Felix Senkler: Der Selbständige muss seine Kosten komplett allein tragen

Felix Senkler ist Inhaber der LVL-Finanzberatung in Frankfurt am Main. Mit ihm sprechen wir über Altersvorsorgepflicht für Selbständige, Solo-Selbständige sowie die Idee eines gemeinsamen Rententopfs.

Die Idee der Altersvorsorgepflicht für Selbständige ist nicht neu. Was halten Sie davon?

Felix Senkler

Felix Senkler: Das Thema betrachte ich mit gemischten Gefühlen.  Wenn man hier Fakten betrachtet, stellt sich eher die Frage, warum das Thema immer wieder pünktlich zum Wahlkampf aus der Kiste geholt wird. Faktisch sind rund 12-15% der Selbständigen von Altersarmut bedroht. Demgegenüber stehen 48% der gesetzlich Versicherten Arbeitnehmer!* Mein Schwerpunkt würde also woanders liegen. Ich würde als Selbständiger auch immer eine private Altersvorsorge vorziehen als eine verpflichtende Einzahlung in ein Rentensystem, was dringend reformiert gehört. Man kann auch umgekehrt fragen: Verschärfe ich das Problem nicht dadurch, dass ich selbständige zwinge, in ein vermeintlich schlechteres System einzuzahlen und ggfs. auch weniger Rente zu erhalten, verbunden mit weniger Flexibilität und weit weg von Renditechancen, die aber durch die andauernde Niedrigzinsthematik unerlässlich sind. Ich würde es hier begrüßen, wenn Selbständige die Art der Vorsorge wählen können – der Markt bietet in Deutschland hervorragende Möglichkeiten dazu – insbesondere im Bereich der Basisrenten oder der bAV. Es ist auch davon auszugehen, dass mit den Beiträgen der Selbständigen die Grundrente mitfinanziert werden soll. Hier wird der Eindruck von Seiten des Herrn Ministers Heil geweckt, dass die Selbständigen davon profitieren. Die meisten werden allerdings niemals in den „Genuss“ der Grundrente kommen, denn sie sorgen oftmals schon lange privat vor und kommen nicht mehr auf die benötigten 35 Jahre Beitragszahlung.

Selbständige bezahlen deutlich höhere Beiträge an die Kranken- und Pflegeversicherung als Arbeitnehmer mit vergleichbarem Einkommen. Woran liegt das?

Felix Senkler: Wenn man den Sachverhalt einfach betrachten möchte, ist hier sicher mit ausschlaggebend, dass der Selbständige keine Zuzahlung des Arbeitgebers hat, demnach seine Kosten komplett allein tragen muss. Hinzu kommt aber auch, dass hier anders kalkuliert wird. Junge Selbständige, die früh in die PKV wechseln, zahlen weniger Beitrag, für ältere kann es teurer werden. Oft muss man auch vergleichen, ob sich der Wechsel lohnt oder der „freiwillige“ Verbleib in der GKV. So ganz pauschal kann man die Frage aus meiner Sicht nicht beantworten.

Wenn die Altersvorsorgepflicht auch auf Selbständige ausgeweitet wird: Was bedeutet das für Solo-Selbständige?

Felix Senkler: Das wird auf das Konzept ankommen – sicherlich eine Umstellung und für manchen Solo – Selbstständigen, der finanziell weniger gut aufgestellt ist, auch eine Belastung. Wenn wir hier davon ausgehen, dass sich die Rürup-/Basisrente durchsetzt, profitieren die Geringverdiener auch kaum von den steuerlichen Vorteilen.

Wie soll die Altersvorsorgepflicht ausgestaltet, wie versorgt werden?

Felix Senkler: Wünschenswert wäre es, dem ganzen Thema mehr Struktur zu geben und die Komplexität rauszunehmen. Leider fehlt unseren Politikern der Mut für eine grundlegende Reform. Wir könnten hier relativ einfach nach Österreich schauen – dort existiert eine kluge Rentenpolitik. Bereits 2004 wurde durch das „Pensionsharmonisierungsgesetz“ die Gleichbehandlung der Beitragszahler hergestellt. Dies wäre ein System, auf das man aufbauen kann, und für Deutschland auch in großen Teilen adaptieren könnte. Wünschenswert wäre aus meiner Sicht ein System, in das alle einzahlen als „Grundversorgung“. Das wäre deutlich gerechter – wie erklären Sie denn einem Arbeitnehmer, dass ein Beamter nach 40 Dienstjahren Anspruch auf 71,75% der Bruttobezüge erhält – berechnet nach den letzten 2 Dienstjahren vor dem Ruhestand? Der Arbeitnehmer arbeitet 40 Jahre durch, und muss erstmal prüfen, wieviel Entgeltpunkte er erwirtschaftet hat. In Zahlen: die durchschnittliche gesetzliche Rente beträgt rund 1087 Euro (Stand 01.07.2020), die durchschnittlichen Pensionen belaufen sich auf rund 2600 Euro.**  Auf der dann geschaffenen Grundlage kann jeder individuell Altersvorsorge betreiben – hier ist eine gute und unabhängige Beratung unerlässlich, denn jeder hat auch eine individuelle Bedarfssituation und eine bestimmte Vorstellung wie die zusätzliche Altersvorsorge dann aufgebaut sein soll.

Was wären die Alternativen dazu? Ein gemeinsamer Rententopf für Angestellte und Selbständige?

Felix Senkler: Provokant formuliert und sicherlich sehr einfach betrachtet:

Aus meiner Sicht ja – es sollte einen gemeinsamen Rententopf geben, allerdings unter der unter Frage 4 genannten Voraussetzung, dass wir hier eine vernünftige Grundlage herstellen. Es bringt nichts, weiterhin Beiträge in ein nicht mehr zukunftsfähiges und hochbürokratisches System zu investieren wie die gesetzliche Rentenversicherung. Es gibt global betrachtet sehr viele positive Beispiele, wie ein gutes und gerechteres Rentensystem aufgebaut sein kann  – auch ganz in der Nähe (Schweden, Belgien, Dänemark…) – es muss nur endlich mal angegangen werden!

Herr Senkler, vielen Dank für das Gespräch!

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