Andreas Kirste: Austausch mit anderen Gründern ist von Vorteil

Andreas Kirste ist Geschäftsführer von Existenzgründerzentrum EGZ in Leipzig. Mit ihm sprechen wir über Selbständigkeit, Gründungsberatung sowie Einzelcoachings.

Wenn man gerade seine Selbstständigkeit starten möchte, kann dies zu einigen Problemen führen. Wie kann eine Gründungsberatung dabei helfen?

Andreas Kirste: Viele Gründer starten heute gut vorbereitet in die Selbständigkeit. Sie haben im Internet recherchiert, Freunde gefragt, an einer Veranstaltung der Kammer teilgenommen. Die Fülle der Informationen macht es manchmal schon notwendig, mit jemandem zu sprechen, der Ordnung in das Chaos bringt und die richtigen Schritte festlegt.

Oft werden die Probleme bei den formalen Schritten gesehen: Gewerbeanmeldung, Finanzamt, Personalanmeldungen und Ähnliches. Mindestens genauso wichtig sind aber eine realistische Markteinschätzung, eine saubere Kalkulation und Wirtschaftlichkeitsberechnung, Strategien zur Kundengewinnung, eine Betrachtung der eigenen Stärken und Schwächen. Unser Grundsatz lautet „Hilfe zur Selbsthilfe“, der Gründer soll also durch den Gründungsprozess geführt werde und dazu befähigt werden, die unternehmerischen Anforderungen künftig selbständig zu bewältigen. Hierzu zählt auch eine realistische Einschätzung, bei welchen Fragen man besser professionelle Hilfe in Anspruch nimmt (typisch: Buchführung / Steuern oder Rechtsfragen).

Welche Dienstleistungen sollte eine professionelle Beratung beinhalten?

Andreas Kirste: Das kann sehr unterschiedlich sein anhand der Bedarfe des Gründers. Eine komplette Beratung gliedert sich in der Regel in folgende Phasen:

  • Profiling / Feststellung der Gründungsvoraussetzungen/Bedarfsanalyse
  • Potentialanalyse
  • Marktanalyse
  • Marketing-Konzept
  • Wirtschaftlichkeitsberechnung
  • Erstellung eines Businessplans
  • Ggf. Fördermittelcheck, Beantragung von Darlehen oder Fördermitteln
  • Beratung und Kenntnisvermittlung zu individuellen Themen wie Buchführung, Personal, Marketing, Versicherungen,…
  • Vorbereitung des Markteintrittes
  • Vorbereitung und Unterstützung der Gründungsaktivitäten

Es gibt aber auch Gründer, die bloß mal eine Stunde brauchen, um den Fragebogen zur steuerlichen Erfassung auszufüllen oder Ähnliches.

Die meisten Gründungsberatungen unterscheiden zwischen Einzelcoachings, also individuelles Gründungs-Coaching und Gruppenberatungen. Was sind die Vor- und Nachteile?

Andreas Kirste: Wir unterscheiden zwischen Seminaren und Einzelcoaching. Seminare finden in Gruppen statt. Vorteil ist neben der Wissensvermittlung in kurzer Zeit auch der Austausch mit anderen Gründern. Auf individuelle Fragen wird zwar eingegangen, individuelle Arbeit mit dem Gründer ist aber nicht möglich. Zumal in der Gruppe kein Datenschutz eingehalten werden kann. Beim Einzelcoching steht dann die individuelle Arbeit anhand der konkreten Bedarfe des Gründers, i.d.R. aufbauend auf den im Seminar erworbenen Kenntnissen, im Mittelpunkt. Vertiefende, branchenabhängige Spezialkenntnisse können vermittelt werden.

Welchen Kosten entstehen bei einer Gründungsberatung?

Andreas Kirste: Mit AVGS (siehe unten): keine. Ansonsten abhängig vom Stundenumfang, dem Honorarsatz des Beraters und der Frage, ob eine Förderung beantragt werden kann oder soll.

Unter Umständen kann man jedoch auch eine kostenlose Beratung erhalten. Wer kann eine kostenlose Beratung beantragen und wie vergibt das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) finanzielle Zuschüsse?

Andreas Kirste: Die BAFA fördert keine Beratung in Vorbereitung einer Gründung. Das Programm „Förderung des unternehmerischen Know-Hows“ bezieht sich ausschließlich auf bestehende Unternehmen. Die Förderung VOR der Gründung ist Ländersache, hier haben die Förderbanken der Länder spezielle Programme, z.B. die Gründungsberatung der Sächsischen Aufbaubank SAB in Sachsen. Eine Beratung kann aber auch über die Agentur für Arbeit oder das Jobcenter mit dem Aktivierungs- und Vermittlungsgutschein AVGS gefördert werden (für den Gründer komplett kostenfrei). Voraussetzung ist ein Leistungsanspruch auf ALG I oder ALG II, und dass der Bedarf an Beratung gegenüber dem Fallmanager plausibel und überzeugend dargelegt wird. Auch sollte die Vermittlung in ein sozialversicherungspflichtiges Anstellungsverhältnis nicht möglich sein (Vorrang der Vermittlung).

Nicht jeder, der eine Selbstständigkeit anstrebt, braucht eine Gründungsberatung. Wem empfehlen Sie aber dennoch eine Beratung bezüglich der Existenzgründung?

Andreas Kirste: Sicher, viele Solo-Selbständige bekommen je nach Vorwissen und Qualifikation die wichtigsten Gründungsschritte allein hin. Der Unterstützungsbedarf ist individuell immer sehr unterschiedlich. Beratung ist zwar im Grunde immer sinnvoll (der Umfang kann halt sehr unterschiedlich sein), besonders wichtig aber

– wenn Kredite oder Förderungen beantragt werden sollen,

– wenn keine ausreichenden Markt- und Branchenkenntnisse vorliegen,

– wenn keine kaufmännische Qualifikation vorliegt,

– wenn komplexere Organisationen aufgebaut werden sollen.

Haben Sie Tipps, wie man eine passende Gründungsberatung finden kann?

Andreas Kirste: Man geht auf egz-lepzig.de  ;o). Kammern, Stammtische, andere Gründerveranstaltungen, häufig aber auch Empfehlungen von anderen Gründern und Selbständigen.

Herr Kirste, vielen Dank für das Gespräch!

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