Marcus Knispel: Deutschland hat eines der besten Gesundheitssysteme der Welt

Marcus Knispel ist Versicherungsmakler und Experte für Krankenversicherung der von Buddenbrock Unternehmensgruppe in Essen. Mit ihm sprechen wir über Beitragserhöhung der deutschen Krankenkassen sowie fehlende Rücklagen.

Es braut sich etwas zusammen über den deutschen Krankenkassen, das wie eine exklusive Beitragserhöhung aussieht. Das wissenschaftliche Institut der Privaten Krankenversicherung (WIP) spricht von bis zu 40% Erhöhung. Was ist dran an diesem Schreckensszenario?

Marcus Knispel: Zunächst mal lässt sich festhalten, dass dieses Szenario sich allein auf die Situation in der GKV bezieht. Wichtig ist glaube ich auch, dass kein Bürger Angst haben muss, dass seine Beiträge im kommenden Jahr um 40% steigen werden. Es handelt sich hierbei um den ungünstigsten Verlauf aus einer Reihe von Simulationen über einen Zeitraum von 19 Jahren. Dass die GKV eine Finanzierungslücke haben wird, ist unbestritten. Wie diese geschlossen wird, ist aber noch nicht beschlossen. Hier stehen verschiedene Optionen zur Debatte. Geht man den Weg über höhere Zuschüsse aus Steuermitteln, wird der Beitragssatz nicht um 40% steigen. Entscheidet man sich gegen eine Finanzierung aus Steuermitteln, heißt das aber nicht automatisch, dass der Beitragssatz um 40% steigen wird.

Der Glaube, die Krankenkassen in Deutschland seien kerngesund und würden rentabel arbeiten, ist offenbar falsch. Warum sind so wenig Rücklagen da?

Marcus Knispel: Anders als in der privaten Krankenversicherung darf die gesetzliche Krankenversicherung keine Rücklagen bilden. In der PKV bildet jede Altersgruppe eine Rücklage für die eigenen Kosten im Alter. In der GKV ist das anders. Die heutigen Beiträge decken bereits seit Jahren nicht mehr die heutigen Kosten, so dass die gesetzlichen Kassen über Bundeszuschüsse mitfinanziert werden müssen. In einer alternden Gesellschaft wird dies für die Finanzierung der Gesundheitsausgaben zunehmend eine Herausforderung.

Wie sieht es mit der sogenannten „Sozialgarantie“ der schwarz-roten Regierungskoalition aus, welche die Höhe der Beiträge begrenzt?

Marcus Knispel: Wenn die Höhe der Beiträge begrenzt werden, gibt es aus meiner Sicht, in einem Gesundheitssystem wie es derzeit besteht, nur zwei Lösungen: Finanzierungslücken müssen über höhere steuerfinanzierte Bundeszuschüsse geschlossen werden, um die medizinische Versorgung aufrecht zu erhalten. Die von der GKV zu erbringenden Leistungen werden noch weiter gekürzt und auf dem Umweg der Eigenbeteiligung komplett zu Lasten der Verbraucher umgelegt. Denn an diesen zusätzlichen Kosten durch eine weitere Leistungskürzung beteiligt sich der Arbeitgeber nicht.

Da Alterung, technischer Fortschritt und teure Reformen die Kosten im Gesundheitswesen in die Höhe treiben, muss der/die Arbeitnehmer/in die Suppe auslöffeln? Ist das fair?

Marcus Knispel: Wir haben in Deutschland eines der besten Gesundheitssysteme der Welt, um das uns viele beneiden. Aber dieser Luxus hat auch seinen Preis. Eine höhere Lebenserwartung ist ja auch eine Folge dieses Systems. Und der technische Fortschritt bedeutet nicht, dass Behandlungen pauschal immer teurer werden. Es gibt auch Beispiele in denen Behandlungen effizienter und kostengünstiger erfolgen können durch eben diesen technologischen Fortschritt. Zu bemängeln ist aber neben einer Menge Bürokratie, dass insbesondere im gesetzlichen Gesundheitssystem viel zu wenig Fokus auf Prävention gelegt wird. Dabei lässt sich eindeutig belegen, dass durch eine gezielte Prävention und Aufklärung, hohe Folgekosten oft vermieden werden könnten. Zukünftig höhere Kosten aber einseitig auf Arbeitnehmer auszulagern halte ich für den falschen Weg und zu kurz gedacht.

Ganz hart trifft es die privat-Versicherten, deren Beiträge noch deutlicher steigen. Kann man da alles als Grund auf Corona schieben?

Marcus Knispel: Das mag kurzfristig auf das letzte Jahr gesehen zutreffen, hat aber weder etwas mit Corona noch mit einem langfristigen Problem der privaten Krankenversicherung zu tun. Im langfristigen Zeitfenster, egal ob 10, 20 oder 30 Jahre steigt der Höchstbeitrag in der GKV im Durchschnitt stärker an, als der durchschnittliche Beitrag einer PKV. Die Beitragssteigerung im vergangenen Jahr nur Corona zuzuschreiben ist schlichtweg falsch. Hier kommen mehrere Faktoren zusammen. Dies sind vor allem eine höhere Lebenserwartung und die anhaltende Niedrigzinsphase. Die Versicherer haben in den vergangenen Jahren Beitragserhöhungen aufgeschoben und Corona war nur der Funke, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Ich denke nicht, dass sich daraus für die PKV ableiten lässt, dass in den kommenden Jahren mit ähnlichen Anpassungen zu rechnen ist. Bei den sehr guten Anbietern kommt es meistens alle 3-4 Jahre zu einer Anpassung. Die restliche Zeit liegen die Beiträge auf einem gleichbleibenden Niveau.

Wie könnte man deutsche Rentner und Rentnerinnen bei den Beiträgen mehr entlasten, weil sie in der Regel deutlich weniger Rente als Einkommen erhalten?

Marcus Knispel: In der gesetzlichen Krankenversicherung stellt sich die Frage in der Regel nicht, da die Beiträge hier an das Renteneinkommen gekoppelt sind und eine geringe Rente insofern auch zu einem geringeren Krankenkassenbeitrag führt. In der privaten Krankenversicherung ist vor allem eine ehrliche Beratung der Schlüssel zu bezahlbaren Beiträgen im Alter. Wer in der Erwerbsphase nur aufgrund einer möglichen Beitragsersparnis in die PKV wechselt und diese dann komplett in den Konsum anstatt in zusätzliche Altersvorsorge steckt, muss sich nicht wundern, wenn es im Alter eng wird. Und bei Selbständigen würde die Einführung einer Jahresarbeitsentgeltgrenze aus meiner Sicht einen Sinn ergeben. Wer ein geringes Einkommen hat und wenig Vorsorge betreibt, sollte als Selbständiger nicht in die PKV wechseln, auch wenn diese ein paar Euro günstiger ist. Da trägt auch jeder Finanzberater die Verantwortung offen und ehrlich zu beraten.

Herr Knispel, vielen Dank für das Gespräch!

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