Susanne Lübben: Erfolg bezeichnet das Erreichen selbst gesetzter Ziele

Susanne Lübben ist Inhaberin Coaching + Training SL in Hamburg. Mit ihr sprechen wir über beruflichen Scheideweg, neue Herausforderungen sowie Karrierecoaching.

Susanne Lübben

Beschäftigte stehen häufig vor einem beruflichen Scheideweg und wissen nicht wohin. Der Begriff ist zwar allgemein bekannt, aber was versteht man unter einer Karriereberatung?

Susanne Lübben: Ein Grund für einen beruflichen Scheideweg ist das zunehmende Problem, sich im bisherigen Job zu motivieren. Es kann aber auch an neuen, passenden Herausforderungen fehlen, oder es mangelt an Wertschätzung seitens des Chefs oder auch der Kollegen. Möglicherweise ist der alte Job auch in Gefahr. Verfügt man bereits über berufliche Erfahrungen und fachliches Know-how, sollte man sich nicht für eine reine Beratung, sondern für ein Karrierecoaching entscheiden. Auch wenn es Überschneidungen gibt und diese Begriffe fälschlicherweise häufig synonym benutzt werden, gibt es doch entscheidende Unterschiede.

Die Berufs- bzw. Karriereberatung kann insbesondere für Berufseinsteiger und Studenten interessant sein. Kostenlos angeboten wird sie zum Beispiel von der Bundesagentur für Arbeit oder von den Hochschulen.

Ihr Ziel ist es, darüber zu informieren, welche Berufe zu ihren Qualifikationen und Fähigkeiten passen und welche Möglichkeiten diese Berufe bieten. Die Beratung soll bei der Wahl eines Studienplatzes oder eines Ausbildungsberufs helfen. Zudem bietet sie Informationen zu Bewerbungsgesprächen und Gehaltsverhandlungen an.

Bei einer kostenpflichtigen Karriereberatung geht es zumeist um kurzfristige Fragen zu akuten Jobproblemen, etwa: Wie kann ich mich besser bewerben? Wie führe ich eine erfolgreiche Gehaltverhandlung? Die Kund:innen fragen und die Berater:innen geben konkrete Antworten.  Eine weitergehende Karriereberatung besteht dann in der Regel aus der Stärken- und Potenzialanalyse, der Klärung des beruflichen Bedarfs, der Check und die Optimierung der aktuellen Bewerbungsunterlagen, die Entwicklung individueller Bewerbungsstrategien und die Vorbereitung von Bewerbungsgesprächen. Möglicherweise wird auch noch an der Profilschärfung der Bewerber oder der Bewerberin gearbeitet und, wenn nötig, auch eine neue Position vorbereitet oder eine Begleitung beim Jobstart gegeben.

Bei der reinen Beratung gibt es jedoch häufig Situationen, in denen der vom Karriereberater vorgeschlagene Weg nicht der von den Kund:innen gewünschte ist.

Inwiefern unterscheiden sich also Karrierecoaching, Karriereberatung und Berufsberatung?

Susanne Lübben: Der entscheidende Unterschied ist: Beim Karrierecoaching steht die ganze Persönlichkeit und das systemische Umfeld des Klienten oder der Klientin im Zentrum. Der Karrierecoach aktiviert die intensive Auseinandersetzung mit sich selbst und die Suche nach neuen, anderen Lösungen als bisher. Karrierecoaching berät nicht – Karrierecoaching bietet Hilfe zur Selbsthilfe. Auf diese Weise können aktiv, selbsttätig und erfolgreich die Weichen des beruflichen Lebens neu gestellt werden.

Auch Karrierecoaching ist nicht kostenlos. Möglichkeiten, die Honorare nicht selbst tragen zu müssen, bietet jedoch im Fall von Arbeitslosigkeit das Arbeitsamt per AVGS-Schein oder auch der Arbeitgeber, der seinen Angestellten bestmöglich auf seinem Karriereweg innerhalb des Unternehmens unterstützen möchte.

