Andreas Franken: Wirtschaftliche Auswirkungen von Corona

Interview mit Andreas Franken
Über die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie habe ich mit dem Unternehmensberater Andreas Franken gesprochen, der in den letzten 20 Jahren mehr als 1000 Projekte mit kleinen, mittleren und großen Unternehmen bzw. Konzernen durchgeführt hat. „Derzeit wird sich viel zu wenig um in Not geratene Mittelständler gekümmert“, sagt Andreas Franken.

Laut Experten beschleunigt die Pandemie Veränderungen in der mittelständischen Wirtschaft und agiert somit als Katalysator. Welche wirtschaftlichen Veränderungen im mittelständischen Segment sind derzeit besonders prägnant?

Andreas Franken: Nach meinem Verständnis haben fast alle Geschäftsmodelle ein Verfallsdatum, da sich die für sie jeweils geltenden Rahmenbedingungen permanent ändern. Beispiele hierfür sind veränderte Kundenwünsche, das Verhalten der Wettbewerber, Erfindungen, neue Technologien wie die Digitalisierung und politische Einflüsse sowie Gesetzesänderungen. Von Letzterem hatten wir in den zurückliegenden 18 Monaten mehr, als viele Unternehmen verkraften können. Mit Rahmenbedingungen meine ich auch Regeln, die in Märkten gelten. Wenn ein Restaurant, ein Hotel oder auch ein stationäres Einzelhandelsgeschäft auf Besuche angewiesen ist und dessen Besuchern das Besuchen verboten wird, stellt dies eine erhebliche Regelveränderung dar, durch die das Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert. Selbst „Lockerungen“ helfen nicht, denn viele Unternehmen kämpften bereits vor der Pandemie um jeden Kunden, um ihre Mieten und weiteren Kosten decken zu können. Wenn im Zuge der „Lockerungen“ eine Geschäftstätigkeit unter Auflagen wie „Impfungen“ oder „Testungen“ wieder ermöglicht wird, verliert man einen erheblichen Teil der Kundschaft, der hierbei nicht mitspielt, da er sich weder impfen noch ständig testen lassen möchte. Die Nachfrage sinkt zumeist so weit, bis das bestehende Geschäftsmodell keine Zukunftsperspektive mehr hat. Demzufolge ist das Geschäftsmodell anzupassen oder neu zu designen.

Welche Unternehmen und Branchen sind am stärksten von der Transformation betroffen?

Andreas Franken: Die Transformation bzw. das Re-Design von Geschäftsmodellen kann so weit gehen, dass es zu der Empfehlung kommen kann, das Geschäft aufzugeben und etwas völlig Neues zu machen. Betroffen sind aktuell alle Branchen, die auf persönliche Kundenkontakte angewiesen sind. Neben den bereits genannten stehen auch Fitnessstudios, Wellness-Anlagen und viele weitere B2C-Geschäftsmodelle unter Druck. Aber auch im B2B-Sektor ist man vielfach auf persönliche Kontakte und Messen sowie funktionierende Lieferketten und konsumfreudige Kundennachfrage angewiesen. Allerdings kann man hier durch Digitalisierung und Digitale Transformation sehr viel erreichen. So manchen dieser jetzt unter Druck geratenen Unternehmen ging es in der Vergangenheit sehr gut, sodass wichtige Digitalisierungsschritte „verschoben“ wurden. Absurderweise leidet aber auch das Gesundheitswesen. Wenn ein Krankenhaus seine Operationen absagen muss, um primär für eine Krankheit zur Verfügung zu stehen, verwundert das fortschreitende Schrumpfen vieler Häuser und insbesondere der Abbau der Intensivbettenkapazitäten nicht.

Viele Unternehmen befürchten ein verändertes Konsumverhalten auch nach der Pandemie. Ist die Angst um einen Nachfragerückgang und Veränderungen im Konsumverhalten berechtigt?

Andreas Franken: Das dürfte aus den vorgenannten Gründen nicht zu bestreiten sein. Die Unternehmen realisieren ihre Gewinne nicht mit den ersten 10 Prozent ihrer Umsätze, sondern mit den letzten.

Könnte die Pandemie der Anfang vom Ende für zahlreiche mittelständische Unternehmen sein?

Andreas Franken: Das Verschieben der Insolvenzantragspflicht und die staatlichen Hilfen haben zu einer Verschiebung der Pleiten geführt. Nicht nur ich gehe davon aus, dass nach der Bundestagswahl nichts mehr verschoben und auch nicht weiter geholfen wird.

Der deutsche Mittelstand gilt als Rückgrat unserer Wirtschaft? Wird die Bedeutung zu Gunsten von Konzernen sinken?

Andreas Franken: Konzerne agieren für gewöhnlich global und profitieren von Skaleneffekten. Ein McDonalds verkauft zumeist industriell gefertigte Produkte mit enormer Haltbarkeit und ist in der Lage, diese, im Gegensatz zu einem lokalen einzelnen Frischwaren-Restaurant, sehr profitabel zur Abholung oder zur Lieferung anzubieten. Amazon hat einen überlegenen Shop, mit dem ein lokaler Einzelhändler nicht wirksam konkurrieren kann. Viele Mittelständler bluten einfach aus und bieten „interessante Möglichkeiten“ für Konzerne. Sei es durch „günstige Firmenübernahmen“, durch „Marktbereinigung“ oder durch frei werdende Immobilien. Oftmals geraten auch deren Vermieter in Not, sodass man so manche Immobilie „günstig erwerben“ kann. Ich rate jedem, sich nicht darauf zu verlassen, dass es von selbst besser wird, sondern das eigene Geschäftsmodell unter neuen Rahmenbedingungen zukunftsfähig zu machen.

Herr Franken, ich danke Ihnen für das Gespräch.

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