Hanae Tominaga: Ausgleich fehlt und Stress ist vorprogrammiert

Hanae Tominaga ist Inhaberin von Karrierefuchs. Mit ihr sprechen wir über Gefühl der Ausbeutung, überfordernde Tätigkeiten sowie fehlende Weiterentwicklungsmöglichkeiten.

Es gibt zahlreiche Gründe, warum Beschäftigte unzufrieden mit ihrem Job sind. Für viele ist aber eine berufliche Neuorientierung keine Option. Was sind die häufigsten Gründe, die zu einer Jobunzufriedenheit führen?

Hanae Tominaga: Häufige Gründe sind fehlende Anerkennung, schlechte Bezahlung und lange Arbeitszeiten. Wenn kaum Zeit bleibt, Familie und Freunde zu sehen und das Privatleben auf ein Minimum reduziert wird, kommt schnell Frust auf. Der Ausgleich fehlt und Stress ist vorprogrammiert. Das Gefühl, ausgebeutet zu werden, lässt sich dauerhalft nur schwer ertragen. Häufig führen aber auch falsche Aufgabenfelder zu Überforderung oder Unterforderung. Ständig stupide Tätigkeiten auszuführen, die keine geistige Forderung zulassen, können ein Boreout verursachen. Zu viel Druck und überfordernde Tätigkeiten wirken sich ebenso negativ aus. Das kann mitunter zum Burnout führen. Wenn die Aufgaben sinnlos erscheinen oder die Identifikation mit dem Unternehmen fehlt, führt das zu Unzufriedenheit. Wenn ständig für den Papierkorb gearbeitet wird, ist das kein sinnerfüllendes Gefühl. Auch ein cholerischer Chef, Streit unter Kollegen oder Mobbing führen häufig zum Jobfrust. Fehlende Weiterentwicklungsmöglichkeiten werden auch oft als Grund bei Jobunzufriedenheit genannt. Wer seit Jahren auf der gleichen Position festsitzt und keine berufliche Perspektive mehr sieht, sieht sich selbst in einer Sackgasse.

Woher weiß man, dass es Zeit ist den Job zu wechseln, um sich neuen Herausforderungen zu stellen?

Hanae Tominaga: Wenn auf Dauer die Herausforderungen oder Weiterentwicklungsmöglichkeiten fehlen oder ein Drittel des Tages mit stumpfen und langweiligen Tätigkeiten verbracht wird. Auch, wer sich von Arbeitsbeginn bis Arbeitsende gestresst und überfordert fühlt, sollte über einen Jobwechsel nachdenken. Ein weiterer Grund kann ein negatives Arbeitsklima sein – Falls sich die Situation nicht ändern lässt und man sich nicht mit den mangelhaften Umständen arrangieren kann, sollte man gehen. Auch wer von früh bis spät nur an die Bezahlung denkt, um sein Tun zu rechtfertigen, braucht mehr Sinn in seinem beruflichen Schaffen. Meine Erfahrung durch viele Gespräche mit Betroffenen zeigt mir deutlich, dass vermeintliche berufliche Sicherheit auf Dauer keinen Frust am Arbeitsplatz kompensieren kann. Deutliche Signale sind auch, morgens schlecht aus dem Bett zu kommen, psychische und körperliche Beschwerden oder so hoher Stress, dass man nach Feierabend nur noch seine Ruhe haben möchte und die Familie und Freunde wegen des Jobs vernachlässigt. Spätestens, wenn sich der Beruf negativ auf das Privatleben auswirkt, sollte etwas verändert werden. Auch wer schon fast täglich darüber nachdenkt, ob der Job noch zu einem passt und man innerlich bereits gekündigt hat, ist es definitiv an der Zeit zu gehen.

Viele Beschäftigte über 35 haben Hemmungen sich neu zu orientieren. Kann man im fortgeschrittenen Alter noch adäquat Karriere machen?

