Oliver Kirbach: Altersarmut ist für beide Geschlechter eine Gefahr

Oliver Kirbach ist Financial Planner bei GELDWERK GmbH & Co. KG in Ahrensburg. Mit ihm sprechen wir über Anlagestrategien, beruflichen Werdegang sowie Erleichterung des Einstiegs.

Vorab möchte ich mein Aktionsfeld beleuchten, d.h.  meine An -und Einsichten beziehen sich auf meine Praxis und sind nicht repräsentativ für den Kapitalmarkt und die dort tätigen Investoren/innen. Meine Mandantschaft setzt sich anteilig zu 48 % aus Frauen und zu 52 % aus Männern zusammen. In der Gesamtstruktur sind ca. 80 % vermögende Mandanten/innen und ca. 20 % vermögensbildende Mandanten/innen.

Laut zahlreichen Studien setzen die meisten Frauen noch auf Sparbücher etc. anstatt in Wertpapiere zu investieren.  Studien lässt sich entnehmen, dass viele Frauen dem Kapitalmarkt skeptisch entgegentreten. Unterscheiden sich die Anlagestrategien von Männern und Frauen eigentlich grundlegend?

Oliver Kirbach: Die Anlagestrategien unterscheiden sich auf der Ebene der persönlichen Planung, d.h. Frauen planen Ihren beruflichen Werdegang und Ihre Familienplanung in die Strategie mit ein, was bei den Männern selten der Fall ist. Und ja, es gibt eine erhöhte Skepsis gegenüber den Kapitalmärkten. Meiner Meinung nach resultiert dieses daraus, dass die meisten Anbieter sehr produktlastig beraten und das Thema Familienplanung im ersten Schritt nicht berücksichtigen. Dies liegt daran, dass diese Beratung mehrheitlich durch Männer erfolgt, die für diese Erwerbsunterbrechung nicht genug Feinsinn aufbringen.

Die Frauen, die Ihr Vermögen bei mir strukturieren, legen gern in Wertpapieren an. Das Sparbuch findet selten Berücksichtigung. Was die Risikostrukturen (Aktienquote) in den Depots betrifft, sehe ich bei mir keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen.

In der Beratung auf der Produktebene geht es bei Männern um Zahlen, Daten, Fakten. Bei Frauen ist das auch so, wird aber noch erweitert um das Warum und die Bedeutung des Investments auf die Depotstruktur. Frauen haben mir immer wieder berichtet, dass sie sich im Gespräch mit Anlageberatern oft nicht ernstgenommen fühlen. Ein Beispiel: Wenn in einer Männerrunde ein Aktienfonds empfohlen wird, sagen die meisten sofort „Superidee, mach ich“, sie greifen zum Smartphone und ordern.

In einer Frauenrunde wird sehr detailliert nachgefragt: Was machen die? Warum diese Aktien und keine andere? Wie wirkt sich das auf ein Depot aus? Was kann ich von dem Investment erwarten? Wie hoch ist mein Risiko?

Warum sind Frauen am Kapitalmarkt kaum aktiv? Gibt es eine Erklärung für die Unterrepräsentation?

Oliver Kirbach: Meiner Beobachtung nach sind Frauen sind sehr wohl aktiv, vielleicht jedoch im Big Picture, das bedeutet absolut gesehen, unterrepräsentiert. Es mag damit zu tun haben, dass Frauen Ihre Gesamtsituation stärker im Fokus haben und sich deshalb eher zögerlich dem Thema nähern und sich einfach mehr Zeit nehmen, die Möglichkeiten zu betrachten. Gerade das Thema der Familienplanung muss sich in der Strategie wiederfinden, dies ist oft nicht der Fall, wenn eine Frau durch einen Anlageberater beraten wird. Außerdem beobachte ich, dass Frauen in vermögenderen Familien zwar den Überblick über die persönlichen Finanzen haben und auch sehr relevant in den Investitionsentscheidungen sind-das Geld, dann aber doch „traditionell“ auf den Namen des Mannes angelegt wird (beim -meistens immer noch- Hauptverdiener). Seit ca. einem Jahr bin ich in den sozialen Medien, Linkedin, aktiv und versuche darüber neue Kunden zu gewinnen. Die Resonanz auf meine Ansprache liegt zu 90 % bei den Männern und nur zu ca. 10 bei den Frauen. In Linkedin spreche ich hauptsächlich vermögensbildende Menschen an. Hier muss ich natürlich berücksichtigen, dass wenn ich als Mann eine Frau anspreche und ich dazu noch aus der Finanzbranche stamme, die Skepsis bei Frauen einfach größer ist als bei Männern.

Was muss getan werden, um zukünftigen Kapitalmarktanlegerinnen den Einstieg zu erleichtern?

Oliver Kirbach: Männer scheinen schneller in Entscheidungen zu sein, ihr Geld (voll-) digital anzulegen und sind daher offener für „unpersönliche“ Anlagen. Bei Frauen scheint das Thema Vertrauen ein noch viel Größeres zu sein, als es eh schon bei der Geldanlage ist.

