Dr. Mario Gartmann: Menschen mit Burnout-Syndrom werden stark eingeschränkt

Dr. Mario Gartmann ist Chefarzt der Celenus Parkklinik Bad Bergzabern, einer Fachklinik für Psychosomatik und Verhaltensmedizin. Im Interview sprechen wir mit ihm über Auslöser, Behandlungsmöglichkeiten sowie Prävention von Burn-out.

Dr. Mario Gartmann

Der Begriff Burnout ist in der Arbeitswelt weit verbreitet. 2018 hatten rund 176.000 Beschäftigte in Deutschland einen Burnout. Was genau versteht man unter diesem Krankheitsbild?

Dr. Mario Gartmann: Der Begriff „Burnout“ ist heutzutage allgegenwärtig. Allein durch den Begriff, welcher übersetzt „Ausbrennen“ bedeutet, entstehen bei jedem Menschen sofort Bilder und Assoziationen. Jeder hat schon einmal ein ausgebranntes Haus entweder in der Realität oder zumindest auf Bildern gesehen. Insofern sagt der Begriff für viele schon alles und muss oft nicht erklärt werden. Im Erleben der Betroffenen steht oft eine starke Erschöpfung im Vordergrund. Den Begriff Burnout führte 1974 erstmals der Psychoanalytiker Herbert Freudenberger ein, der selbst unter der Symptomatik litt. Er beschrieb in seiner Veröffentlichung als selbst Betroffener die eigene Entwicklung von belastenden Symptomen, die er im Zusammenhang mit Arbeitsüberlastung sah. Freudenberg hatte oft 16-Stunden-Tage und sah sich gleichzeitig mit den Anforderungen einer Familie mit drei Kindern konfrontiert. Burnout ist ggw. keine in medizinischen Klassifikationssystemen anerkannte Diagnose. Von vielen wird die Dynamik bei einem Burnout eher als Risikokonstellation betrachtet, die in der Endstrecke zu psychischen Erkrankungen wie Depressionen führen kann. Der klare Vorteil des Störungskonzeptes „Burnout“ ist, dass es Betroffenen leichter fällt, sich spezifische Hilfe zu suchen.  Der Begriff Burnout wird mit positiven persönlichen Eigenschaften assoziiert. Nur wer engagiert gearbeitet hat, entwickelt einen Burnout. Nur, wer gebrannt hat, kann auch ausbrennen. Bei der Diagnose Depression hingegen, die starke Überlappungen mit Burnout-Symptomen zeigt, denken viele Menschen leider immer noch an persönliches Versagen als mögliche Ursache.

Wie kommt es zu einem Burnout, was sind die Auslöser?

Dr. Mario Gartmann: Vereinfachte Auslösermodelle vergleichen den menschlichen Körper und die Psyche oft mit einer Batterie, die im Rahmen einer Burnout-Entwicklung entladen wird. Oft werden zunächst äußere Faktoren angeschuldigt, wie z.B. die Verhältnisse am Arbeitsplatz. Man weiß heute aber, dass auch persönlich-individuelle Faktoren bei der Entwicklung von Burnout-Symptomen eine Rolle spielen. So sind auch unsere in der Kindheit und Jugend erworbenen Prägungen wichtig (der Fachmann spricht hier oft von Schemata). Wie geht der Betroffene mit Stress um? Welche Anforderungen stellt der Betroffene z.B. an seine eigene Leistungsfähigkeit? Kann er eigene Belastungsgrenzen ausreichend früh erkennen und auch akzeptieren? Kann er sich von nicht erreichbaren Zielen frei machen?

Es gibt verschiedene Erklärungsmodelle, die immer wieder im Zusammenhang mit Burnout wichtig werden. Das „Gratifikationskrisen-Modell“ besagt z. B., dass besonders solche Arbeitnehmer betroffen sind, bei denen es ein Ungleichgewicht zwischen persönlichem Einsatz und erlebter Gratifikation gibt. Übersetzt heißt das, dass die Gefahr von Burnout dann erhöht sein kann, wenn der persönliche Einsatz am Arbeitsplatz höher ist als das, was der Arbeitnehmer dafür bekommt. Neben dem Gehalt kann das auch empfundene Wertschätzung oder Arbeitsplatzsicherheit sein.

Wie äußert sich der Burnout am menschlichen Körper? Welche Symptome treten auf?

