Manfred Baumert: Perspektiven der beruflichen Ausbildung

Manfred Baumert ist Geschäftsführer der 2benefit GmbH. Mit ihm sprechen wir über den Fachkräftemangel in Ausbildungsberufen.

Manfred Baumert

Der Fachkräftemangel in Ausbildungsberufen ist seit geraumer Zeit ein großes Thema. Welche Auswirkungen hatte die Corona-Pandemie auf die ohnehin schon wackelige Ausbildungsbranche?

Manfred Baumert: Die Bundesagentur für Arbeit registrierte im Ausbildungsjahr 2020/2021 mit einem Minus von zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum einen erheblichen Rückgang der Bewerbungen. Dies erklärt sich weitüberwiegend durch die Corona-Pandemie. In Krisenzeiten wächst die Verunsicherung. Schüler reagierten darauf auch in der Vergangenheit mit der Fortsetzung der Schullaufbahn. Doch diese Krise ist besonders. Pandemiebedingt konnte die Berufsberatung auch in den Schulen – wenn überhaupt – nur sehr begrenzt erfolgen. Das dürfte die Verunsicherung noch verstärkt haben. Betrieblicherseits besteht die Gefahr, dass aufgrund der geringeren Nachfrage in den Folgejahren weniger Ausbildungsplätze angeboten werden. Dies war auch bei der Weltfinanzmarktkrise zu beobachten. Das Ausbildungsplatzangebot kehrte danach nicht mehr annährend auf das Niveau vor der Wirtschaftskrise zurück.

Welche Gründe sehen Sie in der sinkenden Nachfrage? Handelt es sich einzig um Verunsicherung seitens der potentiellen Bewerberinnen und Bewerber?

Manfred Baumert: Natürlich liegt die sinkende Nachfrage auch an der demographischen Entwicklung. Sie wurde nur zeitweilig durch junge Flüchtlinge kompensiert. Die duale Ausbildung schneidet im Vergleich zu einem Studium in der Wahrnehmung vieler Schulabsolventen schon seit einigen Jahren schlechter ab. Ein Studium aufzunehmen, erscheint vielen attraktiver.

Vielfach kritisiert wird die mangelnde Attraktivität der Ausbildungsberufe aufgrund der geringen Entlohnung und den familienunfreundlichen Arbeitsbedingungen, als Beispiel in der Pflege. Nun kommt zudem die Verunsicherung durch die Corona-Pandemie hinzu. Welche Möglichkeiten haben Unternehmen noch, um die nächste Generation für sich zu gewinnen?

Manfred Baumert: Auf zwei Ebenen: Anreize durch konkrete Benefits und dem Auftritt des Unternehmens. Benefits können beispielsweise attraktive Schichtmodelle in der Gastronomie sein. Die (Teil-) Finanzierung des Führerscheins, Weiterbildungen, bei Eignung eine spätere Festanstellung, Aufstiegsmöglichkeiten oder eine Vergütung, die über der Ausbildungsvergütung liegt. Die Benefits sollten sowohl in den Stellenanzeigen als auch auf der Firmen-Website kommuniziert werden. Der Auftritt des Unternehmens muss aber auch Einblicke geben. Die Beiträge, Posts können auf verschiedensten Kanälen, auf denen auch und vor allem junge Menschen unterwegs sind, erfolgen: auf Google und damit auch auf der eigenen Homepage, Facebook, Instagram und TikTok. Je nach Kanal und deren Zielgruppe können entsprechende Beiträge veröffentlicht werden. Über TikTok kann beispielsweise für die jüngere Zielgruppe ein kurzes Video gepostet werden, indem ein Auszubildender des Unternehmens berichtet. Mittlerweile gibt es Smartphones, mit denen man Videos fast auf Kino-Niveau anfertigen kann und Bilder, deren Auflösung für Internetauftritte geeignet ist. Manchmal reicht es aus, identische Beiträge auf den verschiedenen Kanälen zu posten, manchmal müssen sie nur geringfügig modifiziert werden. Dem Malerfachbetrieb Frohmuth aus dem hessischen Otzberg ist das sehr eindrucksvoll gelungen. Sowohl auf der Website, Instagram und auf Facebook werden mit überschaubarem Aufwand interessante Einblicke gegeben: fachliche Expertise, die mit dem Bild des Tapezierers und Anstreichers aufräumt, ein Beruf aus Leidenschaft, eine tolle Belegschaft, ein super Arbeitsklima und Zusammenhalt und soziales Engagement. Und der Betrachter spürt: Das ist nicht aufgesetzt, das wird gelebt!

Bei der Teilnahme an Jobmessen geht es um ein aktives Zugehen auf die Schulabsolventen, sie anzusprechen und zu begeistern. Viele Unternehmen haben so viel mit ihren Ausbildungsberufen zu bieten, verstehen es jedoch nicht, es nach außen zu kommunizieren. Vielleicht auch deshalb, weil es für sie selbstverständlich, Alltag ist.

Berufliche Identität und Selbstbewusstsein wird auch durch attraktive, wertige Berufskleidung, beispielsweise im Handwerk, gestärkt. Mit der man sich im wahrsten Sinne des Wortes sehen lassen kann, die die vorhandene Professionalität auch nach außen kommuniziert.

