Michael Gaßner: Beschaffung der Produkte – Oft online statt stationär

Michael Gaßner ist Geschäftsführer Gassner & Partner Consulting. Mit ihm sprechen wir über wirtschaftliche Veränderungen sowie am stärksten betroffene Branchen.

Laut Experten beschleunigt die Pandemie Veränderungen in der mittelständischen Wirtschaft und agiert somit als Katalysator. Welche wirtschaftlichen Veränderungen im mittelständischen Segment sind derzeit besonders prägnant?

Michael Gaßner: Zuallererst die Digitalisierung; insbesondere die Auswirkungen auf den non Food Einzelhandel sind gewaltig und unumkehrbar. Sodann auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ihre Bereitschaft, Leistung zu bringen. Die Pandemie und die staatlichen Reaktionen u.a. mit Kurzarbeitergeld und Home-Office Regelungen haben den Menschen in manchen Bereichen das Gefühl vermittelt, es rette sich alles von selbst. Dies gilt besonders für große Unternehmen und Konzerne; echter Einsatzwille, echte Leistungsbereitschaft ist ordentlich auf der Strecke geblieben; dort hat sich an einigen Stellen der Arbeitsstil in Richtung behördenhaft Lahmem oder „Gelähmtem“ hin entwickelt. Im mittelständischen Segment muss man die Analyse der Veränderungen stark nach Branchen differenzieren: Reisebranche, Hotellerie und Gastronomie, Messe- und Veranstaltungsmanager, Textillisten, anderen non Food Einzelhändler und auch Brauereien haben zum Teil schwersten Schaden erlitten mit der Konsequenz, dass die Anzahl der Marktteilnehmer deutlich sinken wird und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus diesen Branchen dauerhaft abwandern und sich andere Arbeit suchen werden. Für die dienstleistungsorientierten Bereiche wird es also noch schwieriger werden, qualifiziertes Personal zu finden und vernünftig zu bezahlen. Die Gehaltsdifferenz zwischen mittelständischen Zulieferbetrieben und noch mehr den Dienstleistungen einerseits und Industrien mit üppigen Tarifverträgen andererseits war vor der Pandemie schon groß; sie wächst weiter – mit der Konsequenz, dass alles, was im Zulieferbereich regional verlagert werden kann, auch verlagert werden wird (trotz allem Gerede, dass dann die Logistikketten nicht mehr beherrschbar sein werden). Wenn Firmen wie Daimler Kurzarbeitergeld beanspruchen können, weil sie nicht in der Lage sind, ihre Logistikketten zu organisieren, wo soll dann der Druck herkommen, die Zulieferer im Land zu halten? Die Fehlsteuerung durch die öffentlichen Hilfen thematisieren leider zu wenige.

Welche Unternehmen und Branchen sind am stärksten von der Transformation betroffen?

Michael Gaßner: Reisebranche, Hotellerie und Gastronomie, Messe- und Veranstaltungsmanager, Textillisten, anderen non Food Einzelhändler, etc. Durch die lockere Finanzpolitik künftig auch Banken, Sparkassen und Versicherungen.

Viele Unternehmen befürchten ein verändertes Konsumverhalten auch nach der Pandemie. Ist die Angst um einen Nachfragerückgang und Veränderungen im Konsumverhalten berechtigt?

Michael Gaßner: Auch hier muss man branchenbezogen differenzieren: die Nachfrage nach Handwerkerleistungen und hochwertigen Produkten explodiert förmlich. Aber auch in den Branchen, die gelitten haben, ist häufig weniger der Nachfragerückgang das Problem, sondern die Art und Weise der Beschaffung der Produkte: online statt stationär! Wie sehen wohl unsere Innenstädte in den schwächeren Lagen und Regionen Ende nächsten Jahres aus?

Könnte die Pandemie der Anfang vom Ende für zahlreiche mittelständische Unternehmen sein?

Michael Gaßner: In den betroffenen Branchen ganz sicher; die Regierenden mogeln sich über die Finanzhilfen noch über die Bundestagswahl. Herbst und Winter 21/22 werden dann die Wahrheit ans Licht bringen.

Der deutsche Mittelstand gilt als Rückgrat unserer Wirtschaft. Wird die Bedeutung zu Gunsten von Konzernen sinken?

Michael Gaßner: Ich glaube eher nicht, dass der Mittelstand als Ganzes Schaden nehmen wird, im Gegenteil. Anpassungsfähigkeit und Innovationskraft sind dort zu Hause, nicht in den Konzernen. Welcher deutsche Konzern geht schon wirklich gestärkt aus der Krise hervor? Die Post als Logistiker, die Autobauer kurzfristig, wegen Sondereffekten, schon bei den Pharmazeuten und der Chemieindustrie sind es eher junge Unternehmen, die profitiert haben. Und bei den Finanzdienstleistungen sind die großen eher diejenigen, die schlecht performen. Am DAX darf man das nicht messen.

Herr Gaßner, vielen Dank für das Gespräch!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.