Dr. Matthias Jurytko: Der einzige Weg in die Zukunft kann grüner Wasserstoff sein

Herr Dr. Matthias Jurytko ist CEO und Managing Director bei cellcentric GmbH & Co.KG. Mit ihm sprechen wir über Verwendung von Wasserstoff, Brennstoffzelle sowie grüne Stromgewinnung.

Dr. Matthias Jurytko

Welche Vorteile und Nachteile sehen Sie in der Verwendung der Wasserstofftechnologie im Zusammenhang mit der Klimaneutralität und der Wirtschaftlichkeit?

Dr. Matthias Jurytko: Wird Wasserstoff zum Antrieb einer Brennstoffzelle verwendet, entstehen als Nebenprodukte nur Wasser und Wärme – keine Schadstoffe oder Treibhausgase. Je nachdem, wie der Wasserstoff hergestellt wird, kann er eine extrem saubere Alternative zu Diesel sein. Darüber hinaus ermöglicht die Brennstoffzelle perspektivisch in vielen Anwendungsfällen, wie u.a. dem Schwerlastverkehr, eine Parität in den Betriebs-Gesamtkosten (TCO Total Cost of Ownership) zu konventionellen CO2 ausstoßenden Alternativen. Hierfür wird jedoch u.a. auch ein gezieltes Förderprogramm für den Ausbau einer flächendeckenden Lade- und Wasserstoff-Infrastruktur benötigt.

In den USA und China wird der Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft konsequent vorangetrieben. Wie kommt es, dass Europa sich damit bislang so viel Zeit gelassen hat?

Dr. Matthias Jurytko: Europa ist seit vielen Jahren im Bereich der Brennstoffzellen Technologie führend. Auch cellcentric hat mehr als 25 Jahre Fuel Cell Erfahrung und Expertise. Die aktuelle Verankerung von Wasserstoff in verschiedenen EU-Länderstrategien zur Unterstützung der europäischen Green-Deal-Ambition ermöglicht eine langfristige Vorreiterrolle Europas in diesem Technologiefeld, wenngleich auch China und die USA die wasserstoffbasierte Wirtschaft ebenfalls mit Nachdruck vorantreiben.

Die Wasserstoff-Technologie gilt als „die“ klimafreundliche Energienutzung. Wie kommt es, dass sich die Technologie in der Automobilindustrie nicht durchsetzen konnte, sondern die Nutzung von Batterien sich durchgesetzt hat?

Dr. Matthias Jurytko: Cellcentric entwickelt, produziert und vermarktet Brennstoffzellensysteme, mit Fokus ausschließlich auf die Brennstoffzellen-Technologie. Laut Daimler Truck AG und Volvo Group werden sich rein batterieelektrische und wasserstoffbasierte Brennstoffzellen-Lkw je nach individuellem Kundenbedarf ergänzen. Der Batterieantrieb wird eher für geringere Ladungsgewichte und kürzere Strecken eingesetzt werden, während der Brennstoffzellenantrieb eher für schwerere Lasten und längere Strecken bevorzugt werden wird.

Welche Vor- und Nachteile sehen Sie in der Nutzung eines Wasserstoffantriebs?

Dr. Matthias Jurytko: Wir sehen vor allem das Gewicht des Brennstoffzellen-Systems sowie die kurze Betankungszeit als wesentlichen Vorteil, da diese mit konventionellen Antrieben vergleichbar sind. Darüber hinaus bietet Wasserstoff vor allem für die Dekarbonisierung des Schwerlastverkehrs zahlreiche Vorteile: Zunächst ist es möglich, in kleineren Schritten vorzugehen. Schon mit wenigen Tankstellen könnten in bestimmten Regionen oder auch auf nationalen und europäischen Trassen große Lkw-Flotten fahren. Aufwendige Planungsverfahren wie bei der Installation von Oberleitungen auf öffentlichen Verkehrswegen wären nicht nötig – was die Transformation beschleunigen würde. Bei einem solchen Vorgehen blieben Investitionskosten und Planungsaufwand überschaubar, gleichzeitig könnte die Stückzahl der Wasserstoff-Lkws zügig steigen und könnten deren Stückkosten spürbar sinken.

Vielfach kritisiert wird die große Menge an Strom, die für die Gewinnung von Wasserstoff notwendig ist. Es gibt zwar alternative Möglichkeiten zur „grünen“ Stromgewinnung. Doch inwieweit steht diese für die Wasserstoffgewinnung zur Verfügung?

Dr. Matthias Jurytko: Der einzige Weg in die Zukunft kann grüner Wasserstoff sein. Mit grauem Wasserstoff würden wir unser Ziel einer CO2-neutralen Wirtschaft nicht erreichen. Natürlich könnte während der Einführungszeit – vielleicht bis oder um 2030 – blauer Wasserstoff eine bezahlbare und umweltverträgliche Lösung sein. Hier wird vor allem die globale Erzeugung von Wasserstoff in Regionen mit höchst effizienter Erzeugung von grünem Strom eine wichtige Rolle spielen. Die Speicher- und Transportfähigkeit des Wasserstoffs sind hierbei wichtige Vorteile die ihn in einer CO2 neutralen Wirtschaft unabdingbar machen.

Das EU-Parlament fordert den schrittweisen, aber schnellen Ausstieg aus fossilem Wasserstoff. Dafür muss auf andere klimafreundliche Stromgewinnungsmöglichkeiten zugegriffen werden. Wie schnell und in welchem Umfang schätzen Sie, wird dies möglich sein?

Dr. Matthias Jurytko: Unserer Erwartung nach wird grüner Wasserstoff mit einer globalen Erzeugungskette wird bis zum Ende des Jahrzehnts in einer signifikanten Menge verfügbar sein.

Herr Jurytko, vielen Dank für das Gespräch!

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