Frank Walter: Ein Schutz vor solchen Angriffen wird schwierig sein

Frank Walter ist Geschäftsführer Erste Finanz- und Vermögensberater efv GmbH in München. Mit ihm sprechen wir über „Pump and Dump“, Kursbewegungen sowie die GameStop-Aktie.

Eine Community auf Reddit hat für Turbulenzen bei der GameStop Aktie gesorgt. Wird die Börse durch das Ereignis „GameStop“ mehr und mehr zum Casino?

Frank Walter

Frank Walter: Das ist keine neue Erfahrung: Solche Marktanomalien häuften sich in den letzten Monaten spürbar. Der Risikoappetit vieler (vor allem Klein-)Anleger ist seit Ausbruch der COVID-19 Krise stark gestiegen. Solche fundamental unbegründeten und übertriebenen Kurssteigerungen von bis zu 1.500% fanden jedoch nicht nur erst seit GameStop statt. Die Methode, viele „Kleinanleger“ bei marktengen Titeln in einer Weise zu benutzen, dass allein die schiere Menge an Kleinstordern zu Kurssprüngen führt, hat sich 2007 ja bereits Markus Frick über seinen Börsenbrief zu eigen gemacht und ihn für zweieinhalb Jahre hinter Gitter gebracht. „Pump and Dump“ bezeichnet man diese Marktmanipulation mit gering kapitalisierten Titeln (Penny Stocks). Ähnliche Kursbewegungen verzeichneten die US-Kinokette AMC oder jüngst auch die deutsche Windeln.de AG. Vor allem bei stark leerverkauften Aktien spekulierten Marktteilnehmer auf weitere Short Squezes. Insgesamt kann man daher durchaus behaupten, dass der Markt – zumindest in gewissen Teilbereichen – mehr und mehr einem Casino ähnelt. Das gilt umso mehr, als dass „nebenbei“ damit auch große Investoren, wie Hedgefonds damit „geärgert“ werden sollen…

Sind Neotrader für diese Entwicklungen mitverantwortlich?

Frank Walter: Neotrader (häufig die jungen Anleger mit hoher Affinität zu elektronischen Lösungen – die sog. „Generation Y“ oder „Millenials“) sind für diese Entwicklung zumindest mitverantwortlich. Aber es wird ihnen auch leicht gemacht: über einen einfachen Zugang mittels Handyklick bei zugleich vermeintlich „kostenlosem“ Aktienhandel bei einer der vielen, untereinander in enormem Wettbewerb stehenden Tradingplattformen wie Robinhood oder Reddit, steigt die grundsätzliche Bereitschaft, mit kleinem Geld „mal eben“ so eine Wette einzugehen. Neu dabei ist, dass heute alleine das autarke Zusammenwirken vieler Klein- und Kleinstanleger via sozialer Medien gar keinen einzelnen „Schuldigen“ mehr hat. Zudem bieten entweder gehebelte Produkte oder der mit Fremdkapital die Kurseffekte pushende Wertpapierkredit einen zusätzlichen Anreiz. Wenn das die „großen, bösen Hedgefondsmanager“ machen, steht die Börsenaufsicht sofort wegen Marktmanipulationsverdacht auf dem Plan. Aber dieser Schwarm-Manipulation vieler Kleiner stehen die Regulatoren fast machtlos gegenüber.

Wie realitätsnah ist der Wert der Aktie in Relation zu dem Unternehmen GameStop und was fängt das Unternehmen mit dem Erfolg jetzt an?

Frank Walter: Der aktuelle Börsenwert des ehemaligen Videospielehändlers GameStop ist fernab jeglicher bilanziellen Realität: Das Unternehmen präsentiert sich derzeit als ein ehemaliger stationärer Game-Retailer, der verstärkt in das Online-Geschäft investiert und zu diesem Zweck auch ehemalige Mitarbeiter der großen Techriesen anheuert. Der Markt für den Online-Vertrieb von Spielen ist natürlich groß und dementsprechend auch die Fantasie; zudem expandiert das Unternehmen auch noch in den Bereich der Kryptowährungen.

Nüchtern betrachtet ist GameStop jedoch immer noch ein stationärer Game-Retailer mit mehr als 7000 Filialen und einem kleinen Onlinegeschäft, welches mit Branchengrößen wie Steam, Epic, PS-Store etc. konkurrieren muss. Während das Unternehmen 2011 noch etwa 11 Mrd. USD Umsatz (Nettogewinn etwa 0,4 Mrd. USD) erzielte, setzte das Unternehmen 2021 nur noch 5 Mrd. USD um und erwirtschaftet seit 2019 keinen Nettogewinn mehr. Die Aktie legte im gleichen Zeitraum hingegen mehr als 700% zu. Dass eine solche Entwicklung kein rationales Bewertungsniveau mehr widerspiegeln kann, liegt auf der Hand.

Man muss dem Unternehmen jedoch zugutehalten, dass es diese Entwicklung positiv zu nutzen weiß. Im Juni emittierte man etwa 5 Millionen Aktien und nahm so etwa 1,1 Mrd. USD ein. Das entspricht der doppelten Marktkapitalisierung vom Oktober 2020.

