Kai Hattwich: Es ist schwer, die Spreu vom Weizen zu trennen

Interview mit Kai Hattwich
Kai Hattwich ist Experte Nachhaltige Geldanlagen bei der Quirin Privatbank AG. Mit ihm sprechen wir über nachhaltige Geldanlagen, den Umweltgedanken sowie klassische Kapitalanlagen.

Welche Investitionen sind umweltfreundlich und was zählt zu nachhaltigen Geldanlagen?

Kai Hattwich: Das Angebot an umweltfreundlichen Geldanlagen am Markt ist groß und wird jeden Tag größer. Das ist grundsätzlich natürlich sehr erfreulich, macht es aber Anlegern schwer, die Spreu vom Weizen zu trennen. Denn es gibt erhebliche Qualitätsunterschiede bei den angebotenen Produkten. Zudem existiert keine allgemeinverbindliche Definition dessen, wie eine umweltfreundliche Anlage konkret beschaffen sein und was sie leisten muss. Stattdessen werden verschiedenste Anlagemöglichkeiten als nachhaltig verkauft. Dazu zählen Beteiligungen an Windkraftanlagen, grüne Anleihen, ökologische ETF, Öko- oder Impact Fonds sowie einzelne Aktien nachhaltiger Unternehmen. Was man aber auf jeden Fall auch sagen kann: Nachhaltigkeit geht heute grundsätzlich deutlich über das Thema „Umweltfreundlichkeit“ hinaus. Auch soziale Themen haben einen deutlichen Einfluss auf das Leben aktueller und künftiger Generationen. Insbesondere im Kreise der etablierten Nachhaltigkeitsfonds werden sehr puristische Ansichten vertreten, wenn es um die Frage geht, was nachhaltig oder umweltfreundlich ist. Das Ergebnis sind häufig risikoreiche Anlagen, die deutliche Schwerpunkte in einzelnen Branchen aufweisen.

Der Umweltgedanke wird in vielen Bereichen immer wichtiger. Welche Rolle spielt der Klimaschutz bei Geldanlagen?

Kai Hattwich: Eine immer größere. Das Interesse an nachhaltigen Geldanlagen ist riesig, die Nachfrage steigt zusehends – das zeigt sich sowohl bei unseren eigenen Kunden, aber auch in einer bundesweit repräsentativen Studie, die wir im vergangenen Jahr durchgeführt haben.* Das heißt, das Thema ist auf breiter Front im Bereich Geldanlage angekommen. So sagen 41% der Befragten, dass sie nicht nur einen Teil, sondern ihr gesamtes Geld nachhaltig anlegen würden. Heute ist bereits jeder sechste Euro nachhaltig angelegt, 2025 soll es mehr als jeder dritte sein.  

Wie wird das Thema Nachhaltigkeit in der Finanzbranche behandelt?

Kai Hattwich: Dem Wunsch der Menschen, verantwortungsbewusster zu leben, begegnen die meisten Banken und Finanzdienstleister mit einem entsprechenden Boom auf der Angebotsseite. Leider ist ein großer Teil der Produkte teuer und unnötig risikoreich für die Anleger. Auch werden vielfach die Erkenntnisse der Kapitalmarktforschung ignoriert.

Wie rentabel und sicher sind nachhaltige Geldanlagen im Vergleich zu klassischen Kapitalanlagen?

Kai Hattwich: Sicher und rentabel sind nachhaltige Geldanlagen nur dann, wenn sie bestimmte Kriterien wissenschaftlichen Investierens erfüllen, allem voran eine breite Streuung und niedrige Kosten. Das ist aktuell aber nur bei den wenigsten Produkten gegeben. Vor allem die breite Streuung in möglichst viele nachhaltig agierende Unternehmen ist wichtig, um Klumpen- und damit Verlustrisiken zu minimieren. Viele nachhaltige Fonds beschränken sich – weil sie einen Öko-pur-Ansatz verfolgen – aber auf sehr wenige Papiere, manchmal sind es nicht einmal 50 Aktien. Das ist aus Risiko-Rendite-Gesichtspunkten gefährlich. Wichtig sind auch die Kosten – viele nachhaltige Anlagen sind sehr teuer und schmälern so die Anlegerrendite. Wir als Quirin Privatbank verfolgen weder eine Greenwashing-, noch eine Öko-Pur-Philosophie, sondern verbinden die Kriterien wissenschaftlichen Investierens mit denen einer nachhaltigen Geldanlage, die langfristig zu einem Wandel hin zu einer verantwortungsvolleren Wirtschaft vorantreibt. Deshalb ist unsere Vermögensverwaltung „Verantwortung“ genauso sicher und genauso rentabel wie die nicht nachhaltige Variante. Und das kommt gut bei unseren Kunden an. Ganz konkret heißt das: Bei der Auswahl geeigneter Finanzprodukte berücksichtigen wir Unternehmen, die ihrer Verantwortung in den drei Bereichen Umwelt (Environment), Soziales (Social) und Unternehmensführung (Governance) gerecht werden, besser bekannt als ESG-Kriterien. Das Geld unserer Kunden wird in Unternehmen und Branchen investiert, die ESG-konform wirtschaften.

Was steckt hinter dem FNG-Siegel und für wie sinnvoll halten Sie diese Zertifizierung?

Kai Hattwich: Das Forum Nachhaltige Geldanlagen ist für Anleger, die unsicher sind, eine gute erste, weil unabhängige Anlaufstelle. Das Siegel definiert gewisse Qualitätsstandards und entwickelt diese stetig weiter. Das ist gut für die gesamte Branche – und damit letztlich auch für alle Anleger. Als alleinige Entscheidungsgrundlage ist jedoch auch das FNG Siegel nicht geeignet, da es wichtige Informationen, wie Diversifikation – welche sowohl für das Anlegerrisiko als auch für den Impact von Voting und Engagement relevant ist – nicht einbezieht.

Herr Hattwich, vielen Dank für das Gespräch!

*Studie „Immer grüner? Was Anleger wissen, wollen und tun. Nachhaltige Geldanlagen in Deutschland“, 2.2.2021, Quirin Privatbank AG

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