Barbara Rörtgen und Tim Prell: Veränderung ist angstbesetzt

Barbara Rörtgen und Tim Prell sind Geschäftsführer von Entwicklungshelfer Ideenlabor in Düsseldorf. Mit beiden sprechen wir über berufliche Neuorientierung, Jobunzufriedenheit sowie neue Herausforderungen.

Barbara Rörtgen und Tim Prell

Es gibt zahlreiche Gründe, warum Beschäftigte unzufrieden mit ihrem Job sind. Für viele ist aber eine berufliche Neuorientierung keine Option. Was sind die häufigsten Gründe, die zu einer Jobunzufriedenheit führen?

Barbara Rörtgen: Diese Frage beinhaltet ja tatsächlich zwei Aspekte:

Zum einen, welche Gründe es gibt, warum viele Menschen eine berufliche Neuorientierung für sich nicht in Betracht ziehen. Aus unserer Erfahrung gibt es dabei zwei entscheidende Punkte:

1.         Veränderung ist bei den meisten Menschen immer noch angstbesetzt. Eine gewisse Gegenwart, so übel sie auch sein mag, ist den Meisten lieber, als eine ungewisse Zukunft, sei sie auch noch so verheißungsvoll. Anders gesagt – die vermeintliche Sicherheit eines bestehenden Jobs wiegt schwerer als die Aussicht auf eine erfüllendere Tätigkeit.

2.         Es fehlt eine attraktive Alternative, die der eigenen Persönlichkeit entspricht.

Zum anderen die Gründe, die überhaupt zu einer beruflichen Unzufriedenheit führen, allen voran

–          mangelnde Anerkennung

–          abhanden gekommene Sinnhaftigkeit im Tun

–          fehlende Entwicklungsmöglichkeiten

–          erloschene Freude.

Woher weiß man, dass es Zeit ist den Job zu wechseln, um sich neuen Herausforderungen zu stellen?

Tim Prell: Im besten Falle, wenn sich am Sonntag zum ersten Mal ein Unwohlsein in Bezug auf Montag einstellt. Im schlimmsten Fall, wenn sich die angestaute Unzufriedenheit in Form von psychischen oder körperlichen Symptomen, wie depressiven Verstimmungen oder Bandscheibenvorfällen Ausdruck verleiht. Dabei liegt die Herausforderung zumeist weit eher darin sich in seiner Unzufriedenheit ernst zu nehmen und in Hinblick auf Veränderung aktiv zu werden, als sich neuen Aufgaben zu stellen, denen man sich derzeit noch nicht gewachsen fühlt.

Viele Beschäftigte über 35 haben Hemmungen sich neu zu orientieren. Kann man im fortgeschrittenen Alter noch adäquat Karriere machen?

Barbara Rörtgen: Der überwiegende Teil unserer Klienten hat die 40 deutlich hinter sich gelassen und es geschafft sich eine neue, der eigenen Persönlichkeit entsprechende, berufliche Zukunft aufzubauen. Das ist das, was wir unter „adäquat“ verstehen – an sich, den eigenen Potentialen, Bedürfnissen und Werten orientiert.

Der Aspekt der „Karriere“ im klassischen Sinnen spielt dabei kaum eine Rolle, da viele unserer Klienten eben diese hinter sich lassen wollen.

Ein Neuanfang ist immer schwer. Wie kann man mentale Hürden der Neuorientierung überwinden?

Tim Prell:

1.         Eine Neuorientierung ist vor allem dann schwer, wenn es kein anziehendes Bild für die berufliche Zukunft gibt. Warum sollte ich mich bewegen, wenn gar nicht klar ist, in welche Richtung es gehen soll? Warum sollte ich etwas aufgeben, wenn ich nicht weiß, was es zu gewinnen gibt? Ist eine entsprechend attraktive Alternative erst entwickelt, bringt diese in der Regel ausreichend „Anschubenergie“, um die nötigen Schritte zu gehen.

2.         Hören Sie auf, sich als „besonders schweren Fall“ zu interpretieren. Nur weil Sie noch keine Idee haben, wo es für Sie zukünftig hingehen soll, heißt es nicht, dass für Sie nichts geht. Wenn man sich die Mühe macht, einmal genau hinzuschauen und sich neu und neugierig zu betrachten, gibt es für jeden Alternativen.

3.         Vergewissern Sie sich der Unterstützung des nahen, sozialen Umfeldes und im Zweifelsfall der von Experten. Es ist erleichternd zu wissen, dass man einen neuen Weg nicht allein beschreiten muss.

Was muss man also tun, damit eine berufliche Neuorientierung gelingt?

Barbara Rörtgen: Wie schon gesagt: es geht darum sich ernst zu nehmen, in seinen Unzufriedenheiten, Wünschen und Bedürfnissen.

Was raten Sie Beschäftigten, die mit dem Gedanken spielen, den Beruf zu wechseln?

Tim Prell: Setzen Sie sich intensiv mit sich auseinander, nehmen Sie sich Zeit und suchen sie sich Sparringspartner, die Ihnen einen anderen Blick auf Sie ermöglichen.

Grundsätzlich braucht es die richtigen Fragen, um auf die richtigen Antworten zu kommen. Deshalb haben wir ein in kürze erscheinendes Buch entwickelt, das 100 Fragen für ein besseres Leben beinhaltet. Manche bequemer, manche unbequemer, aber alle ein guter Start in Richtung MEHR ICH.

Frau Rörtgen und Herr Prell, vielen Dank für das Gespräch!