Immer mehr Schulabgänger entscheiden sich aufgrund der besseren Bedingungen für ein Studium. Was bedeutet dies für Ausbildungsberufe im Zusammenhang mit der Akademisierung. Werden in Zukunft vielleicht auch Tischler, Konditoren und Maler in einer Hochschuleinrichtung ausgebildet?

Manfred Baumert: Diese drei Ausbildungsberufe sind auch perspektivisch nicht von der Akademisierung bedroht. Bei einer ganzen Reihe von kaufmännischen Ausbildungen, einigen Gesundheits- und Erziehungsberufen, der Mechatronik und IT, sieht das schon anders aus. Ungefähr 95 Ausbildungsberufe sind durch die Akademisierung betroffen, die damit zur Erosion der dualen Ausbildung beiträgt. Die duale Ausbildung, um die Deutschland weltweit bewundert wird, hat für die Unternehmen einen großen Vorteil: Die Verzahnung der Theorie mit einem hohen Anteil betrieblicher Praxis. In akademisierten Ausbildungen erfolgt vielfach erst nach ihrem Abschluss die vermehrte und eigentliche Bewährung in der Praxis. Oder um mit Clausewitz zu sprechen: Das Wissen muss ein Können werden.

Fachkräfte werden zwar dringend gebraucht, doch muss der Beruf auch die wirtschaftliche Unabhängigkeit garantieren können. Was raten Sie der kommenden Generation, die vor der Entscheidung Ausbildung oder Studium steht?

Manfred Baumert: Eine hohe Abiturienten-Quote um die 50% und eine zunehmende Akademisierung dürfte perspektivisch auch Einfluss auf das Gehaltsniveau haben und den aktuellen Vorteil sukzessive relativieren. Hinzu kommt, ebenfalls strategisch betrachtet: Wenn zukünftig alles was digitalisierbar ist, digitalisiert wird, wird perspektivisch menschliche Arbeit teuer. Wer eine Ausbildung – entsprechendes Talent und Interesse vorausgesetzt – mit dem Ziel der späteren Selbstständigkeit systematisch angeht, hat gute Chancen, ein überdurchschnittliches Einkommen zu erzielen. Durch die demographische Entwicklung und das stärkere Bedürfnis vieler jüngerer Menschen nach Sicherheit durch ein Anstellungsverhältnis, ergibt sich hier Potenzial. Da Betriebsübernahmen häufig nicht rentabel sind, spreche ich hier Neugründungen an. Damit meine ich weniger den Handel. Durch Corona droht bis zu 60% der Innenstadtkaufleute die Geschäftsaufgabe. Ich denke an Handwerksberufe, die nicht so schnell durch die Digitalisierung bedroht sind. Voraussetzung ist eine entsprechend frühzeitig geplante und strategische Vorgehensweise. Das beginnt schon mit der Auswahl eines angesehenen Handwerksbetriebes mit hohem Lernpotenzial. Wer gegen die Selbstständigkeit einwendet, es gäbe doch schon so viele Betriebe in dem Gewerk vor Ort kann beruhigt sein. Auch heute noch haben viele Handwerker große Schwächen bei der Kundenorientierung, dem Service und der Offenheit gegenüber aktuellen technischen und digitalen Erfordernissen. Wer neben qualitativ hochwertiger Arbeit hierauf den Fokus legt, der braucht die Mitbewerber aus dem Gewerk nicht zu fürchten. Aber auch diejenigen, die sich aus den weiter oben genannten Gründen für das Handwerk entscheiden, aber nicht den Schritt in die Selbstständigkeit gehen wollen, verfügen über Optionen durch die Durchlässigkeit im Bildungssystem. In einigen Bundesländern ist unter gewissen Voraussetzungen ein Studium auch ohne Abitur möglich. Und das Gehalt eines Werkstattleiters in der KFZ-Branche kann sich ebenfalls sehen lassen.

Dieses Jahr sind erneut 15.000 weniger Lehrstellen angeboten worden. Hinzu kommt, dass trotz des geringeren Angebots ein großer Teil der Lehrplätze unbesetzt bleibt. Welche Prognose geben Sie für die Ausbildungsbranche?

Manfred Baumert: Ich befürchte nicht nur, dass pandemiebedingt auch das Ausbildungsjahr 2021/2022 schwächer ausfällt. Es besteht die Gefahr, dass die Ausbildung bei einigen Schulabgängern aus dem Fokus gerät. Auch strukturell gerät die Ausbildung unter Druck, da nicht wenige Ausbildungsverordnungen und die technischen Ausstattungen vieler, insbesondere kleiner Betriebe, nicht den aktuellen Anforderungen gerecht werden. Wird hierauf nicht zeitnah reagiert, wird sich das zukünftig auch auf die Beschäftigungs- und Einkommensperspektiven niederschlagen. Wir brauchen aber auch zukünftig Talente in den Ausbildungsberufen, denn die Köpfe entscheiden den Wettbewerb.

Herr Baumert, vielen Dank für das Gespräch!

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