Wird das Phänomen „GameStop“ ein einmaliges Ereignis bleiben, oder kann man davon ausgehen, dass über das Ereignis hinaus mit weiteren Aktien spekuliert wird?

Frank Walter: Wie aktuell schon nachzuvollziehen, wird bereits nach dem gleichen Muster mit den Aktien anderer Unternehmen spekuliert. Beispielsweise weist der Kinoveranstalter AMC (Kursplus seit einem Jahr +1.000%) heute eine Marktkapitalisierung von etwa 24 Mrd. USD auf. Man kann an den Kennzahlen sehr gut nachvollziehen, warum dieses Feld der „Investition“ nichts für Anleger ist, die eine Anlageentscheidung auf der Basis qualifizierter Unternehmensdaten treffen: Mit einem aktuellen Umsatz (März 2021) von US$ 148 Millionen, einen Nettoverlust von US$ 557 Millionen zu produzieren, ist in Zeiten von Covid19 in Anbetracht der Streaminganbieter-Konkurrenz wie Netflix und Amazon ja noch erklärbar. Aber ein Kursverlauf von US$ 1,91 auf mehr als US$ 72 ist schlicht das Ergebnis einer Spekulation. Und obwohl jeder Rakete irgendwann einmal der Sprit ausgeht, können wir erwarten: Solange mittels solcher Aktien Geld verdient werden kann und der Markt seinen positiven Trend beibehält, ist davon auszugehen, dass auch weitere Unternehmen ins Visier der Neotrader geraten. Aber ich bin davon überzeugt, dass das nur so lange gut geht, wie der bestehende Hype anhält und neue, unerfahrene Investoren existieren, die laufend einsteigen und damit eine „enge“ Aktie zu immer höheren Preisen kaufen. Dann gibt es zwar einige wenige, die mit diesen Trades Geld verdienen, aber viele andere haben das Nachsehen und verlieren Geld.

In was für eine Situation werden große Hedgefonds durch die „Online-Investment-Allianz“ aus dem Netz gebracht?

Frank Walter: GameStop hat gezeigt, welche drastischen Auswirkungen die koordinierte Börsenmanipulation und die Kursverwerfungen für Hedgefonds haben können. Diese Absprachen dienen der Marktmanipulation und sind daher illegal. Gerüchten zufolge verloren Hedgefonds, welche GameStop Aktien leerverkauften, mehr als 20 Mrd. USD. Während z.B. Melvin Capital „nur“ eine stabilisierende Finanzspritze benötigte, kündigte Citron Research sogar an, das Leerverkaufen von Aktien aufzugeben. Die Beispiele zeigen, dass organisierte Privatanleger durchaus ein Problem für die großen Hedgefonds werden können, sofern sie sich auf kleinere und/oder illiquide Unternehmen fokussieren.

Aber Achtung: wo ein Hedgefonds Milliarden verliert, gewinnt an der Börse oftmals ein anderer, nämlich der, der die Gegenposition einnimmt. Dass nur Privatanleger die Gegenposition einnehmen, ist leider unrealistisch. Daher ist auch für mich heute – zum Zeitpunkt dieses Interviews – vollkommen klar: das ist ein Feld, das in unserer Beratungspraxis und unserer Vermögensverwaltung aufgrund der Irrationalität keine Berücksichtigung findet.

Können sich Hedgefonds und investierende Firmen oder Privatanleger vor solchen Angriffen schützen? Wird jemand in der Lage dazu sein Widerstand zu geben?

Frank Walter: Ein Schutz vor solchen Angriffen wird schwierig sein. Strafbar ist nur die „Verabredung“ zu einer konzertierten Aktion. Der Kauf der Aktie mit entsprechend kursmanipulativer Wirkung jedoch nicht. Da vor allem die „Gier“ in Phasen allgemeiner Börseneuphorie immer wieder ihre Wirkung erzielt, wird es nach meiner Überzeugung immer wieder „Opfer“ geben, die bereit sind mit aller Gewalt auf diese fahrenden Züge aufzuspringen – stets mit dem fraglichen Genuss eines (finanziellen) Schädelbruchs.

Für Hedgefonds, welche Aktien leerverkaufen wollen, ist es ratsam sich auf höher kapitalisierte Unternehmen zu konzentrieren. Alternativ sollten sie den Leverage und die Positionsgröße begrenzen. Eine Regulierung der „Reddit- und Robinhood-Trader“ ist natürlich denkbar und nachvollziehbar, zumal das Zusammenschließen und kumulierte Agieren tatsächlich den Beigeschmack einer Kursmanipulation haben. Eine Frage der Durchsetzbarkeit ist jedoch, ob eine Regulierung auf Ebene der Social-Media-Plattform oder der Trading-Plattform sinnvoll ist. Klar ist wie immer: An der Börse wird in solchen Fällen kein Geld gedruckt. Das Geld, was die einen verdienen wollen, müssen andere verlieren. Das ist ein verurteilungswerter Missbrauch. Im Großen und Ganzen geht es also nicht um David gegen Goliath, sondern darum, unerfahrene Anleger vor dem Treiben erfahrener zu schützen, denn irgendwann wird auch die Bewertung von GameStop wieder rational.

Herr Walter, vielen Dank für das Gespräch!

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