Jörg Hohlfeld: Beschäftigten fehlt oftmals der Sinn für die eigene Tätigkeit

Jörg Hohlfeld ist selbständig tätig als Berater, zertifizierter Personal- und Businesscoach und Trainer in Augsburg. Mit ihm sprechen wir über Unzufriedenheit im Job, berufliche Neuorientierung sowie neue Herausforderungen.

Jörg Hohlfeld

Es gibt zahlreiche Gründe, warum Beschäftigte unzufrieden mit ihrem Job sind. Für viele ist aber eine berufliche Neuorientierung keine Option. Was sind die häufigsten Gründe, die zu einer Jobunzufriedenheit führen?

Jörg Hohlfeld: Es sind hauptsächlich Überforderung, d.h. zu wenig Personal und keine klare Führungskompetenz seitens der Führungskräfte. Meist noch zu viele Aufgaben lasten auf den Beschäftigten und auf den Führungskräften. Führungskräfte sind zu oft sehr operativ eingebunden wegen fehlendem Personal/Fachkräften. Das führt dazu, dass zu wenig bis kaum Zeit bleibt für die tatsächlichen Führungsaufgaben.

Ein weiterer Grund ist, dass Beschäftigte oftmals nicht stärkenorientiert ihren Talenten entsprechend eingesetzt sind und etwas tun, was Ihnen nur wenig Freude und Erfüllung schenkt. Es fehlt Beschäftigten oftmals der Sinn (Purpose), die Leidenschaft und Bedeutung für die eigene Tätigkeit, abhängig auch stark von der Kultur im Unternehmen und der direkten Führungskraft. Zudem hinterfragen gerade Beschäftigte ab ca. 30 Jahren mehr denn je die eigenen Werte und gleichen diese ab mit den gelebten Werten des Unternehmens und stellen fest, dass es dann einen Wertekonflikt gibt. Beschäftigte folgen noch zu stark dem Abarbeiten von Aufgaben, statt mit eigenen Zielen sich aktiv einzubringen und selbstbestimmt, eigenverantwortlich und kreativ zu sein. Enge Strukturen, ob Homeoffice-Regelungen, demotivierende Provisionssysteme oder patriarchische Führung werden niemals Menschen motivieren, sondern sie eher unzufrieden machen, weil sie sich nicht ihrer Persönlichkeit gemäß ausdrücken und verwirklichen können mit ihren Stärken und Talenten.  

Woher weiß man, dass es Zeit ist den Job zu wechseln, um sich neuen Herausforderungen zu stellen?

Jörg Hohlfeld: Oftmals erst dann, wenn der Leidensdruck groß ist oder wird und emotionale oder gar körperliche Auswirkungen spürbar sind, die nicht mehr verneint werden können. Wenn ich als Beschäftigter keine Chance mehr habe, aktiv das zu verändern, was mich demotiviert oder unzufrieden macht. Wenn die Maxime „change it“ oder „love it“ nicht mehr greifen, sondern nur noch die Wahl/ Entscheidung bleibt „leave it“. 

Auch Signale wie ständig ausgebrannt sein, Unlust und Kraftverlust sowie mangelnde Freude an der Tätigkeit oder im sozialen Miteinander, sind merkliche Hinweise auf ein Hinterfragen der aktuellen Jobsituation. Im Positiven kann es auch sein, dass ich erkenne, was meine Berufung ist und mich klar für diese entscheide.

Viele Beschäftigte über 35 haben Hemmungen sich neu zu orientieren. Kann man im fortgeschrittenen Alter noch adäquat Karriere machen?