Hanae Tominaga: Hier stellt sich die Frage, was eine adäquate Karriere für einen persönlich überhaupt ist. Es ist fast nie zu spät, den Beruf zu wechseln. Denn bei beruflichen Wechseln geht es nicht immer nur um einen Aufstieg, sondern vielleicht auch um etwas, was am Anfang des Berufslebens noch nicht so wichtig erschien: Den Sinn in der Arbeit. Oder aber es geht um einen Rückschritt auf der Karriereleiter, was als Downshifting bezeichnet wird. Ganz bewusst beruflich kürzer treten, die Arbeitszeit reduzieren oder auf eine Führungsposition verzichten, weil man keine 60 Stundenwoche im Büro mehr leisten möchte, kann auch zufriedenstellend sein. Nur weil man der Generation 35+ angehört, heißt das noch nicht, dass man bis zur Rente einen Job ausüben muss, der keinen Spaß macht. Der demografische Wandel zeigt: Wir werden alle älter und arbeiten dadurch auch länger. Allerdings macht diese Veränderung der Gruppe „35+“ zu schaffen, denn es fehlen meist die nötigen finanziellen Mittel. Ein Vollzeitstudium oder eine weitere Ausbildung ist mit der gleichzeitigen Deckung der Fixkosten für viele undenkbar. Leider gibt es für diese Altersgruppe kaum finanzielle Fördermöglichkeiten. Bafög, Bildungskredite oder sonstige Finanzierungen fallen oft raus, da diese nur noch in Ausnahmefällen genehmigt werden. Mit meinen Kunden suche ich dann nach anderen Möglichkeiten, um das Vorhaben zu realisieren. Umso schöner ist die Geschichte von Menschen, die sich trotz dieser Hürden der mutigen Herausforderung stellen: Eine Arbeitskollegin, die erst im Alter von 50 Jahren ein Pharmaziestudium begonnen hat, schloss im Anschluss sogar noch eine Promotion ab und stieg erst mit Anfang 60 in den Beruf ein. Ein sehr inspirierender Fall, der mit einer großen Portion Mut, Engagement, Anpassungen und Kompromissen verbunden war.

Ein Neuanfang ist immer schwer. Wie kann man mentale Hürden der Neuorientierung überwinden?

Hanae Tominaga: So viel vorweg: Mentale Hürden sind bei einer beruflichen Neuorientierung normal. Versagensängste, Zukunftsängste, finanzielle Ängste oder Selbstzweifel kommen bei dem Gedanken an das neue Unbekannte auf. Die Sätze: „Da bleibe ich lieber beim Alten.“ oder „Auch, wenn ich unglücklich bin, weiß ich wenigstens, woran ich bin.“ höre ich oft. Hier gilt es herauszufinden, woran man möglicherweise noch festklammert. Folgende Fragen können dabei helfen: Was hält mich davon ab, mich auf die Stelle zu bewerben, die besser zu mir passt? Habe ich Angst, abgelehnt zu werden? Oder davor, zu alt oder nicht kompetent genug für den Job zu sein? Welche Glaubensätze blockieren mich, den nächsten Schritt zu gehen? Was steckt wirklich hinter der eigenen Vorsicht und den inneren Widerständen? Aktuell erlebe ich Kunden, die in der Corona-Pandemie ihren Job verloren haben und eine Erleichterung verspüren. So können sie ihrem Berufsleben eine neue Richtung geben. Etwas, was sie sich vorher nicht getraut hätten. Man kann diese Situation also auch zur Ursachenforschung nutzen und sich noch einmal genau fragen, was man wirklich will und, was man vorher vielleicht vermisst hat.

Was muss man also tun, damit eine berufliche Neuorientierung gelingt?

