Claudia Ulpts: Eine duale Berufsausbildung ist eine gute Grundlage

Headhunterin Claudia Ulpts ist Partnerin bei der auf Diversity-Recruiting spezialisierten Personalberatung HUNTING/HER HR-Partners in Düsseldorf, welche seit 2020 zum globalen Top-Headhunter Stanton Chase gehört. Im Interview sprechen wir mit ihr über den Fachkräftemangel, die Ausbildungsbranche sowie Attraktivität der Ausbildungsberufe.

Claudia Ulpts

Der Fachkräftemangel in Ausbildungsberufen ist geraumer Zeit ein großes Thema. Welche Auswirkungen hatte die Corona-Pandemie auf die ohnehin schon wackelige Ausbildungsbranche?

Claudia Ulpts: Natürlich haben die mittlerweile bald 1,5 Jahre anhaltenden Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie auch für nahezu alle Ausbildungsbetriebe enorme Herausforderungen mit sich gebracht. Auch wenn wir bei Hunting Her aufgrund unseres weitgehenden Alleinstellungsmerkmals als Personalberatung für Frauen den Einbruch weniger gespürt haben, berichten unsere Kunden uns von einer schwierigen Einschätzung der Situation und der Zeit nach Corona. Es herrscht eine generell vorsichtige Handlungsweise bezüglich aller zukünftigen Einstellungen, sowohl von Fach- und Führungskräften als auch Auszubildenden. Hier wirken sich natürlich auch die lange Kurzarbeit und häufige Einstellungsstopps aus.

Welche Gründe sehen Sie in der sinkenden Nachfrage? Handelt es sich einzig um Verunsicherung seitens der potentiellen Bewerberinnen und Bewerber?

Claudia Ulpts: Generell beobachten wir schon eine etwas zurückgegangene Wechselbereitschaft einerseits und eine Verunsicherung bezüglich der richtigen Wahl des geeigneten Berufes andererseits. Dies ist ein Teil des Problems, eine mangelnde Perspektive und die teilweise fehlende Wertschätzung durch die Gesellschaft für viele nicht-akademische Berufe sind weitere Themen für die jungen Menschen. 

Vielfach kritisiert wird die mangelnde Attraktivität der Ausbildungsberufe aufgrund der geringen Entlohnung und den familienunfreundlichen Arbeitsbedingungen, als Beispiel in der Pflege. Nun kommt zudem die Verunsicherung durch die Corona-Pandemie hinzu. Welche Möglichkeiten haben Unternehmen noch, um die nächste Generation für sich zu gewinnen?

Claudia Ulpts: Weibliche und männliche Bewerber interessieren sich für attraktive Tätigkeiten, eine angemessene und faire Bezahlung und ein positives Umfeld. Work Life Balance ist ein Stichwort, das mit Leben gefüllt werden muss. Ebenso sollte eine mögliche Weiterentwicklung angeboten werden. Diese Parameter zu erfüllen, wird Aufgabe der Politik und der Unternehmen sein. Denn wir brauchen in vielen Berufszweigen dringend gut ausgebildete Fachkräfte.  


Immer mehr Schulabgänger entscheiden sich aufgrund der besseren Bedingungen für ein Studium. Was bedeutet dies für Ausbildungsberufe im Zusammenhang mit der Akademisierung. Werden in Zukunft vielleicht auch Tischler, Konditoren und Maler in einer Hochschuleinrichtung ausgebildet?



Claudia Ulpts: Möglicherweise würde eine höhere Durchlässigkeit unseres Ausbildungssystems einen individuellen Weg fördern und damit attraktiv machen.  Andererseits ist eine duale Berufsausbildung durch ihre Kombination aus Theorie und Praxis auch eine gute Grundlage für ein anschließendes Studium.  

Fachkräfte werden zwar dringend gebraucht, doch muss der Beruf auch die wirtschaftliche Unabhängigkeit garantieren können. Was raten Sie der kommenden Generation, die vor der Entscheidung Ausbildung oder Studium steht?



Claudia Ulpts: In unseren Gesprächen mit unseren Kunden erfahren wir oft, dass eine Mischung aus praktischer Erfahrung, eine pragmatische Herangehensweise und das Denken über den Tellerrand geschätzt wird. Also ist auch durchaus eine Kombination denkbar. 

Dieses Jahr sind erneut 15.000 weniger Lehrstellen angeboten worden. Hinzu kommt, dass trotz des geringeren Angebots ein großer Teil der Lehrplätze unbesetzt bleibt. Welche Prognose geben Sie für die Ausbildungsbranche?

Claudia Ulpts: Politik und Unternehmen müssen hier nochmals mehr als bisher an einem Strang ziehen, um dieses Problem zu lösen. Aber auch die Ausbildungsbetriebe sind gefordert, um junge Leute für diese Berufe zu interessieren und durch mehr Durchlässigkeit auch Karriereperspektiven für Menschen ohne akademisches Studium zu bieten. In Europa wird meiner Beobachtung nach noch immer zu einseitig auf Zeugnisse und zu wenig auf die tatsächliche persönliche und fachliche Eignung geschaut. Und als Personalberaterin bei einer auf Frauen fokussierten Executive Search-Beratung wird es niemanden überraschen, dass wir auch empfehlen, ganz gezielt auch das Leistungspotenzial der weiblichen Bevölkerungshälfte anzusprechen und z.B. bereits Mädchen und junge Frauen für MINT-basierte Berufsfelder zu interessieren. 

Frau Ulpts, vielen Dank für das Gespräch!

 

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