierlich jeden Tag nur positive Renditen aufweisen würde, dann gäbe es diesen Effekt nicht. Sobald an einem Tag negative Renditen entstehen, kommt es jedoch zu diesem negativen Effekt. Wenn nun die Volatilität höher ist, dann ist auch die Wahrscheinlichkeit höher, dass es zu negativen Renditen kommt und diese negativen Renditen auch höher sind. Das verstärkt den Effekt. Daher kann man grundsätzlich sagen: Je größer die Volatilität, desto höher ist auch dieser Zinseszinseffekt.

Welche Vor- und Nachteile haben Leveraged ETFs?

Nicolas M. Stelter: Mit einer gehebelten Anlage kann man mit seinem begrenzten Kapital höhere Renditen erzielen. Es gibt aber neben Leveraged ETFs durchaus noch andere Möglichkeiten sein Investment zu hebeln. Zum einen kann man ganz einfach einen Kredit aufnehmen und damit dann das doppelte vom Eigenkapital investieren. Man könnte auch Swaps oder Optionen selbst direkt nutzen. Demgegenüber haben Leveraged ETFs Vor- und Nachteile

Die Vorteile sind:

1.         Bei ETFs ist die Haftung auf das investierte Kapital beschränkt.

2.         ETFs sind relativ einfach über die Börse handelbar.

3.         ETFs werden professionell managt.

4.         Keine feste Laufzeit, wie bei einer Option.

Die Nachteile sind:

1.         Das entsprechend höhere Risiko, welches dem gehebelten Index entspricht.

2.         Der schon beschriebene negative Zinseszinseffekt.

3.         Das Kontrahentenrisiko mit der Gegenpartei des Swaps, welches durch den Hebel natürlich auch höher zu bewerten ist als bei einem normalen synthetisch replizierenden ETF.

4.         In der Regel höhere Kosten als bei einem normalen ETF.

5.         Zusätzliche Swapgebühren.

Statt Leveraged ETFs könnte man doch auch Call-Optionen handeln und hätte ein ähnlich hohes Risiko. Wo liegen die Unterschiede?

Nicolas M. Stelter: Das kann man so pauschal nicht sagen. Leveraged ETFs sind nur schwer mit einer einzelnen Option vergleichbar. Besser ist der Vergleich mit den Swaps, die der ETF hält.

Optionen können, müssen aber nicht, die gleiche Volatilität haben wie der ETF bzw. die Swaps. Allerdings haben Swaps ein anderes Gewinn-Verlust-Profil. Während bei der Option der Käufer das Recht, aber nicht die Pflicht, hat einen Wert zu einem vorbestimmten Preis zu kaufen, ist beim Swap der Tausch von Zahlungsströmen in Vorfeld als Obligation festgelegt. Es handelt sich quasi um eine Option, die ausgeübt werden muss.

Bildhaft beschreiben lässt sich das mit dem Gewinn-Verlust-Diagramm, was jeder schon mal gesehen hat, der sich mit Optionen auseinandergesetzt hat. Bei dem vom Leveraged ETF durchgeführten Swaps entfiele dann der für Optionen typische Knick im Gewinn-Verlust-Profil.

Darüber hinaus kauft man beim Leveraged ETF nicht die Option bzw. den Swap selbst, sondern man kauft Anteile am ETF und dieser wiederum die Swaps. Das hat natürlich diverse rechtliche und steuerliche Auswirkungen.

Leveraged ETFs bieten wegen des Hebels große Chancen, sind aber im Gegensatz zu klassischen ETFs risikoreicher. Für welche Anleger sind diese dennoch interessant?

Nicolas M. Stelter: Man kann insbesondere von kurzfristigen Marktschwankungen profitieren, wenn man es schafft die Wertentwicklung zu prognostizieren. Das mag vielleicht für einige Daytrader und institutionelle Anleger reizvoll sein. Allerdings ist das ziemlich schwer. Nobelpreisträger Eugene Fama hat mit seiner Effizienzmarkthypothese schon 1970 gezeigt, dass Märkte ziemlich gut darin sind, Informationen effizient zu verarbeiten. Seither wurde in zahlreichen Studien gezeigt, dass es niemand zuverlässig schafft Marktentwicklungen vorherzusagen und, selbst wenn es jemand geschafft hat, dies nicht von reinem Glück unterschieden werden kann. Ein Leveraged ETF kann aber auch für jemanden interessant sein, wenn man sich gegen bestimmte Risiken für kurze Zeit absichern möchte. Vor allem aus steuerlicher Sicht kann es sinnvoll sein, wenn man eine Position mit nicht realisierten Gewinnen absichert, statt sie zu verkaufen. Wer langfristig eine höhere Rendite haben möchte als die durchschnittliche Aktienmarktrendite in Höhe von 9 % p.a., sollte besser auf Faktoren wie Small, Value, Profitability, Investment, Momentum etc. mit der bis zu 12 % p.a. zurückgreifen. Wem das noch nicht reicht, der sollte in der Regel lieber einen Kredit nutzen, um sein Portfolio zu hebeln. Jedoch ist auch das wiederum für die wenigsten Anleger relevant. Ich bin der Meinung, man sollte bei der Portfoliooptimierung nicht mehr bloß das Rendite-Risiko-Verhältnis optimieren wie mit den Modellen aus den 1950er, sondern darüber hinaus wie in den neueren Modellen aus den letzten zwei Jahrzenten die Wahrscheinlichkeit maximieren, seine Ziele zu erreichen. Dazu muss man diese erst einmal festlegen und eine Vision für ihr Leben zu entwickeln. Hier ist bei Anlegern auch immer wieder der größte Beratungsbedarf.

Herr Stelter, vielen Dank für das Gespräch!

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