Arina E. Scigajllo: Glück entsteht, wenn man Probleme löst

Arina E. Scigajllo ist Geschäftsführerin von JobChanger.international. Mit ihr sprechen wir über Gelingen einer beruflichen Neuorientierung, Überwinden von Hürden sowie Rat für Beschäftigte.

Es gibt zahlreiche Gründe, warum Beschäftigte unzufrieden mit ihrem Job sind. Für viele ist aber eine berufliche Neuorientierung keine Option. Was sind die häufigsten Gründe, die zu einer Jobunzufriedenheit führen?

Arina E. Scigajllo: Jobunzufriedenheit bedeutet grundsätzlich nichts anderes als „etwas stimmt nicht an dieser (Job-)Situation für mich“. Meine Wunschvorstellung oder meine innere Realität passen nicht zu der erlebten Realität.

Ob die Gründe objektiv nachvollziehbar sind, spielt keine Rolle – das subjektive Empfinden ist entscheidend. Immer mehr Menschen wollen etwas Sinnvolles tun, ihre Talente und ihre im Laufe der beruflichen Karriere erworbenen Kompetenzen für etwas, was zählt oder die Welt positiv beeinflusst einsetzen. Sobald wir merken, wir können uns nicht mit den Produkten, der Dienstleistung oder dem Auftreten des Unternehmens identifizieren, entsteht Unzufriedenheit. Ein weiterer häufiger Grund für Unzufriedenheit ist das Gefühl, nicht gesehen, nicht wertgeschätzt und unserem Potenzial entsprechend eingesetzt zu werden. Wir wollen uns entwickeln, wir wollen, dass unsere Ideen Gehör finden und umgesetzt werden, wir wollen Aufgaben, die unseren Fähigkeiten und Neigungen entsprechen. Wenn der Wunsch nach anspruchsvolleren, vielseitigeren Arbeitsinhalten und/oder Weiterentwicklung nicht erfüllt ist und das, was wir zu geben haben, nicht wertgeschätzt und angenommen wird, entsteht innere Unzufriedenheit. Das Arbeitsklima spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Wir wollen mit all dem, wie wir sind, angenommen werden und in einer angenehmen Atmosphäre arbeiten. Schließlich verbringen wir ziemlich viel Zeit bei der Arbeit. Der Stress unter Kollegen oder unfaire Behandlung durch den Chef führen zum schlechten Arbeitsklima, welches Kreativität und positive Stimmung im Keim erstickt. Der Weg in die Jobunzufriedenheit ist meist ein schleichender Prozess. Stück für Stück, oft ohne es zu bemerken, verlieren wir unsere innere Freiheit, gehen faule Kompromisse ein und achten unsere Grenzen nicht mehr.

Einen Ausweg aus dem Gefühl innerer Unstimmigkeit und Unzufriedenheit kann dann die Orientierung an eigenen Werten, Rahmenbedingungen und Kriterien bieten. Wenn ich weiß, was mir wichtig ist und wofür ich mich einsetzen will und unter welchen Rahmenbedingungen ich am besten arbeiten möchte, kann ich bewusst auf meine Grenzen achten und den richtigen Job wählen.

Woher weiß man, dass es Zeit ist den Job zu wechseln, um sich neuen Herausforderungen zu stellen?

Arina E. Scigajllo: Wenn man auf die meisten Fragen mit JA antwortet, dann ist es definitiv Zeit, sich beruflich neu auszurichten!

•          Schadet die Arbeit meiner Gesundheit?

•          Ist der Job mit meinen beruflichen Vorstellungen und Zielen vereinbar?

•          Bestehen Entwicklungsmöglichkeiten?

•          Oder habe ich schon innerlich gekündigt?

Menschen, die ins Coaching kommen, klagen oft über Selbstzweifel, sie stellen sich und ihre Leistung in Frage. Wenn wir einer Arbeit nachgehen, die uns unzufrieden macht und wir tun nichts dagegen, leidet unsere Selbstachtung darunter. Wir verraten uns buchstäblich und das ist der emotionale – sehr hohe Preis dafür!

