Alexander Bollmann: Die Nachwirkungen werden uns deutlich länger begleiten

Alexander Bollmann ist Management-Berater und CEO/Geschäftsführung BOLLMANN EXECUTIVES GmbH. Mit ihm sprechen wir über Ausbildungsberufe, potentielle Bewerber sowie oftmals geringe Entlohnung.

Alexander Bollmann

Der Fachkräftemangel in Ausbildungsberufen ist seit geraumer Zeit ein großes Thema. Welche Auswirkungen hatte die Corona-Pandemie auf die ohnehin schon wackelige Ausbildungsbranche?

Alexander Bollmann: Die Auswirkungen der Corona-Pandemie hat weit über aktuelle Effekte m.E. auch langfristige Folgen in der Ausbildungsbranche. Die Nachwirkungen werden uns deutlich länger begleiten, als wir durch positive Dynamiken der Inzidenzwerte, Impfquoten etc. in der Offensichtlichkeit vermuten. Da können wir nicht von „hatte“ sprechen.

Effekte aus dem Pandemiebeginn: Ad hoc waren zahlreiche Unternehmen gefordert, operatives Riskmanagement (gesundheitlich und wirtschaftlich) zu implementieren. Planungshorizonte sind drastisch verkürzt worden, nicht selten ging es (und nicht selten heute noch) darum, schnell und konsequent ein komplett neues Prioritätenmanagement zu leben. Dabei sind strategische Investments in die Zukunft (die Intension von Fachkräfte- Ausbildungen) zurückgestellt worden, um schnell verfügbares Kapital und Notfallrücklagen für worst case Szenarien bilden zu können. Kurzfristig wurden in den ersten Monaten Einstellungsstopps verhängt, betriebsinterne Ausbildungszentren mussten schließen, reine Lehrmeister wurden anderweitig eingesetzt, externe Lehrgänge wurden gecancelt. Quasi ist ein Großteil der Ausbildungsinfrastruktur eingebrochen. Ein wenig später kamen dann Kurzarbeit, Produktionsstättenschließungen – und in administrativen Tätigkeiten eben auch Home-Office-Regelungen hinzu.

In der aktuellen Situation und da weder die Pandemie, noch die damit einhergehenden wirtschaftlichen Risikofaktoren für die Unternehmen abgeschlossen sind, wird sich diese Situation auch in den kommenden Monaten nicht deutlich verbessern. Zurückhaltung der Unternehmen bei der Vergabe von schulischen Praktika (eine der ersten Orientierungsmöglichkeiten des Ausbildungsnachwuchses) sind ein Beispiel. Auch Studierende haben drastische Schwierigkeiten einen Platz für Ihre Praxisarbeit im Rahmen von studentischen Praktika zu finden. Auch wenn die Möglichkeit derzeit wieder zunimmt, fehlen uns rund 1,5 Jahre auch in der Prägung arbeitssozialer Orientierung und Verhaltens.

Auszubildende während der Pandemie: Wir sprechen heute zwar von Industrie 4.0, Digitalisierung, Flexibilisierung, virtuellen Arbeitswelten. Da, (mit wenigen und rühmlichen Ausnahmen) weder Lehrpläne oder Lehrkräfte fachlich/inhaltlich, noch die Schulen und Hochschulen technologisch und infrastrukturell auf der Höhe der der Zeit agieren, ist der „Schulausfalleffekt“ im Rahmen der berufsschulischen- und der Hochschulausbildung durchgeschlagen. Per E-Mail versendete Word-Arbeitsdokumente, Hausaufgaben via Dropbox, digital überforderte Lehrkräfte, fehlende Technologie, nicht ausreichende Devices, Auszubildende, die im LTE- oder 3G-Netz ausgebremst werden… Nicht nur künftige PISA- Studien auch Durchfallquoten der Ausbildungsabschlüsse werden uns den Effekt dann auch messbar sehen lassen.

Wenn wir uns nun mit den heute 14 bis 17jährigen jungen Menschen, und zwar aus derer Perspektive befassen, stellt sich die Frage: „Macht das Spaß, ist das attraktiv, will ich das?“ Oder ist die nächste (selbstverschuldete) „Null-Bock-Generation“ schon in Sicht? Verpasste Chancen, meine ich, denn genau hier und in dieser Situation „hätten“ wir in einen künftigen Wettbewerbsvorteil der deutschen Wirtschaft investieren können.

