Victoria Dressel: Potenzial des Mitarbeiters wird nicht erkannt

Victoria Dressel ist Geschäftsführerin der erango GmbH in Singen. Mit ihr sprechen wir über zwischenmenschliche Ebene, fehlende Anerkennung sowie Unzufriedenheit im Job.

Victoria Dressel

Es gibt zahlreiche Gründe, warum Beschäftigte unzufrieden mit ihrem Job sind. Für viele ist aber eine berufliche Neuorientierung keine Option. Was sind die häufigsten Gründe, die zu einer Jobunzufriedenheit führen?

Victoria Dressel: Für mein Verständnis ist die Unzufriedenheit im Job vorrangig auf zwischenmenschlicher Ebene begründet. So stellt sich beispielsweise heraus, dass die Werte nicht übereinpassen, die Anerkennung fehlt oder das Potenzial des Mitarbeiters nicht erkannt oder gefördert wird. Darüber hinaus bin ich der Ansicht, dass die Sinnfrage eine große Rolle spielt, ebenso eine ausgewogene Work-Life-Balance, die Beschäftigte unzufrieden werden lassen können. Geld ist in meinen Augen kein grundsätzlich ausschlaggebendes Thema, denn es motiviert auch nur recht kurzzeitig zu einer besseren Performance der eh schon „innerlich gekündigten“ Mitarbeiter.

Woher weiß man, dass es Zeit ist den Job zu wechseln, um sich neuen Herausforderungen zu stellen?

Victoria Dressel: Die eigene Gesundheit, fehlende Wertschätzung, schlechter Führungsstil, negatives Arbeitsklima, keine (Karriere-) Perspektiven, Unsicherheit, ob der Arbeitsplatz bestehen bleibt, zu geringes Gehalt

Viele Beschäftigte über 35 haben Hemmungen sich neu zu orientieren. Kann man im fortgeschrittenen Alter noch adäquat Karriere machen?

Victoria Dressel: Selbstverständlich. Durch den Kulturwandel, der pandemiebedingt einen erheblichen Aufschwung erfuhr, sind zwischenzeitlich mehr Unternehmen bereit Vakanzen nach persönlichen Skills wie der Selbst- und der Sozialkompetenz zu besetzen und die „passenden“ Kandidaten in Fach- und Methodenkompetenz zu fördern und weiterzuentwickeln. Auch bei der Fraktion Ü 50 erleben wir im Südwesten eine klare Veränderung und die Bereitschaft der Unternehmen eine ausgewogene Heterogenität in ihren Teams zwischen jungen, frisch motivierten und erfahrenen Fachkräften zu befürworten, sodass Jung und Alt miteinander und voneinander lernen und „open minded“ die Unternehmen mit Empirie, Flexibilität und Zukunftsorientierung voran zu bringen.

Ein Neuanfang ist immer schwer. Wie kann man mentale Hürden der Neuorientierung überwinden?

Victoria Dressel: Das ist nicht pauschal über einen Kamm zu kehren. Es gibt jene, die prospektiv eingestellt sind und entsprechend agieren, sprich ihre Grenzen erkennen und daraufhin umgehend neue Schritte in ihre Veränderung gehen und es gibt andere, die in ihren beruflichen Situationen (ebenso wie in privaten) ausharren, „lageorientierter“ sind und sozusagen einen hohen Leidensdruck haben. Je nachdem gestaltet sich dann auch das WIE. Ersteren reicht es sich über das WWW und Social-media zu informieren, ihren Marktwert „abzuklappern“ und Bewerbungen rauszusenden. Letztere benötigen meines Erachtens eine Begleitung, zum Beispiel durch einen Coach, um die Hemmnisse aufzudecken und aufzuarbeiten, sodass nächste Schritte gegangen werden können.

Was muss man also tun, damit eine berufliche Neuorientierung gelingt?

Victoria Dressel: Wenn die Entscheidung getroffen ist, dass es „so nicht weitergehen kann“, sind die ersten Schritte sicherlich die unbequemsten im gesamten Veränderungsprozess. Hier geht es primär um die innere Einstellung und Haltung. Mit einer IST-Analyse des status quo, der Auflösung von Annahmen, möglichen Glaubenssätzen, der Aufarbeitung von Erfahrenem und / oder auch von Frust sowie der Bereitschaft eine neue Perspektive einzunehmen, sind gute Voraussetzungen für die Findung des eigenen, individuell passenden Weges. Wenn diese Schritte gegangen sind, hilft der Fokus auf Fragen wie: Was kann ich gut? Was mache ich gern? Was davon wird am Arbeitsmarkt „gebraucht“ – und die Schnittmenge ergibt dann potenzielle neue Branchen, Arbeitgeber und Stellen.

Was raten Sie Beschäftigten, die mit dem Gedanken spielen, den Beruf zu wechseln?

Victoria Dressel: In unseren Einzelcoachings raten wir grundsätzlich gar nichts, da wir uns nicht als „Alles- oder Besserwisser“ sehen. Insgesamt geht es darum die Zeit für sich selbst und den Veränderungsprozess zu nehmen, genau hinzuschauen, Kopf und Bauch (Bewusstes und Unbewusstes) aufzudecken, abzugleichen und in Einklang zu bringen und seine eigenen Ressourcen und Potenziale für den Wunsch nach einem neuen Arbeitsbereich zu kennen.

Frau Dressel, vielen Dank für das Gespräch!

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