Hanae Tominaga: Grundsätzlich sollte man sich fragen, ob es etwas Elementares ist, was zur aktuellen Unzufriedenheit führt oder, ob es vielleicht nur eine Phase ist. Häufig liegt es nicht am Beruf an sich, sondern am zwischenmenschlichen Klima oder an der inneren Einstellung. Wer seine innere Unzufriedenheit mit in den nächsten Job nimmt, steht schnell wieder vor einem ähnlichen Problem. Die nächste Frage ist: Was genau will ich? Wenn das Ziel sein sollte, irgendwas mit Menschen oder etwas Sinnvolles zu machen, ist das noch viel zu unkonkret. Das Ziel sollte auch nicht nur von äußeren Einflüssen abhängig gemacht werden z.B. welche Berufe sind gerade sehr gefragt und bieten das beste Einkommen? Folgende Fragen können zur Reflektion genutzt werden: Bei welchen Tätigkeiten habe ich mich gut gefühlt und Spaß gehabt? Wo habe ich gutes Feedback bekommen? Was hat mich besonders interessiert? Wofür würde ich Sonntagmorgens um 5:00 Uhr freiwillig aufstehen? Wie wichtig sind mir Erfolg, Kollegialität, Einkommen oder Anerkennung? Welche Themen liegen mir besonders am Herzen? Mit welchen Unternehmen kann ich mich identifizieren? Was gibt mir Energie und Auftrieb im Job? Wo liegen meine Energiefresser, die mich viel Überwindung kosten? Ein Mensch, der sehr eigenständig agieren will, wird sich vermutlich in einem Beruf mit sehr starren Strukturen eher schwertun. Insofern sind Fragen nach Sicherheitsbedürfnis, Freiraum und Abwechslung, eigenständigem Arbeiten oder der Wunsch nach Routine und Teamorientierung sehr wichtig. Egal was es ist, es sollte im Einklang mit der Persönlichkeit stehen. Als nächstes geht es darum, ein konkretes Berufsziel festzulegen. Welcher Beruf kann viele dieser Merkmale vereinen? Ein Brainstorming mit Freunden, Familie oder Bekannten liefert erste Berufsideen, die durch eine Internetrecherche vertieft werden können. Ist das Ziel klar definiert, folgt die Abklärung, inwieweit dies im Leben integrierbar ist. Klarheit können auch hier Fragen bringen: Bin ich bereit meine Komfortzone zu verlassen und auch unangenehme Wege zu gehen? Bin ich bereit, Abstriche zu machen? Wie kann das Berufsziel erreicht werden – Ist das über ein Studium, eine Ausbildung, eine Weiterbildung oder über einen Quereinstieg möglich? In Stellenbörsen kann nach Stellenangeboten zum Traumberuf recherchiert und benötigten Anforderungen sondiert werden. Auch auf der Webseite berufenet.arbeitsagentur.de, der Bundesagentur für Arbeit, finden sich ausführliche Ausbildungs- und Tätigkeitsbeschreibungen von Berufen. Auf Netzwerkplattformen kann man nach Jobbezeichnungen suchen und sich anschauen, wie die Berufsinhaber zu dem Job gekommen sind.

Ein Zeitplan ist wichtig, um das ganze Vorhaben auch umzusetzen – Egal für welche Variante man sich entscheidet: Ein harter Cut oder ein langsamer Wechsel, indem ich z.B. die Arbeitszeit reduziere, um ein nebenberufliches Studium finanzieren zu können.

Wenn die berufliche Neuorientierung ins Stocken gerät, gilt es, mögliche Blockaden herauszufinden. Hier ist es ratsam, sich nicht von einer sicherheitsorientierten Umgebung beeinflussen zu lassen. „Warum willst du mit 35 noch mal studieren, du hast doch einen sicheren Job?“ ist so eine klassische Aussage. Es lohnt sich auf jeden Fall dranzubleiben und sich nicht von Hürden abschrecken zu lassen. Dann sollte die berufliche Neuorientierung auch gelingen.

Was raten Sie Beschäftigten, die mit dem Gedanken spielen, den Beruf zu wechseln?

Hanae Tominaga: Nichts überstürzen! Oft erlebe ich, dass sich irgendwo schnell bei einer Weiterbildung oder einem Studium angemeldet wird, ohne vorher das Karriereziel festgelegt zu haben. Es ist ganz zentral, sich bei der beruflichen Neuorientierung mit seiner Persönlichkeit zu beschäftigen und das am besten ausführlich und strukturiert. Wenn Schritt für Schritt das eben erwähnte Vorgehen umgesetzt wird, ist man für eine berufliche Neuorientierung bestens gewappnet. Wichtig ist es, überhaupt ins Handeln zu kommen. Der Neuanfang bringt oft Versagensängste mit sich. Das ist normal. Das Loslassen alter Sicherheiten fällt trotz der Unzufriedenheit erstmal schwer. Wer über eine Veränderung nachdenkt, wird sich auch darauf einstellen müssen, vielleicht eine falsche Entscheidung zu treffen. Das ist nicht schlimm, wenn ich die richtigen Schlüsse daraus ziehe und neu durchstarte. Lieber einen Fehler riskieren, als aus Angst gar nicht zu handeln! Und wenn man allein nicht weiterkommt: Professionelle Hilfe suchen! Dafür sind wir als Karriereberater die geeigneten Ansprechpartner und stehen sehr gern mit unserer umfangreichen Expertise auf dem Weg zur Neuausrichtung bereit.

Frau Tominaga, vielen Dank für das Gespräch!

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