Dr. Volker Hillebrand: Materialverfügbarkeit rückt in den Vordergrund

Dr. Volker Hillebrand ist Partner der HÖVELER HOLZMANN CONSULTING GmbH. Mit ihm sprechen wir über Belastungsfähigkeit der Lieferketten, Ersetzen der globalen Materialbeschaffung sowie Bedeutung einer europäischen Produktion.

Dr. Volker Hillebrand

Eine Debatte um die Belastungsfähigkeit der Lieferketten läuft nicht erst seit der Corona-Pandemie. Trotz massiver Probleme mit Lieferketten möchten aber nur wenige Unternehmen die Beschaffungen ersetzen. Warum haben trotz der Lieferkettenprobleme die Unternehmen nicht vor, die globale Materialbeschaffung zu ersetzen?

Dr. Volker Hillebrand: An dieser Stelle müssen wir in vielen Fällen „möchten“ durch „können“ ersetzen. Als langjähriger Verantwortlicher für globales Supply Chain Management auf Unternehmensseite weiß ich, was es bedeutet, diese globalen Zusammenhänge kurz- bis mittelfristig zu verändern bzw. globale Beschaffungen durch lokale oder regionale zu ersetzen. Neben oftmals langjährigen Beziehungen und erfolgter, mühevoller Optimierungen technischer, prozessualer und auch finanzieller Natur gibt es auch vertragliche Bindungen, die es Unternehmen nicht unmittelbar erlauben, dies zu ändern. Klar ist aber auch, und das sehen wir in vielen Anfragen an uns zu diesem Thema: Das Thema Supply Chain Risk Management bzw. Business Continuity, wie es etwa die (bio-)pharmazeutische Industrie seit Jahrzehnten praktiziert, rückt in der Agenda der KMUs wie auch im Besonderen der Konzerne deutlich nach oben. Weniger im Sinne des Ersetzens, sondern vor allem als „Risk Mitigation“ im Sinne des Aufbaus potenzieller, alternativer Lieferketten im regionalen oder lokalen Raum.

Die Pandemie hatte einen Denkanstoß zur Rückholung der Materialproduktion nach Deutschland gegeben, nachdem Güter wie Mikrochips und medizinische Artikel nicht mehr zu beschaffen waren. Was würde eine europäische Produktion für die Wirtschaft bedeuten und ist diese überhaupt realistisch?

Dr. Volker Hillebrand: Zweifelsohne ist es mehr als ein Denkanstoß wie oben beschrieben. Dabei rückt die Materialverfügbarkeit all überragend in den Vordergrund gegenüber bisherigen Kostenvorteilen. Corona hat den Unternehmen klar aufgezeigt, was es heißt, wenn man im Besonderen manuelle Herstellungen von Produkten zwar mit erheblichen Vorteilen im Total Cost of Ownership beispielsweise in Asien umsetzen kann, jedoch diese einem bei einer Nichtverfügbarkeit des Produktes nichts nützen. Eine europäische Produktion ist auf jeden Fall realistisch und auch sinnvoll. Am Ende eben auch immer eine Frage von Kosten versus Verfügbarkeit bzw. auch der Bereitschaft eines Unternehmens, Risiken einzugehen oder Alternativen aufzubauen.

Große Unternehmen setzen auf eine Maximierung der Zulieferer. Wie ist die Situation bei kleinen und mittelständischen Unternehmen?

Dr. Volker Hillebrand: Bei großen Unternehmen wie auch bei KMUs geht es weniger um eine Maximierung der Zulieferer als vielmehr um die Schaffung von alternativen, verlässlichen und gleichzeitig maximal flexiblen Zulieferstrukturen. Ein alternativer Zulieferer, regional oder lokal, kann im Falle bspw. einer Pandemie bereits vieles retten. Es müssen nicht gleich mehrere Zulieferer oder gar eine Maximierung sein. Gleiches gilt für Produktionsstandorte. Auf diese unternehmensgerechte Optimierung der Beschaffungs-, Produktions- und auch Distributionsnetzwerke zielen all unsere Projekte in diesem Bereich ab.

Inwiefern könnte die Abhängigkeit und Handelsbeziehung zwischen China, USA und EU durch Inlandproduktionen gestört werden?

Dr. Volker Hillebrand: Schwer vorherzusagen und vor allem auch eine stark politisch beeinflusste Frage. Schon heute gibt es neben den angesprochenen Fragestellungen auch das Thema des Protektionismus, der Unternehmen vor große Herausforderungen stellt. Dies ist bereits eine Art Störung der normalen Handelsbeziehungen. Grundsätzlich kann man sagen, dass China alles versuchen wird, zum einen die Produktion im Lande zu halten und auszubauen, gleichzeitig aber auch Produktionen und Distributionen sowohl in Europa als auch in den USA noch deutlich auszubauen. Die USA und auch Europa ihrerseits haben mit ihren Unternehmen in den letzten 1,5 Jahren wiederum gespürt, wie abhängig man von China und anderen asiatischen Produktionen ist.

Herr Hillebrand, vielen Dank für das Gespräch!

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