Timo Salzsieder: Der Fachkräftemangel im Bereich Digital ist eklatant

Timo Salzsieder ist CIO bei der METRO AG. Mit ihm sprechen wir über Digitalisierung sowie analoge Geschäftsprozesse.

Timo Salzsieder
© Jan Voth

Die Zurückhaltung gegenüber der Digitalisierung in deutschen Unternehmen hat neuesten Erkenntnissen des Digitalverbandes Bitcom gemäß seit Beginn der Corona-Krise 2020 nachgelassen. Der Nutzen von digitalen Prozessen scheint in den meisten Köpfen der Verantwortlichen angekommen. Sehen Sie das auch so?

Timo Salzsieder: Bei der METRO AG war das Bewusstsein für die Relevanz digitaler Prozesse bereits vor der Pandemie sehr ausgeprägt. Dabei kümmert sich METRO DIGITAL als IT-Bereich um alle digitalen Prozesse in 34 Ländern. Mit unserer Tochter Hospitality Digital haben wir eine Unit, die sich der Digitalisierung der Gastronomie widmet, um unsere Kernkundengruppe bei der voranschreitenden Digitalisierung zu unterstützen. Die Pandemie war aber sicherlich nochmal ein Booster in Sachen IT und Technik – sowohl für uns als Großhändler als auch für unsere Kunden. Ich denke, dass auch Post-COVID die Nachfrage, etwa im Bereich E-Commerce, annähernd gleichbleiben, wenn nicht sogar weiterhin steigen, wird. Immerhin hat sich das Nutzerverhalten in vielen Dingen geändert. Auch was die Gastro betrifft, erwarten wir eine viel digitalere Branche.

Wie lässt sich dieser Stimmungsumschwung erklären?

Timo Salzsieder: Durch die Pandemie waren wir beispielsweise gezwungen zumindest den Bürobetrieb nahezu vollständig auf digital umzustellen. Die METRO AG war bereits vor der Pandemie in der Lage komplett remote zu arbeiten, trotzdem war es für die gesamte Belegschaft schon eine sehr große Umstellung. Das Erleben, dass es digital jedoch auch geht – wenn auch der soziale Kontakt zu den Kollegen physisch ein anderer ist, das hat zum Umdenken geführt. Auch in der Gastro hat sich vieles getan. METRO hat mit Hochdruck an digitalen Lösungen gearbeitet, die unsere Kunden dabei unterstützen, in diesen Zeiten zum Beispiel durch ein Abhol- und Belieferungsgeschäft Umsatzverluste abzufedern. Eine solche Erfahrung prägt.

Analoge Geschäftsprozesse, so ist der Eindruck, behindern den digitalen Geschäftsalltag sogar. Ist diese Erkenntnis nur dadurch gereift, dass viele Mitarbeiter ins Homeoffice übergesiedelt sind?

Timo Salzsieder: So pauschal kann ich das nicht unbedingt bestätigen. Digitale Prozesse können, müssen aber nicht Prozesse vereinfachen. Aber das Arbeiten im Homeoffice hat sicherlich dazu beigetragen, dass die Akzeptanz zur Nutzung digitaler Tools zugenommen hat. Eben auch, weil es keine Alternativen gab. Zusätzlich bedingt die Digitalisierung nun auch einen erhöhten Schulungsaufwand hinsichtlich des sinnvollen Einsatzes und der Bedienung digitaler Werkzeuge. Wir erkennen, dass Digitalisierung teilweise auch eine Veränderung einzelner Geschäftsprozesse mit sich bringt. Oder dass die Mitarbeiter die Vorteile der Tools nicht voll ausschöpfen – etwa was das kollaborative Arbeiten betrifft, wie z.B. im virtuellen Raum gemeinsam an einem Dokument oder einer Präsentation zu schreiben.

Die Digitalisierung eröffnet nach Ansicht einiger CDU-Politiker auch neue Möglichkeiten im Klimaschutz. So gebe es viel Potenzial bei gemeinsam genutzten Büroflächen im ländlichen Raum. Ist an dieser Theorie etwas dran?

Timo Salzsieder: Die METRO AG ist im ländlichen Raum eher nicht vertreten, so dass wir hierzu keine Aussage treffen können. Wir stellen jedoch fest, dass neue Office-Konzepte Einzug halten. So testen wir bei METRO DIGITAL beispielsweise im städtischen Umfeld wie Berlin die Nutzung sogenannter Hubs, das sind kleinere Büroflächen, die für die Mitarbeiter einfacher zu erreichen sind. In Berlin, wo viele, teils internationale IT-Talente arbeiten haben wir einen solchen Hub eröffnet und bieten so unseren Mitarbeitern die Möglichkeit, auch aus Berlin heraus für METRO DIGITAL zu arbeiten. Und das funktioniert super.

Fachkräftemangel bremst offenbar ebenfalls die Digitalisierung, weil viele „kluge Köpfe“ in der Wirtschaft fehlen. Kann man diese Vakanzen nicht durch deutsche Experten auffüllen?

Timo Salzsieder: Der Fachkräftemangel im Bereich Digital in Deutschland ist eklatant. Auch wir haben noch Bedarf an IT-Fachkräften. Entsprechend haben wir ein internationales Recruiting aufgebaut, das entweder neue Kollegen für Deutschland anwirbt oder alternativ Remote-Arbeiten als Option anbietet. Erstaunlicherweise gibt es aber auch vermehrt den Wunsch unserer lokalen Mitarbeiter, die bisher an deutschen Standorten tätig waren, vom Ausland aus zu arbeiten. Hier hat der Gesetzgeber noch Nachholbedarf, da dies steuerlich zum Nachteil der Mitarbeiter – und damit auch der Firma – nicht vernünftig abbildbar ist.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass nur noch 64 Prozent der Entscheider in die digitale Fort- und Weiterbildung ihrer Beschäftigten investieren – nach 70 Prozent im Vorjahr?

Timo Salzsieder: Wir können in unserem Umfeld keinerlei Veränderung im Bereich Weiterbildung von Mitarbeitern erkennen. Grundsätzlich spielt Weiterbildung für uns eine enorm wichtige Rolle und dies betrifft neben digitalen Angeboten auch eine Vielzahl anderer Themen, wie z.B. Kommunikation und Leadership, um hier nur zwei zu nennen.

Herr Salzsieder, vielen Dank für das Gespräch!

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