Stefan Borggreve: Wir sind auf dem richtigen Weg

Stefan Borggreve ist CDO bei Hellmann Worldwide Logistics. Mit ihm sprechen wir über Digitalisierung sowie den Transformationsprozess.

Digitalisierung ist in aller Munde. Wie weit ist Ihr Unternehmen in diesem Transformationsprozess?

Stefan Borggreve

Stefan Borggreve: Bei Hellmann Worldwide Logistics findet die Digitalisierung in allen Unternehmensbereichen statt: Angefangen bei digitalen Arbeitsplätzen für unsere global tätigen Beschäftigten, über digitale Kundenerfahrungen auf der ganzen Welt und die Weiterentwicklung unserer Prozesse in den 263 Niederlassungen bis hin zum Neudenken von digitalen Geschäftsmodellen. So haben wir im Jahr 2019 ein firmenweites Programm gestartet, um die digitale Transformation bei Hellmann gemeinsam global und ganzheitlich voranzutreiben. Denn wir sind davon überzeugt, dass die Digitalisierung für uns als Full-Service-Dienstleister im weiten Feld der Logistik DIE zentrale Säule ist, um nachhaltig am Markt agieren zu können und unsere Kunden erfolgreich zu bedienen.

Schon jetzt zeigt sich, dass wir auf dem richtigen Weg sind: Mit dem globalen Rollout von Microsoft 365 haben wir bereits erfolgreich die Basis für den digitalen Arbeitsplatz geschaffen. Gleichzeitig ist es uns gelungen, neue digitale Lösungen für unsere Kernprodukte zu generieren und eine Vielzahl operativer Prozesse zu digitalisieren.

Welche Bedeutung hat die Digitalisierung für Sie bzw. Ihr Unternehmen, wenn es darum geht, mittels digitaler Technologien Arbeits- und Lebensverhältnisse angenehmer, effizienter und nachhaltiger zu gestalten?

Stefan Borggreve: Wir beschäftigen weltweit rund 9.000 kaufmännische KollegInnen, die besonders in der aktuellen Situation von der Digitalisierung profitieren. So war es dank der kurz vor Ausbruch der Pandemie erfolgten Umstellung auf Digital Office möglich, quasi von heute auf morgen weltweit ins Home Office zu wechseln. Dies hat auch bei Hellmann einen Kulturwandel angestoßen und die Digitalisierung unserer Arbeitsweise enorm beschleunigt. Denn eine der zentralen Erkenntnisse der letzten Monate ist, dass virtuelle Zusammenarbeit tatsächlich funktioniert – global und abteilungsübergreifend. Sie ist nicht nur effizient, sondern auch kosten- und CO2-sparend. Somit hat die Pandemie in der Hellmann-Welt ein neues Verständnis für digitales Denken und Handeln herbeigeführt, was auch „nach Corona“ unsere Firmenkultur prägen und mobiles Arbeiten deutlich flexibler gestalten wird. Damit haben wir uns einen ganz anderen Zugang zum weltweiten Talent-Pool geschaffen und sind mit unseren flexiblen Arbeitsmodellen auch über unsere Standortgrenzen hinaus noch attraktiver geworden.

Weiterhin ist die Digitalisierung das Fundament von strategischen nachhaltigen Themen und Geschäftsmodellen, angefangen bei Messung des CO2-Ausstoßes, über die Optimierung der Wegstrecken bis zu innovativen Smart City-Konzepten. 

Das bundesweite Ergebnis bei der Selbsteinschätzung zum Stand der Digitalisierung liegt durchschnittlich bei 3 – auf einer Skala von 1 (voll entwickelt) bis 6 (wenig entwickelt). Warum werden digitale Technologien noch so wenig eingesetzt?

Stefan Borggreve: Ich glaube, dass der Wandel in Richtung Digitalisierung aus mehreren Gründen an der ein oder anderen Stelle noch etwas hakt. In erster Linie sind es die beteiligten Menschen, die sich oft schwertun, Prozesse, die sich über lange Zeit eingespielt und ja auch durchaus bewährt haben, zu hinterfragen und zunächst neu zu denken, um sie dann im zweiten Schritt auch neu aufzusetzen. Deshalb ist es aus unserer Erfahrung extrem wichtig, die MitarbeiterInnen von Anfang an eng einzubinden und den nötigen Kulturwandel als gemeinsamen Prozess zu gestalten. Also nicht jede Abteilung für sich, sondern im Großen denken, um dann ggfs. auch im Einzelfall entsprechende Lösungsansätze daraus zu generieren und so einen Kulturwandel im Unternehmen anzustoßen. Das bedeutet auch, dass die Digitalisierung nicht abgeschottet in einer „Digitalisierungs-Abteilung“ realisiert werden kann, vielmehr muss das Unternehmen direkt mitlernen. Durch einen offenen Dialog und abteilungsübergreifenden Austausch gepaart mit einer offenen Fehler-Kultur ist die Innovationsentwicklung meiner Erfahrung nach am erfolgversprechendsten.