Deshalb wäre wichtig zu fragen: wie weit habe ich mich im Job angepasst und mich selbst aus den Augen verloren? Ab wann entferne ich mich selbst so weit, dass es mir schadet?

Viele Beschäftigte über 35 haben Hemmungen sich neu zu orientieren. Kann man im fortgeschrittenen Alter noch adäquat Karriere machen?

Arina E. Scigajllo: Aber klar doch! In Amerika beispielsweise ist eine berufliche Neuorientierung in der Mitte des Berufslebens selbstverständlich. Auch in vielen europäischen Ländern ist es selbstverständlich, nach einigen Jahren der Berufstätigkeit eine Zwischenbilanz zu ziehen – wo stehe ich, was habe ich erreicht? Was will ich noch erreichen? Wir verändern uns im Laufe der Zeit, auch Berufe und Arbeitsmarkt verändern sich. Auch in Deutschland erleben wir gerade eine Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, was dazu führt, dass auch Quereinsteiger in immer mehr Bereichen reale Einstiegs-Chancen haben. Mosaik-Lebensläufe mit unterschiedlichen Stationen sind zunehmend gefragt. Die Zeiten wo Berufe durch klar definierte Fachkompetenzen voneinander abgegrenzt waren, sind bei vielen Berufsfeldern vorbei. Jetzt spielen Soft Skills eine wichtige Rolle. Wie kann ich mit unterschiedlichen Teams zusammenarbeiten, wie kommuniziere ich mit verschiedenen Menschen? Die Bereitschaft, immer wieder Neues dazu zu lernen, sich in komplexe Systeme schnell einzuarbeiten sowie lösungsorientiert zu denken und zu handeln ist gefragt.

Auf der anderen Seite gewinnt heutzutage die Fähigkeit der Selbstreflexion an Bedeutung. Meine Chancen auf einen neuen Job steigen, wenn ich in der Lage bin, im Bewerbungsprozess meine verschiedenen Erfahrungen und eigene Entwicklung zu einem adäquaten Qualifikationsprofil zusammenzufügen sowie  meine Persönlichkeit und auch die Sinnhaftigkeit meines  eigenen Werdegangs plausibel darzustellen.

Ein Neuanfang ist immer schwer. Wie kann man mentale Hürden der Neuorientierung überwinden?

Arina E. Scigajllo: Vielleicht werden Sie von meiner Antwort überrascht sein: Gehen Sie jeden Tag zur Arbeit mit der Bereitschaft, gefeuert zu werden. Mutig, oder?

Fragen Sie sich außerdem immer wieder, wenn ich eine Sache im Unternehmen verändern könnte, welche wäre das? Das hilft dabei, den Kopf frei zu kriegen und die persönliche Freiheit wieder zu erlangen. Diese brauchen wir, um richtige Entscheidungen zu treffen. Und das ist der erste Schritt im Prozess der beruflichen Veränderung.

Klar, eine berufliche Neuorientierung ist erst mal ein Schritt ins Unbekannte. Man tappt sprichwörtlich im Dunklen. Und vor allem plagt uns die Ungewissheit, ob der neue Job wirklich eine Besserung mit sich bringt. Vielleicht wird es noch schlimmer? Vielleicht ist es doch sicherer, dazubleiben und sich über das bekannte Übel zu ärgern?

Eine berufliche Veränderung bringt unsere Identität, unser Selbstbild ins Wanken. Das verunsichert und macht oft Angst. Eine große Herausforderung besteht darin, diese Unsicherheit zuzulassen und auszuhalten. Ja, ich bin gerade verunsichert und manchmal habe ich auch Angst. Ich weiß im Moment wirklich nicht, wie es weiter geht. Man sagt ja, hinter unseren größten Ängsten liegen unsere größten Stärken, deshalb lohnt es sich, diese Ängste zu überwinden. Und Angst überwindet man, in dem man sich ihr Auge in Auge stellt und nicht dagegen ankämpft oder sie meidet.

Was muss man also tun, damit eine berufliche Neuorientierung gelingt?