Jörg Hohlfeld: In meiner Praxis kommen meist genau diese Altersklassen zu einer Karriere-/Laufbahnberatung, weil meist dann der Sinn hinterfragt wird oder die eigenen Werte nicht mehr zum Unternehmen passen usw. Ja, Karriere, ist alleine auch durch die aktuelle Digitalisierung und fehlenden Fachkräfte im späteren Alter leichter möglich als früher, weil Unternehmen immer mehr erkennen werden, dass sie genau diese Talente und motivierten Menschen brauchen, statt auf billige Arbeitskräfte zu setzen aus purer Profitgier oder sonstigen Gründen. Aus eigener Erfahrung kann ich das bestätigen, weil ich mich erst mit 47 Jahren selbständig gemacht habe, was spät war, jedoch die beste Entscheidung.

Ein Neuanfang ist immer schwer. Wie kann man mentale Hürden der Neuorientierung überwinden?

Jörg Hohlfeld: Zum Beispiel sich bewusst machen, welche Erfahrungen, Kenntnisse und Fertigkeiten ich mir im Laufe des Berufslebens angeeignet habe, welche Stärken und Talente entdeckt und ausgebaut wurden.  Das Ziel dabei: anzuerkennen, dass ich es selbst in der Hand habe mir meine Neuorientierung erfolgreich zu gestalten und ich dafür alles habe, was ich brauche. Sich mental unterstützen lassen, z.B. von einem Coach, Berater, um dadurch Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein zu stärken. Auch einmal alle positiven Erfahrungen schriftlich festhalten, in denen ich erfolgreich Herausforderungen im Leben bewältigt habe und mir somit meiner Stärken gefühlt bewusst mache. Auch anerkennen, dass die Unsicherheit auf einem neuen Weg ein ganz normales Gefühl ist und die Sicherheit erst beim zu Fuß gehen auf dem neuen Weg entsteht und sich festigt und nicht über Bücher, Seminare o.ä. 

Was muss man also tun, damit eine berufliche Neuorientierung gelingt?

Jörg Hohlfeld: Statt sich über viele Bücher und Tests am Ende mehr zu verwirren, lieber dort eine Unterstützung von Menschen einholen, die diesen Weg schon gegangen sind und ein Werkzeug und eine Prozessbegleitung auf Zeit anbieten, um eine gelingende Neuorientierung umzusetzen. Bei dieser Unterstützung entsteht leichter Schritt für Schritt Klarheit über die eigenen Werte, die Sinnhaftigkeit der erwünschten Tätigkeit, Kompetenzen, Interessen, Stärken und Talente sowie über praktische Möglichkeiten die eigene Vision in die Praxis umzusetzen und zu verwirklichen. Darauf vertrauen, dass sich vieles im Leben leichter erschließen lässt mit der Unterstützung von Profis, weil es für einen selbst bei unserem Anteil von 98 Prozent Unbewusstem ziemlich schwer fällt, z.B. eigenen blockierenden Überzeugungen und Glaubenssätzen zur beruflichen Neuorientierung auf die Spur zu kommen. 

Was raten Sie Beschäftigten, die mit dem Gedanken spielen, den Beruf zu wechseln?

Jörg Hohlfeld: Für sich zum Beispiel folgende Fragen zu klären: Möchte ich von etwas weg (fliehen, weil es anstrengend, emotional belastend etc. ist) oder möchte ich tatsächlich zu etwas hin, was viel mehr meiner Freude, Leidenschaft und meinen Talenten entspricht? Für sich zu klären, was mein „Warum“ ist, z.B. nur mehr Geld, mehr Sicherheit o.ä. und es wirklich das ist, was mir die Erfüllung und Freude schenkt? Eine wesentliche Frage lautet auch: Bei welcher Tätigkeit bin ich im Flow, vergesse Zeit und Raum, tanke ich Kraft auf und freue mich es, ohne Antrieb und Motivation von außen, einfach zu machen? Sich in einem kostenfreien Erstgespräch mit Karriereberatern, Business-Coaches o.ä. auszutauschen, um zu erfahren was denn mein Motiv des Wechsels tatsächlich ist und was meine Werte sind und mein Sinn für den neuen Beruf.

Herr Hohlfeld, vielen Dank für das Gespräch!

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