Ralf Düster: Ein gemeinsamer Austausch ist von großer Wichtigkeit

Ralf Düster ist Vorstandsmitglied von Setlog. Mit ihm sprechen wir über Belastungsfähigkeit der Lieferketten, globale Materialbeschaffung sowie europäische Produktion.

Ralf Düster /Credits: Setlog

Die Debatte um die Belastungsfähigkeit der Lieferketten läuft nicht erst seit der Corona- Pandemie. Trotz massiver Probleme mit Lieferketten möchten aber nur wenige Unternehmen die Beschaffungen ersetzen. Warum haben trotz der Lieferkettenprobleme die Unternehmen nicht vor, die globale Materialbeschaffung zu ersetzen?

Ralf Düster: Je nach Material, das für die Produktion benötigt wird, ist es häufig maßgeblich, ob es die Kostenstruktur der jeweiligen Komponente bzw. des jeweiligen Produktes zulässt, dass es lokal eingekauft werden kann. Gerade der Wettbewerb und der Kostendruck haben in der Vergangenheit dazu geführt, dass Unternehmen gezwungen waren, bestimmte Vormaterialen international zu beschaffen. Dies alles rückgängig zu machen, wird zu einer Verteuerung der Waren führen – und damit zu einem Wettbewerbsnachteil.

Bestimmte Industrien versuchen bereits, einige Waren wieder verstärkt im Inland bzw. im nahen Ausland einzukaufen. Da aber die Produzenten dieser Materialien in der Herstellung häufig auch ausgelastet sind, führt das zu einem Verdrängungswettbewerb in der Beschaffung. Das heißt: Diejenigen, die bereit sind, höhere Preise zu bezahlen, werden kurzfristig bevorzugt. Wenn bestimmte Materialien bzw. Komponenten auf dem heimischen Markt oder im nahen Ausland nicht zu erwerben sind, überlegt so mancher Unternehmer, ob gegebenenfalls eine Eigenproduktion von Vorteil ist. Hierbei gilt es aber zu bedenken, dass eigene Kapazitäten aufgebaut oder sogar Produktionsstätten und Fabriken errichten werden müssen. Je nach Größe einer solchen Produktion müssen Gewerbeflächen angemietet oder erworben oder eine Immobilie gekauft werden. Firmen müssen zudem prüfen, ob eine funktionierende Infrastruktur gegeben ist. Auch die Ausbildung bzw. die Suche geeigneter Facharbeiter für die Herstellung von Vormaterialien, Rohwaren und Komponenten muss genau untersucht werden. Ein höherer Lohn kann zudem dazu führen, dass das Gesamtprodukt viel teurer wird als ursprünglich gedacht.

Ein Unternehmen muss sich daher immer die Frage stellen, ob es durch den Zukauf von Materialen im Inland oder nahen Ausland mit den eigenen Produkten auf seinen Vertriebsmärkten preislich noch wettbewerbsfähig bleiben kann. Eigene Produkte können ansonsten so teuer werden, dass unter Umständen internationale Wettbewerber gestärkt werden, die wegen ihrer multinationalen Produktion sowie optimierter Zukäufe und Produktionsverteilung wettbewerbsfähiger bleiben. Das heißt: Sie können Waren, die qualitativ gleich gut sind, deutlich günstiger anbieten.

Unternehmen sollten sich nur dann für eine Produktion im nahen Ausland oder Inland entscheiden, wenn ihre Unique Selling Proposition (USP) darin besteht, dank schneller Lieferungen höhere Preise am Markt zu erzielen – oder die Marge so gut ist, dass sie auf einen Teil davon problemlos verzichten können.

Die Pandemie hatte einen Denkanstoß zur Rückholung der Materialproduktion nach Deutschland gegeben, nachdem Güter wie Mikrochips und medizinische Artikel nicht mehr zu beschaffen waren. Was würde eine europäische Produktion für die Wirtschaft bedeuten und ist diese überhaupt realistisch?