Arina E. Scigajllo: Bevor wir jemand anders von uns überzeugen können, müssen wir zuerst uns selbst überzeugen. Deshalb sollten wir uns im ersten Schritt mit uns selbst befassen. Welche Ressourcen stehen mir für den Wechsel zur Verfügung? Wie viel Geld, Zeit möchte ich investieren? Wer unterstützt mich in der Familie, von meinen Freunden, Karriere-Experten? Was sind meine Stärken, Fähigkeiten, Qualifikationen? Was sind meine Interessen, Werte, welche Branchenerfahrungen bringe ich mit, in welchen Rollen fühle ich mich am besten? Was sind meine Alleinstellungsmerkmale?

So können wir ein System mit unseren persönlichen Auswahlkriterien erarbeiten, mit dem wir jede Stelle und jede Unternehmenskultur auf Passgenauigkeit überprüfen können.

Sich auf einen Jobwechsel vorzubereiten ist wie ein Muskel-Training im Sportstudio, je häufiger man die Muskeln trainiert, desto stärker sind sie.

Im Coaching identifizieren und transformieren wir zusätzlich unbewusste, negative Glaubenssätze, Überzeugungen und familiäre Aufträge, die uns in der beruflichen Entfaltung bremsen oder blockieren.

Was raten Sie Beschäftigten, die mit dem Gedanken spielen, den Beruf zu wechseln?

Arina E. Scigajllo: Zu handeln. Glück entsteht, wenn man Probleme löst. Der erste Schritt wäre eine Bestandsaufnahme. Wo stehe ich jetzt? Was macht mich unzufrieden? Was macht mich zufrieden? Bin ich bereit, weiter zu leiden und wenn ja, wofür? 

Eine berufliche Neu- oder Umorientierung ist ein Prozess der persönlichen Entwicklung. Deshalb dürfen wir uns die Frage stellen, bin ich bereit, mich weiterzuentwickeln? Was gewinne ich und was verliere ich dabei? Es könnte ja beispielsweise sein, dass meine Familie enttäuscht wird, wenn ich den Job an den Nagel hänge und mich weniger lukrativen Dingen widme. Ich würde empfehlen, ein System mit eigenen persönlichen Auswahlkriterien zu erarbeiten, um jeden Job jedes Unternehmen auf Passgenauigkeit überprüfen zu können.

Je weiter wir uns in unserer beruflichen Neuorientierung von dem, was wir gelernt und bis jetzt gemacht haben entfernen, desto mehr entfernen wir uns von dem „klassischen“ Bewerbungsweg. Bei einer Neupositionierung oder gar beim Quereinstieg wird eine Bewerbung auf eine ausgeschriebene Stelle keine Früchte tragen. Hier bringt uns der pro-aktive Weg weiter. Bewerben heißt Vertrauen erwerben und genau das ist unsere Aufgabe, sei es über Empfehlung unserer neuen und alten Netzwerkpartner, über Initiativbewerbung oder über Herausarbeitung und Präsentation der sogenannten Brückenkompetenzen (übertragbare Kompetenzen), unserer Leistungen und dem von uns erzeugten Nutzen für die potenziellen Arbeitgeber. Oft hat man als Branchenfremder sogar Vorteile! Diese muss man dann klar kommunizieren. Dieser Prozess kann mit professioneller Unterstützung sehr viel leichter und unkomplizierter ablaufen. Vielleicht sind sich manche Beschäftigten unsicher, welche die richtigen Auswahlkriterien für sie sind? Oder wie sie ihre Leistungen, ihre Brückenkompetenzen oder ihren Nutzen richtig präsentieren? Unser bundesweites Netzwerk an Coaches, die Experten im Bereich berufliche Neu- und Umorientierung sind unterstützt alle gerne in dem Prozess der beruflichen Neuorientierung oder gar beim Quereinstieg. Unter bestimmten Voraussetzungen ist diese Unterstützung auch staatlich gefördert und kostenlos.

Frau Scigajllo, vielen Dank für das Gespräch!

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