Ziel des Karrierecoachings ist es, die Klient:innen dabei zu unterstützen, eine Tätigkeit zu finden, die zu der individuellen Persönlichkeit und den eigenen Wünschen passt und bei der er oder sie gern zur Arbeit geht. Nur dann entwickeln wir das Höchstmaß an Motivation und Arbeitseinsatz. Das hilft uns, unserem Arbeitgeber oder auch unserem eigenen Business.

Der beste Job ist der, in dem sich individuelle Talente, eigene Fähigkeiten und Interessen, eigene Bedürfnisse und Werte sich mit den passenden Herausforderungen paaren. Dies ist die optimale Voraussetzung für Erfolg. Und dies gilt es, im Karrierecoaching herauszufinden.

Karrierecoaching geht tiefer als die Karriereberatung. Ich als Karrierecoach biete die gleichen Leistungen wie der/die Karriereberater:in. Erfolg bezeichnet jedoch das Erreichen selbst gesetzter Ziele. Und diese können sehr unterschiedlich ausfallen. Sind es hauptsächlich sachliche oder materielle Ziele wie zum Beispiel Einkommen? Oder sind es eher immaterielle Ziele wie Anerkennung, Freude bei Arbeit, Sinnhaftigkeit? Oder sollte beides im Einklang stehen? Der Karrierecoach fragt und findet im Zusammenspiel mit der/dem Klient:in heraus: Was wollen Sie wirklich?

Nun braucht nicht jeder, der vor einer beruflichen Entscheidung steht, eine Karriereberatung. Für wen ist eine Beratung geeignet und was bekommt der/die Ratsuchende im Beratungsangebot an Information?

Susanne Lübben: Wenn jemand sicher weiß, was er will und was zu ihm passt, wird in der Regel weder Beratung noch Coaching nötig sein. Suchen Berufs- oder Studienanfänger:innen allgemeine berufliche Orientierung, sollten sie zuerst die kostenlose Berufs- bzw. Studienberatung nutzen. Hilft das nicht weiter, kann die Investition in ein Karrierecoaching sehr wertvoll sein. Nach meinen Erfahrungen dauert es bei diesen jungen Klient:innen nie sehr lange, bis sie herausfinden, was sie wirklich wollen.

Wenn jedoch während eines aktiven Berufslebens eine Übergangsphase oder sogar ein Jobverlust bevorsteht, es nach einer Elternzeit oder Krankheit um einen Wiedereinstieg ins Berufsleben oder auch um eine berufliche Neuorientierung geht, dann ist Karrierecoaching das Mittel der Wahl. Karrierecoaching lässt erkennen, wie prall gefüllt die berufliche und persönliche Schatzkiste bereits mit Erfahrung und fachlichem Know-how gefüllt ist, was den persönlichen Werten, Wünschen und Fähigkeiten entspricht und welcher Weg an diesem ganz persönlichen Scheideweg zum selbst gewählten Ziel führt.

Wie ernst zu nehmen sind Karriereberatungen? Sind sie wirklich ein Sprungbrett in die Karriere oder nur simple Geldschneiderei?

Susanne Lübben: Berufs- und Karriereberatung sind in der Regel gut, um viele Informationen über die berufliche Welt zu sammeln und eine erste Orientierung zu bekommen. Ständig entstehen neue Berufe, die zum Teil nichts mehr mit klassischen Ausbildungsberufen zu tun haben.

Karrierecoaching bietet nach meinen Erfahrungen ein echtes Sprungbrett in die oder innerhalb einer Karriere. Der Coachingprozess ist individuell maßgeschneidert und der Erfolg des Coachings ist messbar.

Der Coach unterstützt den Klienten oder die Klientin dabei, ein konkretes Ziel für die berufliche Laufbahn zu entwickeln und die Schritte dorthin. Anders als der Berater gibt der Coach dabei weder Ziele noch Antworten vor.

Da der Coach mithilfe professioneller Tools die Selbstreflexion anregt, führt er seine Klient:innen zu ganz eigenen, individuellen Antworten. Die Quellen der Motivation werden dabei ebenso beleuchtet wie die vorhandenen inneren und äußeren Ressourcen und mögliche blinde Flecken. Die eigenen Ideen, Wünsche, Perspektiven, die vorschnell als unmöglich oder zu schwierig verworfen wurden, werden zu Ende gedacht und weiterentwickelt. Fehlende Ressourcen werden definiert und gefunden.