Dr. Mario Gartmann: Burnout-Symptome sind individuell sehr unterschiedlich und gekennzeichnet durch eine Vielzahl von Beschwerden. Diese können sich über einen längeren Zeitraum entwickeln und auch verändern. Oft wird deshalb von verschiedenen Phasen des Burnouts gesprochen. Es gibt sowohl psychische als auch körperliche Symptome. Neben der oft im Vordergrund stehenden starken Erschöpfung reichen die die psychischen Symptome von Konzentrationsstörungen, über Antriebsstörungen bis hin zu Verzweiflung. Auch auf zwischenmenschliche Kompetenzen wirkt sich die Problematik aus. Betroffene berichten über einen Verlust des Einfühlungsvermögens, Zynismus und vermehrte Distanz zu anderen. Kombiniert mit einer vermehrten Reizbarkeit kann es so zu häufigeren Konflikten in der Familie und/oder am Arbeitsplatz kommen. Oft entsteht beim Betroffenen auch das Gefühl mangelnder Anerkennung von Leistungen. Insgesamt führt das Beschriebene zu einem Rückzug von anderen Menschen. Körperliche Symptome können Brustengegefühl, Atembeschwerden, Schlafstörungen, sexuelle Probleme aber auch Rückenschmerzen und Schwindel sein. Das körperliche Abwehrsystem kann schwächer und für Infekte anfälliger werden. Daneben ist das Unfallrisiko und die Gefahr für Suchterkrankungen erhöht. Betroffene greifen im Sinne eines (unguten) Kompensationsversuches schneller zu Alkohol oder anderen Drogen. Menschen mit Burnout-Syndrom werden durch ihre Beschwerden sowohl in ihrer Arbeit als auch im privaten Bereich stark eingeschränkt. Durch die oben erwähnten Beschwerden sind die Betroffenen häufig körperlich wie seelisch nicht voll einsatzfähig.

Welche Berufsgruppen sind besonders betroffen und warum ausgerechnet diese?

Dr. Mario Gartmann: Herbert Freudenberger ging zu Beginn noch davon aus, dass Burnout nur bei Menschen in sozialen Berufen auftreten würde. Mittlerweile kann man durchaus vereinfachend sagen: Egal ob Hausfrau, Handwerker, Manager, Lehrer oder Schüler, es kann jeden treffen. Angesichts der globalen Entwicklung mit dem Streben nach „unbegrenztem“ wirtschaftlichen Wachstum erleben sich mittlerweile alle Berufsgruppen als „burnoutgefährdet“ bzw. von Burnout betroffen.

Oft begünstigt eine Kombination von persönlichen Eigenschaften und Arbeitsbedingungen die Entstehung der Symptomatik. Besonders gefährlich ist es, wenn Arbeitnehmer sehr motiviert sind, hohen persönlichen Einsatz zeigen und hohe Erwartungen an ihre Arbeitswelt stellen, dann aber mit dem „grauen“ Arbeitsalltag konfrontiert werden. Haben sie gleichzeitig ungute Kompetenzen in Bezug auf Stressbewältigung im Umgang mit ihren Kunden, Klienten, Patienten oder Schülern und fehlt die Anerkennung durch Vorgesetzte, steigt die Wahrscheinlichkeit für das innerliche Ausbrennen.

Kann man einen Burnout präventiv vermeiden, wenn ja wie?

Dr. Mario Gartmann: Besonders wichtig erscheint es, gefährdete Personen frühzeitig zu erkennen und Belastungsfaktoren abzustellen. In der Anfangsphase zeigen viele Betroffene ein sehr hohes Engagement für berufliche Ziele. Sie fühlen sich unentbehrlich und verleugnen eigene Bedürfnisse. Gleichzeitig haben sie das Gefühl, nie Zeit zu haben und sind ständig müde und erschöpft. Es gelingt ihnen immer weniger, sich in ihrer ohnehin knapp bemessenen freien Zeit von der beruflichen Belastung zu erholen.

Schon der Erstbeschreiber Freudenberger machte 1974 Vorschläge zur Prävention, die auch heute nichts an ihrer Aktualität verloren haben. Als wichtig wird z.B. erachtet:

–           eine Klärung eigener Ansprüche und Ziele (realistisch vs. unrealistisch)

–           eine klare Distanzierung nach der Arbeit (nach dem Motto „Arbeit ist Arbeit und Auszeit ist Auszeit“)

–           Pflege von Kollegialität und Austausch mit Kollegen

–           gesunde Lebensführung mit Sport, gesunder Ernährung, ausreichendem Schlaf

–           persönliche Klärung, welche eigenen Ziele und Bedürfnisse man vernachlässigt hat

–           andere Lebensbereiche wie Familie, Hobbies und Freunde wieder mehr in den Vordergrund des Lebens zu rücken

–           die regelmäßige Anwendung von Entspannungstechniken

Neben Erholung und Entspannung sollte eine aktive Auseinandersetzung mit anderen Bereichen erfolgen und z.B. aktive Problemlösefähigkeiten gestärkt werden. Das kann eine aktive Konfliktklärung mit Vorgesetzen/Kollegen, eine Veränderung beruflicher Abläufe bis hin zur Erwägung eines Arbeitsplatzwechsels sein. Auch Arbeitgeber haben die Aufgabe, Arbeitsplätze so zu gestalten und Vorgesetzte so zu schulen, dass das Risiko für Mitarbeiter minimiert wird, einen Burnout zu entwickeln.