Frauen, die Geld auf ihren eigenen Namen bereits besitzen (Allein-/Selbstverdienerin oder Erbin oder Aufteilung des Geldes trotz Zugewinngemeinschaft auf den jeweiligen Namen der Ehehatten), machen sich mehr Gedanken darüber, was mit diesem Geld geschehen sollte und suchen sich dann Rat. Auch hier scheint aus meiner Beobachtung heraus das Thema Vertrauen/Persönlichkeit ein großes Gewicht zu haben. Eine Zugangserleichterung ist weniger das Thema, jeder/jede kann sich rein technisch gesehen ein Depot online oder analog eröffnen und dann loslegen. Was bei den meisten Zugangsmöglichkeiten im WWW fehlt, ist die Situationsdiagnose, die klare und somit detaillierte und persönliche Benennung von Zielen und Wünschen und die sich daraus resultierenden Handlungsempfehlungen. In der Natur der Sache werden auch bei guten digitalen Geldanlagen eher oberflächliche und allgemeingültige Fragen gestellt. Bevor ich überhaupt zur Umsetzung schreite, führe ich mindestens drei Gespräche. Im Rahmen dieses Gespräches stelle ich den Interessierten 55 Fragen, zu den Themen Ziele, Beziehungen, Interessen, Werte, Vermögen, Beratung, Prozesse. Auffallend hierbei ist, dass die Antworten bei den Männern allgemeiner und bei den Frauen detaillierter ausfallen. Die Beratung durch Anlagerberater/innen zielt oft auf einen schnellen Abschluss ab und wird durch vorgefertigte Strategien/Produkte begleitet. Dies wirkt oft verstörend. In meinen Augen wären also wichtige Punkte:

            -Geld auf den eigenen Namen anlegen

            -Berater/in mit Einfühlungsvermögen für die Situation der Anlegerin

            -Anlageempfehlungen sehr individuell, also nicht von der Stange, gestalten

Warum sollten Frauen schnell einen Zugang zum Kapitalmarkt finden? Ist Altersarmut eine wirkliche Gefahr, die man mit Geldanlagen eingrenzen kann?

Oliver Kirbach: Ich ersetze schnell durch gründlich, schnell ist nicht immer richtig, schon gar nicht an den Kapitalmärkten. Siehe auch Frage 3. Die Altersarmut ist für beide Geschlechter eine Gefahr, sie verstärkt sich bei den Frauen leider dadurch, dass Sie immer noch im Vergleich zu den Männern für dieselbe Tätigkeit weniger Gehalt bekommen und eine Familienplanung zu Phasen von DE-Investments/Erwerbsunterbrechungen führt.

Aber ja, man kann Altersarmut mit vernünftigen Geldanlagen eingrenzen. Unbedingt.

Je nach vorliegender Vermögensstruktur kann hier mit Einmal-Investments oder Investmentsparplänen, oder einer Kombination aus beiden vorgesorgt werden. Es gibt zwar staatliche Förderprogramme, hier muss allerdings individuell geprüft werden, ob die gewünschten Effekte erreicht werden.

Könnten Robo Advisor eine Möglichkeit sein, um neue unerfahrene Anleger und Anlegerinnen den Weg in den Markt zu ebnen?

Oliver Kirbach: Wer weiß was und warum er es tut, ist bei den Robos eventuell gut aufgehoben. Ein Robo-Depot kann Bestandteil einer Strategie sein. Da gerade zum Start eines Depots immer wieder Fragen auftauchen, ist zum Start einer Strategie ein Robo nicht mein Favorit, da den Investierenden hier alles abgenommen wird und selten die Möglichkeit besteht, die Investmentscheidungen zu hinterfragen. Aus meiner Praxis kann ich sagen, dass es eine Fülle von Investmentlösungen gibt, die bei gleichen Risiken gegenüber den Robos eine solidere Performance, mehr Transparenz und Individualität bieten.

Kann man davon ausgehen, wenn mehr Information und Aufklärung erfolgt, dass in naher Zukunft die Zahl der Anlegerinnen zunehmen wird?

Oliver Kirbach: Information und Aufklärung sind auf jeden Fall ein wichtiger Bestandteil der Gespräche, bevor es „los geht“. Es geht dazu auch noch um Themen wie Glaubwürdigkeit, Loyalität, Individualität, langfristige Begleitung, Transparenz der Investments, Abbildung der Strategie, flexible Preismodell, Unabhängigkeit der Berater/innen. Hier können sich Männer wie Frauen in Bewertungsportalen, z.B. Whofinance über die Berater/innen vorab ein Bild machen und diese dann kontaktieren. Es sollte immer ein Vorabgespräch vereinbart werden, denn neben allem Fachlichen geht es auch um die „Chemie“ zwischen den handelnden Personen. Über allem steht, dass Frauen durchaus ein Eigeninteresse an der Thematik mitbringen. Denn schließlich lese ich oft, dass Frauen die erfolgreicheren Anlegerinnen sind. Ich glaube, das liegt an der detaillierteren Vorbereitung der Investition, wenn die Anlegerinnen sich für die Anlage interessieren und es nicht im Vordergrund steht, von einer Frau beraten zu werden. Denn am Ende koch Mann und Frau auch nur mit dem gleichen (Investment-) Wasser (also den gleichen Produkten).

Herr Kirbach, vielen Dank für das Gespräch!

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