Marcus Knispel: Rekordverlust der gesetzlichen Krankenversicherungen

Marcus Knispel ist Experte für Krankenversicherungen bei der von Buddenbrock Concepts GmbH, Kooperationspartner von transparent-beraten.de. Mit ihm sprechen wir über gestiegene Ausgabensituation, weniger Vorsorgeangebote sowie Rekordverlust der GKV´s.

Bei den GKVs wird ein Rekordverlust von annähernd 16 Mrd. Euro verzeichnet. Fachleute schätzen, dass dieser Wert auf 26 Mrd. Euro steigen wird. Was sind die Gründe?

Marcus Knispel

Marcus Knispel: Einer der Hauptgründe ist in der gestiegenen Ausgabensituation aufgrund der Corona-Pandemie zu finden. Während die Menschen weniger Vorsorgeangebote genutzt haben und in diesem Bereich die Ausgaben sogar gesunken sind, wurden für die Stabilisierung der Versorgungsstrukturen aufgrund Corona enorme Summen investiert.

Es wird der Ruf laut nach Geldern aus Steuermitteln. Was halten Sie von dem Vorschlag?

Marcus Knispel: Die gesetzliche Krankenversicherung hat in erster Linie die Aufgabe, die medizinische Versorgung sicherzustellen. Wenn die notwendigen Mittel dazu nicht ausreichen, können entweder die Beiträge erhöht, die Leistungen gekürzt oder die Löcher durch Bundeszuschüsse aus Steuermitteln gestopft werden. Aus meiner Sicht ist es in der jetzigen Situation nicht sinnvoll, über höhere Beiträge Arbeitgeber und Arbeitnehmer noch stärker zu belasten, als es viele durch die Corona-Pandemie eh schon sind. Und mit weiteren Leistungskürzungen lässt sich kurzfristig die Finanzierungslücke nicht schließen. Da ist aus meiner Sicht ein Bundeszuschuss aus Steuermitteln das einzige Mittel der Wahl.

Sind auch die PKV-Anbieter betroffen?

Marcus Knispel: Die Anbieter der privaten Krankenversicherung haben 2020, bedingt durch die Corona Pandemie, rund 1,1 Mrd. € an Zusatzausgaben gezahlt. Das ist zwar in absoluten Zahlen weniger als in der GKV, jedoch pro versicherter Person mehr. Dies zeigt einmal mehr, dass die PKV einen wichtigen Anteil an der Bewältigung der Pandemie trägt. Trotz höherer pro Kopf Ausgaben sind die PKV-Anbieter finanziell gut aufgestellt, was vor allem damit zusammenhängt, dass sie im Gegensatz zur gesetzlichen Krankenversicherung Rücklagen aufbauen dürfen.

In welchen Fällen, würden Sie einem Menschen raten, von der gesetzlichen in die private Krankenversicherung zu wechseln?

Marcus Knispel: Ein Wechsel in die private Krankenversicherung sollte niemals finanziell motiviert und sorgfältig geplant sein. Wer sich heute privat versichert, möchte vor allem eines: Leistungssicherheit. Denn die einmal eingekaufte Leistung kann nicht einseitig zu Ungunsten des Versicherten gekürzt werden. Auch für Beamte ist die private Krankenversicherung in aller Regel die beste Wahl. Von einem Wechsel abraten würde ich grundsätzlich Existenzgründern, die noch nicht über ein planbar hohes Einkommen verfügen. Grundsätzlich empfehle ich jedem, der sich mit einem Wechsel näher beschäftigt, einen unabhängigen Krankenversicherungsexperten hinzuzuziehen.

Während Deutschland altert und länger lebt, zahlen immer weniger ArbeitnehmerInnen ein. Was bedeutet diese Entwicklung für die GKV?

Marcus Knispel: Die gesetzliche Krankenversicherung steht vor der großen Herausforderung, wie sie zukünftig den Generationenvertrag aufrechterhalten will. Denn ein Großteil der heutigen Ausgaben tragen die heute Erwerbstätigen mit ihren Beiträgen. Das Verhältnis von Erwerbstätigen zu Rentnern wird sich jedoch in den kommenden 20 Jahren zum Nachteil der GKV verändern. Will man den Arbeitnehmern und Arbeitgebern nicht noch höhere Beiträge aufbürden oder die Leistungen noch weiter kürzen, müssen Lösungen gefunden werden. Das könnte zum Beispiel bedeuten, dass auch Privilegien wie die beitragsfreie Familienversicherung in Frage gestellt wird oder zukünftig für jeden Versicherten alle Einkommen zur Beitragsberechnung herangezogen werden. Also auch Mieteinnahmen, Zinsen Dividenden usw.

Herr Knispel, vielen Dank für das Gespräch!

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