Bernd Krause: Die Schere geht immer weiter auseinander

Bernd Krause ist Versicherungsmakler im Familienunternehmen Der Fairsicherungsladen GmbH in Karlsruhe. Mit ihm sprechen wir über gesetzliche Krankenversicherung, Rekordverlust sowie Defizite der Vergangenheit.

Bernd Krause

Bei den GKV’s wird ein Rekordverlust von annähernd 16 Mrd. Euro Fachleute schätzen, dass dieser Wert auf 26 Mrd. Euro steigen wird. Was sind die Gründe?

Bernd Krause: Bereits in 2019 hatten die gesetzlichen Krankenversicherungen einen Rekordverlust, was eigentlich nichts neues ist, da ja bereits die normalen gesetzlichen Krankenkassenbeiträge um den individuellen Zusatzbeitrag erweitert wurden. Dass es den gesetzlichen Krankenversicherungen schlecht geht, ist damit also weder ein Geheimnis noch etwas Neues. Die Defizite der Vergangenheit sind denke ich vor allem geschuldet der Einzahlung nach Leistungsfähigkeit, sprich Gehaltsorientiert, in Kombination mit der Demografie. Die Geburtenstarken Jahrgänge der 60er Jahre sind an Personenzahl ungefähr ein Drittel der versicherten Personen und gehen seit dem Jahr 2019 sukzessive in Rente. Da die gesetzlichen Renten niedriger sind als Arbeitseinkünfte, kommt es also zu weniger Einzahlungen in die gesetzlichen Krankenversicherungen. Die Einnahmeseite der gesetzlichen Krankenversicherungen sinkt also massiv und das wird noch weiter gehen. Dem gegenüber steht, dass junge Menschen statistisch weniger Kosten für die Krankenkassen verursachen als alte Menschen. Auch das ist denke ich kein Geheimnis. Die Ausgabenseite der Krankenkassen steigt damit absehbar, weil wir immer mehr Rentner und damit Leistungsbezieher bekommen, kombiniert mit der immer längeren Lebenserwartung. Wie heißt es so schön: Die Schere geht immer weiter auseinander.

Außerdem: Die anstehenden Verluste sind erwartet wegen der bisher unklaren Kosten, die durch die Corona-Pandemie ausgelöst werden. Covid-Tests, Behandlungen von Erkrankten, Impfungen und Weitere werden zusätzlich zu Buche schlagen.

Es wird der Ruf laut nach Geldern aus Steuermitteln. Was halten Sie von dem Vorschlag?

Bernd Krause: Da der Gesetzgeber bisher beschlossen hat, die Sozialabgaben auf Gehälter bei 40% zu deckeln, worunter auch die Krankenkassenbeiträge fallen, bleibt lediglich die Bezuschussung aus dem Bundeshaushalt, sprich eine Subventionierung über Steuern. Damit würde es, wie bei der Rentenversicherung bereits seit Jahren der Fall ist, also einfach über unser aller Steuern ausgeglichen. Das Kritische dabei ist, dass unsere Regierung damit lediglich Zahlungsströme verändert und immer unübersichtlicher wird, aus welchen Quellen eigentlich welche staatlichen oder eben auch sozialen Leistungen bezahlt werden. Um einen Vergleich zu schaffen: Jedes Unternehmen in Deutschland muss Bilanzieren und seine Einnahmen und Ausgaben in einer Gewinn- und Verlustrechnung im Auge behalten. Jeder Normalbürger versucht, möglichst wenig oder keine Schulden zu machen und seine Ausgaben den Einnahmen anzupassen. Unsere Staatskasse dagegen verhält sich wie ein Konsument, der wenn die eine Kreditkarte am Limit ist einfach versucht, eine neue von einer anderen Bank zu bekommen. Das latente Risiko dabei sehen wir darin, dass sowohl die Krankenkassen als auch die Haushaltskasse unseres Staates immer weiter überfordert werden. Auch vor Corona zeichnete sich das bereits ab, nicht um sonst gibt es bereits die kassenindividuellen Zuschläge.

Sind auch die PKV-Anbieter betroffen?

Bernd Krause: Um diese Frage zu beantworten und ohne zu tief in die Materie gehen zu wollen, die privaten Krankenversicherungen kalkulieren ganz anders als die gesetzlichen Krankenversicherungen. Die gesetzlichen Krankenversicherungen erheben einen Beitrag vom Einkommen, also je nachdem, was der Bürger leisten kann, und geben es im Umlageverfahren wieder aus.  Die Grundkalkulation der privaten Krankenversicherungen ist darauf ausgelegt, das individuelle Risiko jedes Einzelnen zu berücksichtigen. Man stelle sich dazu vor, dass jeder Mensch rein statistisch über seine durchschnittliche Lebensdauer bis zum 85. Lebensjahr rein medizinische verursachte Kosten von sagen wir 100.000 Euro benötigt. In einer privaten Krankenversicherung würde also berechnet, dass wenn eine 25 Jahre alte Person in die PKV geht, der PKV-Beitrag bei 138 Euro liegen müsste, bei einer 45 Jahre alten Person bereits bei 208 Euro. Das ist der Beitragsteil 1. Teil 2 ist: Hinzu kommen Beitragsanteile, die das jeweilige Leistungsspektrum der Krankenversicherung bzw. der einzelnen Tarife berücksichtigen. Zu guter Letzt als Teil 3 noch die Gesamtkalkulation, sprich alle Kunden in einem Tarif bei einer Krankenversicherung müssen auch genug einzahlen, damit für die Kranken die Gesamtkalkulation stimmt und genug Geld reinkommt.