Welche Gründe sehen Sie in der sinkenden Nachfrage? Handelt es sich einzig um Verunsicherung seitens der potentiellen Bewerberinnen und Bewerber?

Alexander Bollmann: Jüngere Generationen denken, handeln und entscheiden anders. Heute tun sie das darüber hinaus noch wesentlich selbstbewusster, risikofreudiger und mit ganz anderen Werten getrieben, wie noch vor 10 oder 15 Jahren. Doch wo sind die neuen Antworten, neue Perspektiven, neue Modelle darauf? Die finden wir (wenn überhaupt) nur bei recht wenigen (dann privaten) Hochschulen und Unternehmen auf Konzernebene, die sich das „leisten“ können und wollen. So lange Ausbilder mit Stolz darüber berichten älter zu sein wie das Internet, die Frage nach „was ist/wie funktioniert KI?“ nicht in einem Satz plastisch erklären können, geht die Schere des Missverständnisses zwischen jungen Ausbildungstalenten und reifen Lehr- und Ausbildungskräften naturgegeben auseinander. Ein erforderlicher, proaktiver Ansatz (bereits in den Lehrplänen und Arbeitswesen künftiger pädagogischer Ausbilder) ist immer noch nicht erkennbar (oder wird gut versteckt). Ausbildung muss attraktiv werden für eine Generation, die echte Nöte (und damit auch Notwendigkeiten) nicht kenngelernt hat. Einen „Corona-Effekt“ in der Verunsicherung lasse ich nur bedingt zu, auch wenn dadurch eine weitere Dynamik transparent gemacht wird.

Vielfach kritisiert wird die mangelnde Attraktivität der Ausbildungsberufe aufgrund der geringen Entlohnung und den familienunfreundlichen Arbeitsbedingungen, als Beispiel in der Pflege. Nun kommt zudem die Verunsicherung durch die Corona-Pandemie hinzu. Welche Möglichkeiten haben Unternehmen noch, um die nächste Generation für sich zu gewinnen?

Alexander Bollmann: Ich halte „Geld“ und „Arbeitszeit“ nur in Teilen zulässig als Grund für fehlenden Ausbildungsnachwuchs. Aus empirisch unterlegten Erhebungen zu Arbeitsmotiven wissen wir, dass Geld dann wesentlich wird, wenn fachliche, inhaltliche, perspektivische, arbeitsatmosphärische Faktoren „nicht stimmen“. Reicht es nicht zum Leben ist jedoch alles andere eben auch irrelevant. Natürlich sind Hartz4, Sozialhilfe und Grundsicherung, Bafög für Menschen da, die zuvor mit Taschengeldniveau ausgekommen sind, attraktiver, als der derzeitige Mindestlohn und Jobs, die einen Menschen physisch und mental handwerklich fordern. Warum sollte ich arbeiten, wenn ich etwas bequemer keinen spürbaren Unterschied merke zu jemanden, der von morgens bis abends auf den Beinen ist und seine Lebenszeit einer Tätigkeit widmet. Also brauchen wir auf Form und Inhalte der Ausbildung, Rahmenbedingungen, Perspektiven in den Unternehmen und Entwicklungschancen in den Tätigkeiten „moderne“ Antworten, die dann auch mit Zeit- und Entlohnungsmomenten im Einklang stehen. Weder kann das einerseits die Wirtschaft alleine; die wahlpolitischen, jedoch und in der Regel bereits für junge Menschen erkennbar inhaltsleeren Lippenbekenntnisse aus der Politik zum Thema Ausbildung sind anderseits eben auch kein hilfreicher Betrag. Hier braucht es Ansätze für wirtschaftliche Anreize für Innovatives Denken und Handeln für die Wirtschaft, unabdingbar gekoppelt mit einer Symbiose aus pädagogischer Schul- und Hochschulpolitik und gemeinsam mit jungen Menschen erarbeitete Konzepte frei von Konfektionen und neu gedacht. Die Unternehmen alleine, werden diese Aufgabe nicht nachhaltig lösen können. Auch wenn die Industrie und markenführende Konzerne heute bereits evolutionär Denken, ist der Mittelstand und sind die Handwerksbetriebe wirtschaftlich eher limitiert. Ein wenig hübschere Jobmarketing-Aktivitäten, ein bisschen mehr Geld mit ein wenig mehr Flexibilität in der Arbeitszeit sind vielleicht Entwicklungen; nachhaltig anders ist das jedoch nicht. Technologische Innovationszyklen werden kürzer und schneller; im Bereich der Ausbildung sollten wir damit anfangen. Solange wir uns im Korsett der gesetzlichen und wirtschaftspolitischen, klassischen Ausbildung befinden, haben die Unternehmen nur die stumpfen Waffen von Obstkörbchen, Firmenrädern, Teamevents, Mentoring-Programmen, Karrierebegleitungen, zusätzliche Qualifizierungsbudgets, etc. zur Verfügung. Für die nächste Generation wird das nicht reichen.