Sind Sie der Meinung, dass die Politik die Digitalisierung in Unternehmen fördern und finanziell unterstützen soll? Was sind Ihre Vorschläge?

Stefan Borggreve: Um am Markt relevant zu bleiben, müssen sich insbesondere mittelständische Familienunternehmen mit Blick auf die Digitalisierung kontinuierlich weiterentwickeln. Viele Mittelständler haben für ihre Branchen zukunftsweisende innovative Ideen, können diese aber aufgrund mangelnder Ressourcen nicht in die Testphase bringen. Um innovative Projekte tatsächlich umsetzten zu können, setzen wir bei Hellmann beispielsweise auf die Zusammenarbeit mit Partnern aus der Gründerszene oder auch aus dem wissenschaftlichen Bereich. Um hier noch effizienter arbeiten und gute Ideen in der realen Welt ausprobieren zu können, wäre eine breit angelegte Förderung von ganzen Ökosystemen hilfreich, die gleichermaßen eine Infrastruktur bieten, aber auch Wissenstransfer und Netzwerke (wie z.B. Inkubatoren oder digitale Cluster) integrieren und abrufbar machen. Zudem halte ich es für existenziell, dass digitale Lehrinhalten auch in die Schulen integriert werden, denn sicher ist doch schon heute, dass keine Disziplin – in Wissenschaft und Wirtschaft – in Zukunft ohne Digitalisierung auskommen wird.

Wie es so schön heißt: „Die Digitalisierung ist gekommen, um zu bleiben“ bedeutet, dass Unternehmer/innen über eine gewisse „Veränderungsresistenz“ nachdenken sollten, um der Digitalisierung den Boden zu ebnen. Fühlen Sie sich da auch angesprochen?

Stefan Borggreve: Ein klares JA! Denn nichts ist so beständig, wie der kontinuierliche Wandel, der durch die Möglichkeiten der Digitalisierung in Gang kam. Es ist heute wichtiger denn je, sich ständig zu erneuern, um am Markt für die Kunden relevant und sichtbar zu bleiben. Daher ist es elementar, dass ein Wille zur stetigen Veränderung im Sinne einer Weiterentwicklung tief in der Firmen-DNA eines Unternehmens verankert ist. Das ist eine wichtige Basis, um zukünftig erfolgreich zu sein. Auch wir haben unseren Innovations- und Unternehmergeist in unserer Corporate DNA festgeschrieben. Wir wollen uns und unsere Prozesse im Sinne eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses immer wieder hinterfragen und haben damit auch der Digitalisierung unseres Unternehmens bereits maßgeblich den Boden ebnen können. Aber wir wissen, dass wir uns darauf nicht ausruhen dürfen, sondern agil weiter nach Verbesserungspotenzialen suchen müssen – so bleiben wir dynamisch und können unseren Kunden die Qualität liefern, die sie von uns erwarten. Gleichzeitig macht der rasant steigender Digitalisierungsgrad die Logistikbranche auch attraktiv für junge Menschen, die mit ihrem Know-How und ihrem frischen Blick eine echte Bereicherung sind.

Da die digitale Transformation die gesamte Wirtschaft vor unternehmerische Herausforderungen stellt, braucht es vielleicht einen Anreiz für Unternehmen, um im internationalen Vergleich schneller aufzuholen. Wie kann man das Tempo bei der Digitalisierung anziehen und die Kosten angemessen verteilen?

Stefan Borggreve: Die digitale Transformation ist meines Erachtens nach nicht nur eine Frage der Kosten, sondern vor allem eine Frage der Kultur. So sind doch vor allem die Menschen in einem Unternehmen, der maßgebliche Faktor dafür, wie wieviel Tempo ein Unternehmen geben kann. Dabei geht es um Agilität und Dynamik als ausschlaggebende Parameter, um in unserer schnelllebigen Welt mithalten und im besten Fall sogar einen Schritt voraus sein zu können. Das funktioniert nur mit einer Innovationskultur, die einerseits gut auf die Bedürfnisse der Kunden ausgerichtet ist und die gleichzeitig auf einer toleranten Fehlerkultur basiert. Nur wenn wir unseren Kolleginnen und Kollegen den Freiraum geben, Neues auszuprobieren und ggfs. aus Fehlern zu lernen, können Unternehmen wirklich Tempo gewinnen. Deshalb glaube ich nach wie vor, dass eine agile Kultur der größte Hebel ist, um erfolgreich digital durchzustarten und sich damit nachhaltig am Markt zu positionieren.

Herr Borggreve, vielen Dank für das Gespräch!

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