Und jetzt zurück zum Eingang, wenn einer dieser drei Teile sich verändert, kommt es zu den sogenannten Beitragsanpassungen. Tatsächlich sind viele Tarife bei den privaten Krankenversicherungen in den letzten Jahren weniger stark gestiegen als die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung, was insbesondere Gutverdiener und Beamte spüren. Es kommt aber elementar darauf an, bei welcher Krankenversicherung und auch in welchem Tarif dort. Es ist definitiv nicht jede private Krankenversicherung pauschal zu empfehlen.

Dass wegen Covid bisher weitere Beitragsanpassungen anstehen, lässt sich bisher nicht sagen, zeichnet sich aber auch nicht ab. Laut dem PKV-Verband/Verband der privaten Krankenversicherungen liegen die Mehrausgaben im Verhältnis zu den bei den gesetzlichen erwarteten 16,6 Milliarden bei „nur“ 1,1 Milliarden in 2020 und im ersten Halbjahr 2021 noch einmal 650 Mio. Gesamt 1,7 Milliarden. Dementsprechend ist die Beitragserwartung für die PKV deutlich entspannter.

In welchen Fällen, würden Sie einem Menschen raten, von der gesetzlichen in die private Krankenversicherung zu wechseln?

Bernd Krause: Eine Pauschalaussage wäre an dieser Stelle falsch, richtiger ist die Unterscheidung in Berufsgruppen. Ein weiterer Punkt wäre die familiäre Situation oder deren Planung, auf die ich hier zur Vereinfachung nicht eingehe. Ebenfalls zu berücksichtigen ist die individuelle Finanzplanung und zu erwartende Einkommenssituationen in der Zukunft. Kardinalsfehler ist leider immer wieder, rein situativ einen Wechsel anzustreben und nicht strategisch zu durchdenken, ob in 10 oder 20 Jahren die PKV zur Lebensplanung passt. In der Beratung merken wir immer wieder, dass diese Gedanken zur Beurteilung enorm wichtig und individuell sind.

Grundsätzlich kann ein Wechsel in die PKV in der Regel für Beamte und dann auch gutverdienende Ehepartner von Beamten der richtige Schritt sein, um sich von den Beiträgen her besser zu stellen als in der gesetzlichen und auch das eigene Versorgungsniveau zu erhöhen. Gerade Beamte je nach Laufbahn und Bundesland erfahren in dem Systemwechsel eine positive Veränderung. Angestellte sind weitaus kritischer zu betrachten, hier stehen oftmals die Ersparnisgründe im Vordergrund, die langfristige Sinnhaftigkeit eines Wechsels richtet sich aber nach anderen Faktoren wie eben denen der Einkünfte, Rente, KvdR. Grundsätzlich sollten Angestellte ein gutes Stück über der Jahresarbeitsentgeltgrenze liegen, bevor ein Wechsel erwogen wird und nicht nur, weil man auf einmal wechseln könnte.

Selbstständige und Freiberufler wechseln erfahrungsgemäß aus Kostengründen in die PKV, was in manchem Fällen geht und Sinn macht. Bei vielen wird dabei leider auch oft nicht gesehen, dass ein zu billiger Krankenversicherungsschutz eben im Zweifel bzw. in einigen Jahren auch billig leisten würde, wenn doch mal eine schwerwiegende Erkrankung kommt wie Schlaganfall oder Herzinfarkt. Allein Leistungen für Reha und Medikamente unterscheiden sich bei den Privaten bereits. Außerdem sollten auch hier die Einkünfte nachhaltig sein sowie die Finanzplanung für die Rente, damit nicht irgendwann die Finanzierbarkeit der privaten Krankenversicherung in Frage gestellt wird.

Eine Pauschalaussage ist damit nicht machbar, ich hoffe aber einen Eindruck gegeben zu haben, wie individuell die Fragestellung ist und welche positiven Merkmale für einen Wechsel sprechen können.

Während Deutschland altert und länger lebt zahlen immer weniger ArbeitnehmerInnen ein. Was bedeutet diese Entwicklung für die GKV?

Bernd Krause: Das ist einer der Punkte, warum es den gesetzlichen Krankenkassen so schlecht geht. Angelehnt an Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen: Demografie, also Bevölkerungsentwicklung, ist keine Zukunftsforschung, sondern alle, die heute in die Statistik einfließen, kennen wir schon, denn sie wurden schon längst geboren. Wir wissen also eigentlich seit 67 Jahren, dass die Babyboomer-Generation ab 2020 in Rente geht, das betrifft Beamte und Angestellte in gleichem Maße. Und alle, die heute alt genug sind, um einen Beruf zu ergreifen oder bereits berufstätig sind, kennen wir auch schon. Und zwar seit mindestens 18 Jahren, wenn wir davon ausgehen würden, dass 18-jährige bereits Einkommen erzielen und damit zu Einzahlern werden.

Dass es also sowohl in der Rentenkasse, die bereits massiv staatlich quersubventioniert wird, als auch in der gesetzlichen Krankenversicherung zu immer mehr Leistungsbeziehern bei gleichzeitig geringeren Einzahlungen (Rente ist niedriger als das vorherige Arbeitseinkommen) kommt, ist also seit mindestens 18 Jahren bereits klar, wenn man es böse ausdrückt, seit 67 Jahren. Wir als Finanzberater wurden jahrelang als die Unkenrufer dargestellt, während die Politik die absehbaren Probleme weiter aufgeschoben hat.

Vermutlich wird uns allen also nichts anderes übrigbleiben, als mehr in die gesetzliche Krankenkasse einzuzahlen, egal ob über Steuern oder mit direkten Beiträgen. Oder die Leistungen der gesetzlichen Kranken- und Rentenversicherungen werden in Zukunft eingeschränkt werden müssen.

Herr Krause, vielen Dank für das Gespräch!

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