Immer mehr Schulabgänger entscheiden sich aufgrund der besseren Bedingungen für ein Studium. Was bedeutet dies für Ausbildungsberufe im Zusammenhang mit der Akademisierung. Werden in Zukunft vielleicht auch Tischler, Konditoren und Maler in einer Hochschuleinrichtung ausgebildet?

Alexander Bollmann: Kurz und knapp: Wir werden Zeiten erleben in denen 100 Akademiker 4 Monate auf den Handwerker warten (unabhängig ob akademisch oder per Gesellenbrief qualifiziert), der die Heizung repariert und sich das mit einem Honorarsatz vergüten lässt, der Akademiker zum Nachdenken anregt ob Handarbeit nicht wirtschaftlich attraktiver ist. Es sei denn, wir beginnen uns mit vorgenannten Punkten zu befassen; Jenseits von Legislaturperioden, Föderalismus und Aktienkursen.

Fachkräfte werden zwar dringend gebraucht, doch muss der Beruf auch die wirtschaftliche Unabhängigkeit garantieren können. Was raten Sie der kommenden Generation, die vor der Entscheidung Ausbildung oder Studium steht?

Alexander Bollmann: Eine „vernünftige“ Antwort sollte vielleicht in der „Kombination“ liegen. Da es immer weniger Menschen gibt, die nach 2 Jahrzehnten immer noch in Ihrer primär ausgebildeten Tätigkeit sind, macht die Basis zur Flexibilisierung diesbezüglich bereits während der Ausbildung Sinn. Wenn es jedoch interpretationsfrei um rein wirtschaftliche Aspekte geht – Fähigkeit, Talent und Neigung vorausgesetzt und für Effekte der kommenden 15 Jahre gedacht – dann ist eine handwerkliche Ausbildung, gepaart mit einer Meister- oder Technikerausbildung wahrscheinlich ein Ansatz. Ein bereits rechtzeitig initiiertes, gutes Kapitalmanagement für Rücklagen zur Gründung eines eigenen Unternehmens ist eine geschickte Ergänzung. Es gibt zahlreiche BWL-Bachelor und Lehrer, die Taxi fahren und sich wünschen, sie hätten was Vernünftiges gelernt. Spezialisierung und fachliche Expertise sind und bleiben auch künftig ein Erfolgsfaktor. Auf der Tonspur fällt mir dann noch ein: Schaue Dir möglichst viel an, entdecke Deine Talente und im Zweifelsfall lass Dir durch einen Profi helfen, das zu entdecken. Mache nichts, weil Dir oder anderen nichts Besseres einfällt – aber mache.

Dieses Jahr sind erneut 15.000 weniger Lehrstellen angeboten worden. Hinzu kommt, dass trotz des geringeren Angebots ein großer Teil der Lehrplätze unbesetzt bleibt. Welche Prognose geben Sie für die Ausbildungsbranche?

Alexander Bollmann: Dieser Effekt wird sich durch den pandemiebedingten Impuls m.E. sicher zunächst ein wenig erholen, sobald die Wirtschaft, die derzeit zaghaft wieder anlaufende Nachfrage bilanziert und in den Jahresabschlüssen hat. Der Trend wird jedoch bleiben, solange die Voraussetzungen nicht geändert werden. Bleibt die Ausbildung wenig attraktiv und ist der Nachwuchs nicht ausreichend vorhanden gibt es keinen Grund zur Erholung.

Herr Bollmann, vielen Dank für das Gespräch!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.