Karrierecoaching löst Denkblockaden, entwickelt die Potenziale des Coachees, stärkt das Selbstvertrauen und die Entscheidungskraft.

Mit welchen Kosten müssen Interessenten rechnen und wie finden sie ein seriöses Beratungsangebot?

Susanne Lübben: Erste Karriereberatungen für Berufsanfänger kosten in der Regel kein Geld. In jedem Fall ist es sinnvoll, kostenlose Berufs- und Karriereberatungen zu nutzen, um sich breit über die eigenen beruflichen Möglichkeiten zu informieren. Diese findet man bei der Agentur für Arbeit und an den Hochschulen.

Die Kosten einer weiterführenden Karriereberatung und auch eines Karrierecoachings können sich je nach Dienstanbieter unterscheiden. Wer auf der Website oder in der Broschüre eines Beraters keine Informationen zum Preis findet, sollte unbedingt nachfragen. Berater oder Coaches, die keine Informationen über die Kosten geben möchten, sollte man keinesfalls in die engere Wahl ziehen.

Der Berater sollte über breites und aktuelles Wissen in der Arbeitswelt verfügen, um die Eignung der Klient:innen für bestimmte Berufsfelder gut beurteilen zu können und ihnen nützliche Informationen zu liefern. Sofern Kosten entstehen, sollten diese klar kommuniziert werden. Auch das Leistungsangebot und die Vorgehensweise sollte genau beschrieben sein. Der Berufs- oder Karriereberater sollte entweder für eine seriöse Institution wie zum Beispiel die Agentur für Arbeit oder eine Hochschule tätig sein oder durch einen anerkannten Bildungsverband oder ein qualifiziertes Ausbildungsinstitut zertifiziert sein.

Ähnliches gilt auch für den Karrierecoach. Er sollte nachweislich über eine mindestens 150 Stunden umfassende und anerkannte Coachingausbildung verfügen und über das Ausbildungsinstitut, besser noch über einen anerkannten Coachingverband, zertifiziert sein. Er sollte über Erfahrungen als Führungskraft verfügen und sich gut in der Arbeitswelt auskennen. Auch seine Erfahrungen, sein Honorar, sein Leistungsangebot, seine Vorgehensweisen und seine Methoden sollte er klar und transparent darstellen.

In der Regel bietet ein seriöser Coach ein kostenloses und unverbindliches Vorgespräch an, um das individuelle Anliegen der Klient:innen zu klären und ihnen Antworten auf all ihre Fragen zu geben. Dieses Gespräch sollte dem Interessenten oder der Interessentin gleichzeitig die Einschätzung ermöglichen, ob die Chemie mit dem Coach stimmt, da Vertrauen eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg eines Coachings ist.

Etablierte Karriereberater und weitere Informationen zur Karriereberatung findet man zum Beispiel über die Suche bei der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung e.V. (DGFK). Ihr Stundensatz liegt laut einer Marktstudie der DGFK in der Regel zwischen 150 und 200 Euro.

Seriöse Karrierecoaches finden sich unter anderem bei den Coachingverbänden. Einen Überblick über die derzeit bestehenden Verbände findet man etwa unter dem Link. Einen Überblick über den derzeit anerkannten Coachingstandard kann man auf der Website des Roundtable Coaching (RTC) herunterladen.

Auch eine Suche im Internet mit den entsprechenden Suchworten bietet eine große Auswahl an Ergebnissen. Hierbei sollte die Auswahl auf den oben genannten und im Positionspapier des RTC beschriebenen Kriterien basieren. In jedem Fall sollte man darüber hinaus die Möglichkeit eines kostenlosen Vorgesprächs mit dem Coach der Wahl nutzen.

Die Kosten eines Karrierecoachings oder einer Karriereberatung lassen sich von der Einkommensteuer absetzen. Wenn die Kosten dabei den Arbeitnehmerfreibetrag überschreiten, kann der Überhang unter den Werbekosten eingetragen werden.

Frau Lübben, vielen Dank für das Gespräch!

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