Wie lange dauert die Behandlung eines Burnout-Syndroms?

Dr. Mario Gartmann: Eine Angabe einer einheitlichen Behandlungszeit ist nicht möglich, da Ursachen sowie Symptome sehr unterschiedlich sind. Manchmal sind nur wenige Wochen erforderlich, in anderen Fällen dauert die Behandlung einige Monate.

Wichtig ist jedoch, darauf hinzuweisen, dass wegen der Ähnlichkeit der Beschwerden von Burnout und Depression keine „Eigendiagnose“ erfolgen sollte. Wenn sie bei sich Symptome eines Burnouts feststellen, sollten sie einen Facharzt für Psychosomatische Medizin, Psychiatrie oder Nervenheilkunde aufsuchen. Dieser wird je nach Konstellation Untersuchungen einleiten, um körperliche Erkrankungen auszuschließen, die Symptome eines Burnouts initiieren bzw. verstärken können. Dies kann z.B. bei einer Unterfunktion der Schilddrüse, einer Anämie oder bei Herz-Kreislauferkrankungen der Fall sein.

Die Behandlung sollte dann individuell auf den Patienten abgestimmt sein. Je nach Ausprägung reicht manchmal zunächst eine berufliche Auszeit, z.B. in Form eines längeren Urlaubes. Bei stärker ausgeprägten Symptomen oder dann, wenn die Kriterien einer depressiven Störung erfüllt sind, benötigen Betroffene andere Hilfen, z.B. Psychotherapie oder eine medikamentöse Behandlung. Es wäre ein Fehler, einem an Depression erkrankten Menschen nur eine Auszeit zu empfehlen. In einer Psychotherapie werden Hintergründe für die Entstehung der Problematik aufgearbeitet. Ziel ist es, krankheitsförderndes Verhalten und Denken zu verringern und stattdessen gesundheitsförderndes Verhalten und Denken aufzubauen.

Wenn ambulante Therapiemaßnahmen nicht ausreichen, sollte frühzeitig auch an eine stationäre Behandlung gedacht werden. Neben Kliniken für Akutpsychosomatik sind hier psychosomatische Fachkliniken wie die Celenus Parkklinik in Bad Bergzabern kompetente Ansprechpartner. Als stationäre Rehabilitationsklinik besteht eine ausgewiesene Expertise in der Bearbeitung beruflicher Problemlagen. Stationär kann der synergistische Effekt verschiedener Therapien genutzt werden, was oft zu einer schnelleren Besserung führt. Es finden neben psychotherapeutischen Einzeltherapien, Gruppenbehandlungen, Sporttherapie, Ergotherapie, Sozialberatung, Entspannungstrainings und vieles mehr statt. Themen, die oft bearbeitet werden, sind z.B. der Umgang mit Stress, die Akzeptanz von Leistungsgrenzen aber auch der Aufbau aktiver Problemlösekompetenzen. Oft geht es auch darum, soziale Kompetenzen zu stärken, z.B. adäquat eigene Rechte einfordern zu können.

Wann sollte man nach einem Burnout wieder anfangen zu arbeiten und sollte man danach wirklich demselben Beruf erneut nachgehen?

Dr. Mario Gartmann: Nach dem Gesagten ist klar, dass hier keine generelle Empfehlung gegeben werden kann. Wichtig ist es, in einer Therapie alle Faktoren, die an der Entstehung der Problematik beteiligt waren, zu berücksichtigen. Hier gilt es, neben äußeren Faktoren, die ich als Betroffener nur eingeschränkt verändern kann, v.a. persönliche Faktoren mit einzubeziehen und entsprechend zu verändern. Oft haben Betroffene vorschnell die Idee, den Arbeitsplatz oder gar den Beruf zu wechseln. Sie vergessen dabei, dass sie sich selbst und die Art, wie sie an ihre Arbeit heran gehen auch an den neuen Arbeitsplatz „mitnehmen“. Ohne eine Veränderung persönlicher Faktoren wäre dann das Risiko erneut auszubrennen auch in der neuen Position sehr hoch. Manchmal sind persönliche Erlebens- und Verhaltensmuster jedoch so ausgeprägt, dass in manchen Fällen ein Wechsel der Tätigkeit sinnvoll ist. Auch in Bezug auf diese schwierige Entscheidung ist eine psychosomatische Fachklinik wie in Bad Bergzabern kompetenter Ansprechpartner. Therapeuten werden zwar keine Entscheidungen für den Betroffenen treffen können, ihn aber bei der Berücksichtigung aller wichtiger Aspekte so weit unterstützen, dass eine eigene Entscheidung erleichtert werden kann.

Herr Gartmann, vielen Dank für das Gespräch!

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