Prof. Dr. Thomas Beyerle: Das Verständnis zu Social Investments hat sich gewandelt

Prof. Dr. Thomas Beyerle ist Managing Director der Catella Property Valuation GmbH. Mit ihm sprechen wir im Interview über Social Investment, soziale Projekte sowie Wirtschaftskrise.

Für viele scheint der Begriff „Social Investment“ immer noch das gängige Spenden für wohltätige Organisationen und Projekte zu sein. Die Bedeutung des Begriffs hat sich allerdings gewandelt. Wie sehen Sie das?

Prof. Dr. Thomas Beyerle: Ja, der Begriff, aber auch das Verständnis hat sich in den letzten 10 Jahre sehr stark gewandelt. War es damals noch als rein freiwilligen Aktivitäten von Unternehmen zu sehen (Begriff seinerzeit CSR Corporate Social Responsibility), erkennen immer mehr Unternehmen, dass der Druck zur Veränderung über den Kapitalmarkt erfolgt. Und das heißt, zunehmend verpflichtend wird. Man kann auch sicher sagen: die ganzen – zweifelsfrei verdienstvollen Aktivitäten – haben nicht ausgereicht um die soziale Komponente „S“ im Dreiklang von Ökonomie, Ökologie und Soziales eine messbare Größe zu bringen.

Oft hört man, dass Social Investments Investitionen in Menschen seien. Dabei könnte man eher soziale Projekte meinen. Was heißt das jetzt genau?

Prof. Dr. Thomas Beyerle: Wir meinen Beides. Mensch & Projekt, was für uns beispielsweise heißt: Kitas, Schulen, Pflege- oder sog. Healthcare Einrichtungen. Hinzu kommen sicher Aktivitäten die wir eher als Corporate Citizenship verstehen, also bürgerliche Engagement von Unternehmen, die damit ihrer gesellschaftlichen Rolle als »vorbildliche Bürger« gerecht werden wollen. Die Leitidee der sozialen und gesellschaftlichen Verantwortung entstand bereits im Zeitalter der Industrialisierung, Stichwort wären Hier Thyssen.Krupp Werkswohnungen oder heute Arche (Lesepaten).

In wen wird also investiert? Wer profitiert von nachhaltigen Social Investments?

Prof. Dr. Thomas Beyerle: Letztlich sollte es immer der Mensch sein, wenngleich es ihm immer nur so gut geht, wie es Gesellschaft insgesamt gut geht. Ich bin auch der Meinung, dass hier ein anderer ökonomischer Maßstab angesetzt werden sollte. Sprich, der alleinige Fokus auf eine Rendite, die weiterhin wichtig ist, sonst gäbe es kein Engagement / Investitionen etwas zu verändert – sollte nur im Gleichklang zu sehen sein mit den gesellschaftlichen „Erfolgen“. Das ist dann mehr als letztlich „nur“ Sponsoring von sozialen Ideen und Ablassaktivitäten.  

Europa steht weiterhin vor gewaltigen Herausforderungen. Die Wirtschaftskrise und der demografische Wandel rufen Lösungsbedarf hervor. Inwiefern könnten Social Investments dahingehend helfen?

Prof. Dr. Thomas Beyerle: Ich sehe in der Tat die gewaltigen Veränderungen durch den demographischen Wandel noch lange nicht am Markt umfänglich angekommen. Denn dieser hat zwei Komponenten: zum einen der starke Anstieg der Pflegebedürftigen und alleinstehenden Menschen mit geringer sozialer Absicherung und einer extremen Nachfrage nach Hospizplätzen. Zum anderen der Tatsache, dass mit dem Eintritt der Baby Boomer ab 2028, wir es erstmalig mit einer neuen Konsum-, Bildungs- und Arbeitsgruppe zu tun haben, die es früher in dieser Ausprägung niemals gab. Stichworte hier sind eigenverantwortliches Handeln (Hinweis auf Seniorenresidenzen), „Zurück in die Stadt“ aus dem Speckgürtel (Kinder aus dem Haus an anderen Standorten), weiterhin freiwillig ein Beschäftigungsverhältnis suchend und sich freiwillig qualifizieren (Jenseits der VHS) etc. Hier fremdelt die Branche noch etwas mit dem Zwischenstadium, da wir eigentlich nur in der Kategorie Wohnung/ Haus – Pflegheim denken. Quartierslösungen, Generationswohnen, Schulen, Bibliotheken oder Kitas sind bisher nur Nischen innerhalb der Wachstumsbranche. 

Was hat es mit dem Sozial-Investitionspaket (SIP) der EU-Kommission auf sich? Können Sie das kurz erklären?

Prof. Dr. Thomas Beyerle: Für uns sind das primär Baumaßnahmen (Sanierung und Modernisierung sowie Ergänzung) an Gemeinbedarfs- und Folgeeinrichtungen in Fördergebieten der Städtebaulichen Erneuerung, z.B. öffentliche Bildungseinrichtungen, Kindertagesstätten, Bürgerhäuser, Stadtteilzentren einschließlich funktional zugehöriger Freiflächen. Das Sozialinvestitionspaket (SIP) ist insgesamt ein Leitfaden, mit dem die Europäische Kommission die Mitgliedstaaten dazu bringen möchte, im Interesse der gemeinsamen Ziele Europas, die Sozialsysteme zu modernisieren. Das Sozialinvestitionspaket (SIP) beinhaltet einen integrierten Ansatz für Sozialpolitik mit dem Fokus, die verfügbaren Finanzmittel wirksamer und effizienter einzusetzen, beispielsweise durch die Vereinfachung der Verwaltung und eine gezieltere Leistungserbringung

Warum sollten Sozialinvestitionen schließlich mit Priorität behandelt werden?

Prof. Dr. Thomas Beyerle: Klare Antwort: Weil es ein Wachstumsmarkt ist.

Allerdings sei auch angeführt, dass für viele Objekte es kaum Marktstandards gibt bzw. historische Erfahrungen. Deshalb schrecken viele Investoren davon – noch – zurück bzw. klassifizieren es als „Risikoposition“. Meines Erachten eine zu defensive Sichtweise.  Weiterer Punkt: es ist ein primäre ein Prozess (der sich permanent verändert) und erst dann sind es Produkte. Der – neue – branchenübergreifende Megatrend der Dekarbonisierung konfrontiert Unternehmen in den letzten 15 Jahren mit den verschiedensten Begrifflichkeiten: Nachhaltigkeit, CSR (Corporate Social Responsibility), ESG (Environmental, Social & Governance) und jüngst SI (Social Investing). Der Handlungsbedarf ist umso dringlicher, als dass die Bedeutung von Nachhaltigkeitskriterien auch am Finanzmarkt stark im Steigen begriffen ist.

Herr Beyerle, vielen Dank für das Gespräch!

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