Ralf Düster: Die kurze Antwort heißt: Diversifikation in der Beschaffung. Bei den jeweiligen Industrien und Branchen muss es zu einer genauen Betrachtung der Lieferanten, der Lieferketten, der Risiken etc. kommen. Welche Teile werden wo eingekauft? Wie schaut die jeweilige Lieferantenstruktur aus? Ist eine konzentrierte Analyse von A-, B-, C-Teilen für die Produktion notwendig, um eine Risikominimierung zu erzielen? Das sind nur einige von vielen wichtigen Fragen. Genauso muss bewertet werden, ob eine Lieferantenkonzentration sinnvoll ist bzw. eine Anpassung der Lieferantenstruktur. Firmen müssen auch prüfen, ob mehr Zulieferer für eine alternative, zusätzliche Beschaffung in Betracht kommen. Das Stichwort dazu heißt „Multiple Sourcing“. Nicht jede Industrie oder Branche hat dabei die gleichen Möglichkeiten. Man muss hier nicht nur zwischen großen und kleinen Unternehmen unterscheiden, sondern auch die Produkte betrachten. Die Frage lautet: Handelt es sich um langlebige Gebrauchsgüter, medizinische Produkte, Automotive- Teile, Elektronik, Fast Moving Consumer Goods (FMCG), Textil und Bekleidung, Schuhe oder Spielzeug? Es macht Sinn, beispielswiese ein teures High-tech-Medizinprodukt in Deutschland zu produzieren, aber nicht ein arbeitsintensives T-Shirt, das ein Discounter für vier Euro anbietet und in Bangladesch für Centbeträge hergestellt wird. Ebenfalls müssen Firmen bewerten, ob Margen bei Änderungen in der Lieferantenstruktur im Re- bzw. Nearshoring sich signifikant verringern. Auch Lieferungen von Sublieferanten müssen berücksichtigt werden. Fazit: Oft gibt es keine Alternative dazu, dass Rohstoffe oder Rohwaren global bezogen werden. In diesem Zusammenhang macht es Sinn, die Industrien und Produzenten aus den genannten Branchen genauer zu betrachten. Aufgrund der Globalisierung bestand und besteht die Gefahr von Abhängigkeiten durch Zulieferer von Komponenten, Vorprodukten etc. Sie kann aber im Zeitalter der Digitalisierung leicht durch intelligente, kollaborative Zusammenarbeit, Nutzung von Plattformen und Optimierung der Beschaffungsprozesse reduziert werden. Alternativen sind eine bessere Planung der Beschaffung und die Lagerung der Vorprodukte, um Materialmangel vorzubeugen. Unternehmen müssen Lieferketten verbessern, Datensilos und Medienbrüche auflösen und eine kollaborative Zusammenarbeit aller Partner in der Kette entwickeln. Die Optimierung des Datenaustauschs ist unerlässlich, um frühzeitig eingreifen und besser steuern zu können. Der Aufbau von produktions- bzw. kundenorientierten Plattformen muss stattfinden, um die Beschaffung zu optimieren, zu steuern und Prozesse sowie Informationen für alle Beteiligten in der Kette transparent zu machen. Das Zusammenspiel geht aber noch weiter. Um die derzeitige Disruption der Lieferketten nachhaltig zu beseitigen, ist ein gemeinsamer Austausch aller Beteiligten aus Industrie, Handel, Beratung, IT und Politik in puncto bessere Rahmenbedingungen von größter Wichtigkeit, um bestmögliche Lösungen für die globale Herstellung und die Produktionsteilung zu erzielen.

Auf der Metaebene beginnen wir mit diesem Thema auch eine volkswirtschaftliche Diskussion. Wir müssen die Auswirkungen betrachten, welche die Entscheidung, mehr in Deutschland zu produzieren, für das Label „Made in Germany“ insgesamt bedeutet. Werden die Beziehungen zu den Partnerländern leiden, wenn Firmen nur noch ihre Waren dort vertreiben, aber Produkte, insbesondere Vorprodukte und Komponenten, im Gegenzug von dort nur selten oder gar nicht beziehen? Deutschland hat eine wichtige Rolle im europäischen Produktionsnetzwerk, welches besonders im Binnenmarkt eingespielt ist und wovon Deutschland im großen Maße profitiert. Ein weiterer Aspekt: Es besteht die Gefahr einer höheren Inflation, wenn sich durch mehr inländische Produktionen, die mit hohen Investitionskosten und Arbeitslöhnen verbunden sind, die Waren im Inland verteuern.

