Guido Barthels: Negativzinsen und ihre Bedeutung

Guido Barthels ist Senior Portfolio Manager bei der TBF Global Asset Management GmbH in Bad Homburg. Mit ihm sprechen wir über Negativzinsen, Strafzinsen sowie die Euroschuldenkrise 2011.

Guido Barthels

Was sind Negativzinsen und warum gibt es sie?

Guido Barthels: Seit den Turbulenzen an den Finanzmärkten nach der Großen Finanzmarktkrise im Jahr 2009, wo viele Staaten massive Schulden aufgehäuft haben, um ihre nationalen Bankensysteme zu retten, hat es wenige „normale“ Jahre gegeben. Die Euroschuldenkrise im Jahr 2011 hat zu einem massiven Erstarken der Zentralbanken geführt. Mario Draghis „whatever it takes“ im Sommer 2011 führte in letzter Konsequenz zu den aktuell zu beobachteten negativen Zinsen an den Finanzmärkten, da die Zentralbanken ihr Mandat erweiterten zur Zinskontrolle an den Kapitalmärkten. Die Juristen stritten und streiten auch weiterhin, ob die aktuelle Zinspolitik vor allem das Anleihekaufprogramm nicht den Rahmen des Mandats der EZB sprengen. Ohne gleich als Verschwörungstheoretiker zu gelten, lässt sich feststellen, dass wir zurzeit eine massive finanzielle Repression erleben, ob gewollt oder auch nur zufällig. Staaten können sich in Zeiten von hohen negativen Realzinsen über Zeit entschulden, ohne dass tatsächlich gespart werden muss. Negative Einlagezinsen als ein Indiz der ultralockeren Geldpolitik tragen dazu bei, dass die aktuell zu beobachteten hohen Inflationsraten überhaupt erst zustande kommen. Üblicherweise müsste die Zentralbank die Leitzinsen anheben, um Geld zu verteuern und damit den wirtschaftlichen Aufschwung abzubremsen. Dies würde zu einer Stabilisierung der Preisentwicklung führen. Die erhöhten Inflationsraten führen normalerweise auch zu höheren Kapitalmarktzinsen. Aber auch dieses regulierende Gleichgewicht (höhere Kapitalmarktzinsen => höhere Fremdkapitalkosten => geringeres Wachstum => nachlassenden Preisdruck) ist durch die Zentralbankkäufe der Anleihen außer Kraft gesetzt.

In der Folge haben wir deutlich negative Realzinsen nicht nur bei den kurzfristigen Einlagen, sondern auch vor allem bei den länger laufenden Schuldverschreibungen an den Kapitalmärkten. Die ursprüngliche Intention der Zentralbanken, die wirtschaftliche Entwicklung wieder so zu verstärken, dass wir eine deutliche Erholung an den Arbeitsmärkten sehen können, ist in weiten Teilen bereits erfolgt. Das aktuelle Festhalten an den Negativzinsen und den Anleihenkäufen verleitet Unternehmen wie auch Nationalstaaten dazu, sich über die Maßen zu verschulden.

Warum berechnen einige Banken ihren Kunden Negativzinsen?

Guido Barthels: Banken befinden sich in einer Zwickmühle. Zum einen sind die Eigenkapitalanforderung an ihre üblichen Bankgeschäfte über die letzten Jahre deutlich erhöht und damit verteuert worden, während zum anderen Einlagen bei der EZB mit einem Strafzins versehen werden. Sie müssten also einerseits Kundeneinlagen in Form von Krediten vergeben, also das ursprüngliche Bankgeschäft, andererseits sind die Kapitalrichtlinien so restriktiv, dass es sich kaum lohnt. Die in der Vergangenheit übliche und lukrative Fristentransformation, also kurzes Geld leihen und langes Geld verleihen, ist aufgrund der manipulierten Renditekurvenstruktur auch kaum mehr möglich. Daher bleibt den Banken kaum etwas anderes übrig, als die Strafzinsen der Zentralbank zumindest zum Teil an ihre Kunden weiterzugeben.

Die Debatte um „Strafzinsen“ wird intensiv geführt. Wer muss eigentlich Negativzinsen zahlen und warum?

Guido Barthels: Siehe oben.

Gibt es politischen Widerstand gegen einen Negativzins?

Guido Barthels: Viele Verbände klagen über die negativen Realzinsen, da sie unter anderem sämtliche Alterssicherungssysteme, die auf Ansparen beruhen, ad absurdum stellen. Von den Parteien ist hier und da vereinzelt Kritik zu vernehmen, aber man kann es nicht bestimmten Parteien zuordnen, was etwas verwunderlich ist. Gerade die ultralockere Geldpolitik, die ihrerseits Inflation fördert, ist eine äußerst unsoziale Politik, die hauptsächlich die wirtschaftlich Schwächsten der Gesellschaft trifft. Hohe Konsumpreissteigerung treffen vor allem die, die nicht sparen können, sondern deren Gesamteinkommen dem Lebensunterhalt dient. Die Wohlhabenden partizipieren über ihre Investitionen an der Güterpreisinflation an den Aktien- und Immobilienmärkten. Dies führt in Folge zu einer deutlichen Ausweitung der Ungleichgewichte der Einkommen, aber vor allem der Vermögen. Warum hier die vermeintlich progressiven Parteien nicht stärker protestieren, entzieht sich meinem Verständnis.

Banken waren in den vergangenen Jahren aktiv, wenn es darum ging, neue Entgelte zu erschaffen. Gibt es einen Verbraucherschutz, bzw. wie kann die Einzelperson sich vor Negativzinsen schützen?

Guido Barthels: Bankkunden sollten zuallererst mit ihren Bankberatern reden, um die Fakten zu klären. Da alle Banken sehr unterschiedlich vorgehen, ist es oft so, dass Negativzinsen erst ab einer gewissen, oft sehr hohen Einlagesumme berechnet werden. Des weiteren ist es für die allermeisten Bankkunden wenig sinnvoll, hohe Barbestände auf ihren Konten zu halten, da selbst ohne Negativzinsen, die Inflation einen beträchtlichen Teil der Kaufkraft verzehrt. Vielmehr sollten die Kunden in einem Beratergespräch klären, ob eventuell ein Fondssparprodukt das bessere Mittel der Wahl sein könnte, sich gegen die Inflation und Negativzinsen zur Wehr zu setzen.

Herr Barthels, vielen Dank für das Gespräch!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.