Silke Stremlau: Klimaschutz spielt bei Geldanlagen eine immer größere Rolle

Silke Stremlau ist Vorstand Hannoversche Kassen. Mit ihr sprechen wir über nachhaltige Geldanlagen, umweltfreundliche Investitionen sowie Wichtigkeit des FNG-Siegels.

Hannover, DEU, 21.04.2021. Silke Stremlau, Vorständin der Hannoverschen Kassen

Welche Investitionen sind umweltfreundlich und was zählt zu nachhaltigen Geldanlagen?

Silke Stremlau: Bei nachhaltigen Geldanlagen werden neben den klassischen Geldanlagekriterien wie Rendite, Risiko und Liquidität weitere Kriterien als Maßstäbe an die Investitionsobjekte angelegt. Und zwar soziale, ökologische und Governance Kriterien. Das kann zum Beispiel über die Verbindung von Ausschluss- und Positivkriterien ablaufen. Das heißt, ich definiere für mich als Anlegerin, in welche Branche will ich nicht investieren, z.B. Ölindustrie oder Unternehmen, die Kinderarbeit zulassen, und ich prüfe die Unternehmen in einem Investmentfonds, ob diese bestimmte Mindestkriterien, z.B. im Umgang mit Ressourcen, Umgang mit Mitarbeitenden oder Beteiligung an kontroversen Themen erfüllen.

Außerdem gibt es Direktinvestments, z.B. durch Nachrangdarlehn oder Projektinvestitionen, wo ich ganz direkt den Bau von Windparks, Solaranlagen, ökologischer Landwirtschaft oder den Bau von Kindergärten etc. finanziere. Da ist die Wirkung auf den Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen sehr viel direkter als durch Investmentfonds, wo ich nur indirekte Wirkungen erziele.

Der Umweltgedanke wird in vielen Bereichen immer wichtiger. Welche Rolle spielt der Klimaschutz bei Geldanlagen?

Silke Stremlau: Klimaschutz spielt bei Geldanlagen eine immer größere Rolle. Zum einen prüfen immer mehr Fondsmanager bei der Zusammenstellung ihrer Portfolien, wie der CO²-Fußabdruck der Unternehmen ist und schauen, je nach Fondskonzept, ob sie weiter in Unternehmen der fossilen Energiebranche investieren wollen oder eher in Solar- oder Energieeffizienzunternehmen. Außerdem wächst der Markt an direkten Klimainvestitionen, z.B. in Windparks oder mittels sogenannter Green Bonds. Aber auch im Bereich der Immobilieninvestitionen, gerade im Bereich Gewerbe, nimmt das Thema enorm zu, weil sich die Erkenntnis durchsetzt, dass Immobilien einen enormen Einfluss auf den Klimawandel haben; dadurch wie klimaeffizient sie sind, welche Energieform sie für Strom und Wärme nutzen oder ob sie neue Flächen versiegeln oder effizient mit Flächen umgehen. Hier gibt es eigene Nachhaltigkeitszertifizierungen für Gebäude, z.B. das DGNB-Siegel von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen.

Wie wird das Thema Nachhaltigkeit in der Finanzbranche behandelt?

Silke Stremlau: Nachhaltiges Investieren ist seit über 20 Jahren in der deutschen Finanzindustrie ein Thema, wurde aber bisher vor allem über Nischenanbieter, wie Nachhaltigkeits- und Kirchenbanken und einige Fondsmanager bespielt. Seit drei Jahren gibt es eine große Dynamik im Markt, was vor allem an Druck aus Brüssel liegt. Die EU-Kommission hat das enorme Potenzial des Finanzmarktes für die sozial-ökologische Transformation erkannt. Schließlich stehen wir vor einem gewaltigen Umbau unserer Wirtschaft in Richtung klimaneutrale Kreislaufwirtschaft. Dazu müssen massiv Gelder aus nicht-nachhaltigen Branche in nachhaltige Sektoren umgeleitet werden. Hier bedarf es einem klugen Mix aus politischer Rahmengesetzgebung, steuerlichen Anreizen und massiven Investitionen der öffentlichen und privaten Hand. Das alles führt zu gehörigen Erkenntnis- und Veränderungsprozessen in Banken und Versicherungen, denn auch Risikomodelle und Vergabeprozesse bei Krediten müssen Klima- und Nachhaltigkeitsrisiken in Zukunft verstärkt integrieren. Ich glaube, wir sind hier erst am Anfang eines gewaltigen Veränderungsprozesses.

Wie rentabel und sicher sind nachhaltige Geldanlagen im Vergleich zu klassischen Kapitalanlagen?

Silke Stremlau: Alle wissenschaftlichen Studien und auch meine persönliche Empirie seit zwanzig Jahren zeigt: Nachhaltige Geldanlagen haben mit geringer Wahrscheinlichkeit eine schlechtere Rendite als der Durchschnitt des Marktes und mit hoher Wahrscheinlichkeit eine ähnliche bis bessere Rendite als der durchschnittliche Markt. Und je nach Konstrukt und Art des Produktes sind nachhaltige Geldanlage tendenziell sicherer, weil sie eben nicht auf exorbitante Rendite setzen, weil sie bestimmte Risikobranchen ausschließen und viele Unternehmen in den Portfolien enthalten sind, die politische Regulatorik bereits antizipieren und damit einen Wettbewerbsvorteil haben. Aber: es gibt auch im Nachhaltigkeitssektor „schwarze“ Schafe, die versuchen, die grüne Welle zu reiten oder Unternehmen, die mal pleite gehen. Es bedarf bei jeglicher Geldanlage einfach eines gesunden Menschenverstandes, guter Beratung und kritischem Hinterfragen der Geschäftsmodelle. Regel Nummer 1 bei Investments ist: Wenn hohe Renditen versprochen werden, sind diese immer mit hohen Risiken verbunden.

Was steckt hinter dem FNG-Siegel und für wie sinnvoll halten Sie diese Zertifizierung?

Silke Stremlau: Das FNG-Siegel bewertet nachhaltige Investmentfonds nach einer Vielzahl unterschiedlicher Kriterien, z.B. Qualität der Nachhaltigkeitskriterien, Güte des Anlageprozesses und der Unternehmensbewertungen, Bereitstellung von Informationen und Transparenz für die Anleger:innen etc. Die Fonds bewerben sich bei einer unabhängigen Stelle, die die Bewertungen vornimmt. Zurzeit sind dies Forscher:innen der Uni Hamburg und der Uni Kassel. Die Fonds können sich die Siegel nicht erkaufen, sondern dahinter steckt ein qualifizierter, unabhängiger Prüfprozess. Die Siegel werden in drei Abstufungen vergeben, also zwischen einem und drei Sternen – quasi: Bronze, Silber, Gold.

Ich halte das FNG-Siegel für eine gute Orientierung am Markt, da die Kriterien und Anforderungen dahinter absolut Sinn machen. Und immer mehr Fonds durchlaufen diesen strengen Prüfprozess (in 2021 waren es 281) und lernen dadurch auch viel für ihre weitere Verbesserung.

Frau Stremlau, vielen Dank für das Gespräch!

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