Wegen der Entscheidung der Bundesregierung, das Lieferkettengesetz über die gesamte Supply Chain einzuführen, fürchten Unternehmen und Wirtschaftsverbände, dass Produktionen im Ausland teurer werden, die Kontrolle der Ketten umfangreicher wird und mit einer höheren Bürokratie gerechnet werden muss. Sollten aber deshalb Firmen in Richtung Re- bzw. Near Shoring umdenken? Multinationale Handelsabkommen stärken im Endeffekt alle. Je größer der Markt für alle ist, desto größer ist laut dem Ökonomen Adam Smith der Wohlstand aller. Bilaterale, oder noch schlimmer, einseitige Abhängigkeiten können politisch und wirtschaftlich problematisch sein und für Produkte wettbewerbsschädlich sein.

Große Unternehmen setzen auf eine Maximierung der Zulieferer. Wie ist die Situation bei kleinen und mittelständischen Unternehmen?

Ralf Düster: Vor der Pandemie sprachen die meisten Unternehmen von einer Lieferantenkonzentration. Tatsächlich dreht sich bei einigen Unternehmen gerade diese strategische Ausrichtung. Wie schon beschrieben, wird es wichtig sein, richtige kollaborative Lösungen mit den bestehenden Lieferanten zu finden, Prozesse zu optimieren sowie die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen. Sollte sich bei den Analysen herausstellen, dass bestimmte Produkte schwierig zu beschaffen sind, können Firmen überlegen, ob sie weitere Zulieferer dazu nehmen. Allgemein gehe ich aber davon aus, dass dies nicht im großen Maß notwendig ist, wenn moderne IT- Lösungen und Strategien eingesetzt werden. Während der Pandemie gibt es viele Beispiele dafür, dass sich Unternehmen bewegen, flexibler agieren, ihre Prozesse optimieren und digitalisieren müssen. Sie müssen weg vom Einsatz von Excellisten und E-Mails zwischen Einkauf, Beschaffung und den Lieferanten. Stattdessen müssen sie hin zu digitalen Lösungen mit echter kollaborativer Zusammenarbeit. Ich finde den Weg der optimierten Prozesse viel weitsichtiger, um wettbewerbsfähig zu bleiben als kurzfristig, ohne genaue Analyse, auf Reshoring zu setzen.

Inwiefern könnten die Abhängigkeit und Handelsbeziehung zwischen China, USA und EU durch Inlandproduktionen gestört werden?

Ralf Düster: Deutschland gilt nach China und den USA in der Produktion und im Vertrieb von Waren als Exportweltmeister, pro Kopf gesehen exportiert kein Land mehr als Deutschland. In der Bundesrepublik wird ein Exportüberschuss von rund 180 Mrd. Euro erwirtschaftet, was schon heute international häufig auf Kritik stößt. Wir beobachten derzeit, dass Firmen ihre Prozesse genau analysieren, digitalisieren und Kooperationen eingehen, ohne dabei ihren Handelspartner vor den Kopf zu stoßen. Nur überhastet auf Reshoring zu setzen, ist der falsche Ansatz. Transparente Kommunikation und Partnerschaften sind der richtige Weg. Das muss auch die Politik erkennen und die Wirtschaft dahingehend fördern. Auch Beratern, IT-Spezialisten und Logistikdienstleistern muss klar werden, dass künftig die Supply Chain-Netzwerke sehr eng zusammenarbeiten müssen. Nur so ist eine optimale, globale Produktion möglich.

Herr Düster, vielen Dank für das Gespräch!

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