Olaf Nieselt: Ein Anschreiben ist heutzutage kein „muss“ mehr

Olaf Nieselt ist Leiter Personal, verantwortlich für die Mitarbeiter in der Organisation I.K. Hofmann GmbH in Nürnberg. Im Interview sprechen wir mit ihm über eine zeitgemäße Bewerbung sowie das Bewerbungsgespräch.

Olaf Nieselt

BewerberInnen sind sich uneins, ob das Passfoto oben rechts nicht längst out ist in Deutschlands Personalabteilungen. Ist die traditionelle Bewerbung noch zeitgemäß?

Olaf Nieselt: Selbstverständlich steht es jedem frei, sich ohne Foto zu bewerben. Wenn die Bewerbung ansonsten für uns interessant ist, würde mich ein fehlendes Foto nicht davon abhalten, den- oder diejenige zu einem Bewerbungsgespräch einzuladen. Trotzdem wirkt ein Foto auf mich persönlich positiver, verbindlicher. Ich empfinde es als Signal, dass jemand „Gesicht zeigt“ und in gewisser Weise zu dieser Bewerbung steht. Darum ist für mich ein Foto immer noch zeitgemäß. Ebenso ein traditionelle Bewerbung mit Anschreiben, Lebenslauf und Zeugnissen – gerne aber digital.

(Nur zum Verständnis: Ich spreche ab jetzt von dem Bewerber, meine aber natürlich alle Geschlechter.)

Was halten Sie von ausgefallen Bewerbungen, die den üblichen Rahmen mehr oder weniger sprengen?

Olaf Nieselt: Das hängt von der Bewerbung ab und ob es zu dem zukünftigen Job passt. Ich bin da absolut offen. Wenn ich z.B. für unsere Marketingabteilung jemanden suche, würde mich eine ideenreiche Bewerbung sicherlich positiv beeindrucken.  Oder wenn ich einen Mitarbeiter fürs Recruiting von Mitarbeitern benötige und der Bewerber schickt mir eine auf den Job ausgerichtete Bewerbung, die etwas „anders“ ist, passt das genauso.

Aber es darf auch „Standard“ sein, denn letztendlich führen viele Faktoren zu einem Bewerbungsgespräch.

Welche Tipps können Sie für die Bewerbungsunterlagen geben?

Olaf Nieselt: Ich möchte aus den Bewerbungsunterlagen erkennen können, dass sich der Bewerber wirklich für unser Unternehmen und für den zu besetzenden Job interessiert. Die Anforderungen der jeweiligen Position sollten bekannt sein und sich mit den eigenen Vorstellungen decken. Das kann man z.B. bei der Beschreibung der eigenen Stärken gut darstellen. Um das ehrlich gemeinte Interesse deutlich zu machen, kann man das Anschreiben nutzen, das in der Regel etwas 5 bis 6 Sätze enthalten sollte. Auch ein Anschreiben ist heutzutage kein „muss“ mehr. Aber es kann hilfreich sein, je nachdem, welche „Message“ man transportieren möchte.

Bewerbungsmappen per Post werden zwar seltener, sind aber nicht unbedingt out. Auch sie spiegeln ein Bild wider: Ob sie verschmutzt, verknickt oder unansehnlich sind oder ordentlich, ohne Rechtschreibfehler, ansprechend etc. 

Was ist entscheidend im Bewerbungsgespräch?

Olaf Nieselt: Gute Vorbereitung. Ein Bewerbungsgespräch sollte ein Dialog sein. Nicht nur ich stelle Fragen und bin gespannt auf die Antworten. Ich erwarte auch von den Bewerbern Fragen, vor allem zu Themen, die den zukünftigen Job, das Umfeld, die Kollegen, Firmenkultur, Entwicklungspotential etc. betreffen. Bewerber sollten wissen wollen, was wir von ihnen erwarten und was wir bieten. So können wir gemeinsam am besten herausfinden, ob wir „jobmäßig“ zueinander passen.

Welche Faktoren versuchen Sie in Ihrem Unternehmen vor eine Einstellung zu erörtern?

Olaf Nieselt: Für mich ist interessant, ob unsere Prozesse, Arbeitsabläufe oder Erwartungen mit denen des Bewerbers übereinstimmen bzw. ob Potential vorhanden ist, sich gemeinsam zu entwickeln. Darum ist mir so wichtig, dass jemand ehrlich ist: mit sich selbst und mit uns.

Ich habe schon erlebt, dass sich jemand Erfolge zuordnete, die er nicht hatte. Deutlich wurde dies bei meinem Gespräch mit dem ehemaligen Arbeitgeber. Das ist dann natürlich kontraproduktiv. Es macht keinen Sinn, eine Rolle zu spielen.

Und wenn mal etwas schiefgelaufen ist, kann man das ruhig sagen. Wir sind Menschen. Fehler passieren. Wichtiger ist, es besser machen zu wollen.

Wie wichtig ist die Work-Life-Balance, schließlich kann das System nicht in jeder Branche berücksichtigt werden?

Olaf Nieselt: Work Life Balance ist wichtig. Ich bin davon überzeugt, dass man Lösungen finden kann, wenn man will. Wir handeln nicht „nach Schema F“, sondern suchen in Absprache mit den jeweiligen Teams nach individuellen Lösungen. Wir haben Mütter und Väter, die in Teilzeit Niederlassungen führen; wir haben Babies, die teilweise in Niederlassungen mit betreut wurden, wir haben viele unterschiedliche Teilzeit-Lösungen.

Unsere Offenheit dem Thema gegenüber zeigen wir durch die regelmäßige erfolgreiche Teilnahme am audit berufundfamilie.

Welche Berufe werden derzeit in Ihrem Unternehmen gesucht? Stellen Sie langfristig ein?

Olaf Nieselt: Wir suchen ganz unterschiedliche Positionen deutschlandweit. In den Niederlassungen vorrangig im Vertrieb, Personaldisponenten und Recruiter. In der Nürnberger Zentrale z.B. planen wir, die Marketingabteilung zu erweitern.

Selbstverständlich stellen wir langfristig. Wir wollen doch Mitarbeiter, die gut eingearbeitet sind, nicht verlieren. Im Gegenteil: Wir freuen uns, wenn sich Mitarbeiter entwickeln und mehr Verantwortung übernehmen möchten. Kurz: Man kann, aber man muss nicht. Jeder, wie es zu ihm passt.

Übrigens: Auch unsere Mitarbeiter im Kundeneinsatz werden vorrangig unbefristet eingestellt. Wir führen ebenfalls Bewerbungsgespräche und gehen gemeinsam zum Kunden. Nach Einstellung des Mitarbeiters sind unsere Personaldisponenten für deren Betreuung verantwortlich.

Herr Nieselt, vielen Dank für das Gespräch!

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